Es sind aufgewühlte Zeiten, in die der Weltfrauentag am heutigen Donnerstag hineingerät. Die #metoo-Debatte hat vieles ins Rollen gebracht, was lange Zeit mit einem Tabu belegt war. Sexuelle Übergriffe, der männliche Missbrauch von Machtpositionen, unterschiedliche Bezahlung – es scheint, als habe die Frauenbewegung einen Punkt erreicht, hinter den es kein Zurück mehr geben wird. So zumindest die Hoffnung vieler Aktivistinnen.

Nachgeben wollen sie jedenfalls nicht, auch wenn inzwischen die gesellschaftlichen Risse beim Thema deutlicher werden. Blinde Wut wird einigen Frauen vorgeworfen, die Debatte nerve und führe in einen neuen männerhassenden Puritanismus. Andere ärgern sich über affektheischende Symbole, wie etwa die deutsche Schauspielerin Senta Berger. Deshalb hält sie auch nichts von der Idee, rote Teppiche als Beitrag zur #metoo-Debatte schwarz einzufärben. Ein schwarzer Teppich sei nicht mehr als „ein Signal, das morgen vergessen ist“, sagte sie. Vielmehr gehe es darum, eine gesellschaftspolitische Debatte auszulösen. „Das sollten wir uns nicht kaputtmachen mit so Kinkerlitzchen.“

Aufgeben wollen die Frauen dennoch nicht. Schon gar nicht heute, am Weltfrauentag. Am Internationalen Frauentag fordern weltweit zahlreiche Organisationen die volle soziale, wirtschaftliche, kulturelle und politische Gleichstellung von Frauen. Seit 1921 wird er jährlich am 8. März gefeiert. 1977 erkannte die UN-Generalversammlung den 8. März als Internationalen Frauentag an. 1911 fand er das erste Mal statt, als Frauen für ihr Wahlrecht kämpften – in Deutschland erreichten sie dieses im Jahr 1918, also vor genau hundert Jahren.

Doch was wollen Frauen heute? Der Fotograf Kieran E. Scott hat 200 Frauen gefragt, was sie bewegt. Entstanden sind Porträts beeindruckender Frauen, die sich in sozialen, kulturellen oder ökologischen Projekten engagieren. Fünf Fragen hat sein Team den Frauen gestellt: Was ist Ihnen wichtig? Was macht Sie glücklich? Worin besteht Ihr tiefstes Leid? Wie wurden Sie die Welt verändern, wenn Sie könnten? Welches Wort beschreibt Sie am besten?

Herausgekommen ist so eine Reise durch die Gedankenwelt ganz unterschiedlichster Menschen. Prominente wie Nichtprominente gewähren Einblick in ihre Seelenlage und geben intime Einblicke, die zeigen, was wirklich wichtig ist im Leben. Alle Texte und Bilder auf dieser Seite stammen aus dem Buch. (Kieran E. Scott, Fotografie/Blackwell & Ruth /Elisabeth Sandmann Verlag, Text)

Ruth Hobday, Geoff Blackwell, Kieran E. Scott: „200 Frauen – Was uns bewegt“, Übersetzung von Maria Zettner und Karla Hahndorf, Elisabeth Sandmann Verlag, 2017, 288 Seiten, 35 Euro

 

Aminatta Forna, Britische Schriftstellerin („Ein Lied aus der Vergangenheit")

Aminatta Forna
Aminatta Forna | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Häufig bekomme ich eine Frage zu hören, es fängt an mit: ,Sie stammen doch aus zwei so unterschiedlichen Kulturen, Schottland und Sierra Leone?’ Ich antworte dann meistens: ,Waren Sie schon mal in Sierra Leone?’ Meist folgt ein Nein, worauf ich erwidere: ,Woher wissen Sie dann, dass die Kulturen so unterschiedlich sind?’ Die beiden Länder sind sich in Wirklichkeit nämlich verblüffend ähnlich. Nehmen wir zum Beispiel meine Großväter von der schottischen und von der sierra-leonischen Seite. Sie waren beide nicht glücklich über die Heirat meiner Eltern; beide sind große, schlanke und sehr sportliche Männer; einer ist Presbyterianer, der andere Muslim, beide sind sehr religiös. Beide sind auch ausgesprochene Patriarchen und sie neigten dazu, mich als Kind zu verwöhnen. Wenn man das nachvollziehen kann, dann sieht man auch ein, dass alle Menschen gleich sind.“

 

Inge Haselsteiner, Österreich, unterstützt seit einigen Jahren als Anästhesistin die Organisation „Women for Women“

Inge Haselsteiner
Inge Haselsteiner | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Ich würde die Mitgift in Ländern wie Indien und Bangladesch verbieten. Obwohl es illegal ist, müssen Familien hohe Mitgiftzahlungen für ihre Töchter leisten. Auch heute noch wird jedes fünfte Mädchen direkt nach der Geburt von der eigenen Mutter getötet, da die Familien die Mitgift nicht aufbringen können. Zur Strafe werden die Ehefrauen durch Säure oder Brandattacken ermordet oder entstellt. Sie werden verstoßen und unversorgt sich selbst überlassen. Ihre Wunden zu heilen ist eine Sache, aber was passiert danach? Man muss ihnen die Möglichkeit einer Ausbildung geben, damit sie sich selbstständig ernähren können.“

 

Ronni Kahn, Australien, Gründerin der Wohltätigkeitsorganisation OzHarvest

Ronnie Kahn
Ronnie Kahn | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„In meiner Kindheit wurde mir bewusst, wie wichtig finanzielle Sicherheit ist. Meine Mutter bläute mir ein, dass Geld wesentlich zum Überleben ist, denn als ich sechs war, wäre mein Dad um ein Haar bei einem Unfall ums Leben gekommen. Er lag zwei Jahre im Krankenhaus, deshalb musste meine Mutter den Lebensunterhalt für meinen Vater und drei Kinder bestreiten. Ihr ganzes Leben lang hat sie gespart, damit sie im Ruhestand genug Geld haben würde. Kurz nach ihrem Renteneintritt ist sie dann überraschend gestorben. Das war mir eine wichtige Lehre: Geld ist nützlich zum Leben, aber man sollte ihm nicht sein ganzes Leben unterordnen.“

 

Anne-Sophie Mutter, geboren in Rheinfelden, mehrfach ausgezeichnete Violinistin

Anne Sophie Mutter
Anne Sophie Mutter | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Ich bin von so viel Traurigkeit und Schmerz umgeben, dass es mir manchmal schwerfällt, morgens aufzustehen und einen neuen Tag in Angriff zu nehmen, aber ich möchte die Botschaft ausgeben, dass wir heute dringend einen stärkeren Sinn für Empathie benötigen. Es geht nicht darum, dass der Durchschnittsbürger Millionen spenden soll, sondern eher, dass wir uns das extreme Privileg bewusst machen müssen, das einige von uns genießen. Ich lebe in einem Land, in dem kein Krieg herrscht, in dem meine Kinder eine gute Bildung erfahren und in dem sie eine Zukunft haben. Aber von den 7,4 Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben zwei Drittel in Gegenden, die von bewaffneten Konflikten überschattet sind.“

 

Katarina Pirak Sikku, Schweden, Künstlerin

Katarina Pirak
Katarina Pirak Sikku | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Ich bin eine Samin, und meine Kultur ist mir wichtig. Die Samen sind ein indigenes Volk der Arktis der Skandinavischen Halbinsel und der Kola-Halbinsel. Ich lernte erst mit 21 Jahren, Samisch zu sprechen, denn, als meine Eltern aufwuchsen, war es ihnen verboten worden, und so sprachen sie zu Hause nur Schwedisch. In der Schule habe ich nichts über die Geschichte meines Volkes erfahren, weil sie einfach nicht gelehrt wurde. Natürlich habe ich alles über die schwedischen Könige und ihre Kriege gelernt – ich wusste alles über eine Geschichte, als deren Teil ich mich nicht fühlte.“

 

Kanchan Singh, Indien, Fahrerin beim Motorradtaxi-Service Bikxie

Kanchan Singh
Kanchan Singh | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Delhi ist kein sicherer Ort für eine Frau – das gibt mir ein mulmiges Gefühl und macht mich wütend. Das tiefste Leid ist die Gewalt gegen Frauen und Kinder, die ich mitbekomme. Ich bin den ganzen Tag auf der Straße unterwegs und erlebe da so viel Gewalt. Die Menschen hier regen sich unheimlich schnell auf wegen der vielen Verkehrsstörungen. Wenn die Straßen verstopft sind, herrscht das absolute Chaos. Es wird gehupt und die Leute fauchen sich an. Diese Form von Gewalt macht mich einfach nur traurig, weil sie nicht sein müsste. Mein Job dient dazu, Frauen zu befördern, damit sie nicht mehr belästigt werden, deshalb würde ich die Welt für sie sicherer machen. Wäre es nicht schön, wenn Frauen keine Angst mehr haben müssten, belästigt oder überfallen zu werden, während sie ihr Leben leben?“

 

Nomvula Sikhakhane, Südafrika, wurde als kleines Mädchen vom Stiefvater missbraucht

Sikhakhane
Nomvula Sikhakhane | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Obwohl ich nicht ungeschehen machen kann, was passiert ist, kann ich meine Einstellung dazu beeinflussen und ein glücklicher Mensch werden. Denn nichts ist so wichtig wie Glück. Es ist sinnlos, wütend zu bleiben und Dinge immer zu hinterfragen, die du nicht ändern kannst. Stattdessen kannst du aber aus etwas Negativem etwas Positives machen. Und bisher ist mir das, glaube ich, gelungen. Ich habe akzeptiert, was ich nicht ändern kann, und etwas Positives daraus gemacht. Ich habe gelernt, ein glücklicher Mensch zu sein und loszulassen.“

 

Rosemary Jones, England, Gynäkologin, kam als Mann zur Welt

Rosemary Jones
Rosemary Jones | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Ich bin entsetzt über die Gefahr, die von Menschen wie Donald Trump ausgeht. Ich habe Angst vor ihm und seiner Bedeutung für die Welt. Ich habe auch Angst, dass andere Staatschefs seinem Regierungsstil nacheifern werden, und ich habe Angst um die Welt. Alles geht den Bach runter, und mir ist nicht klar, wie das passieren konnte – wie alles so schiefgehen konnte. Rodrigo Duterte ist ein richtiger Bastard, genauso wie Kim Jong Un und NigelFarage. Was für Idioten! Haben wir denn nichts gelernt? Uns stehen doch Bürgerkriege und eventuell auch noch ein weiterer Weltkrieg bevor – das ist doch grauenvoll.“

 

Kimbra, Neuseeland, Musikerin („Somebody that I used to know“)

Kimbra
Kimbra | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Wenn man der Meinung ist, die ganze Welt verändern zu können, kann man schnell desillusioniert werden, aber die einzige Sache, von der ich wirklich sagen kann, ich hätte Macht über sie, bin ich selbst. Also muss ich mich fragen: Wie kann ich die Angst überwinden? Wie kann ich ein besserer Mensch werden, ein gütigerer oder ein liebevollerer Mensch? Und als Musikerin habe ich das Gefühl, etwas zu bewegen, denn Musik – indem sie Hoffnung und Liebe kommuniziert – hat die Macht, die ganze Welt zu erreichen.“

 

Pia Sundhage, Schweden, Cheftrainerin der Fußballnationalmannschaft der Frauen

Pia Sundhage
Pia Sundhage | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Es macht mich glücklich, zu wissen, dass Frauen, die Fußball lieben, die Welt ein klein bisschen verändert haben. Heutzutage gibt es professionelle Spielerinnen, und Mädchen können in der Schule Fußball spielen, aber das war nicht der Fall, als ich klein war. Ich erinnere mich, dass, als ich sechs war, ich den Ball lieber schießen wollte, anstatt ihn zu werfen. Man sagte zu mir: ,Du kannst bei uns mitmachen, aber wir müssen ein bisschen tricksen.’ Also nannten sie mich nicht Pia, sondern Pelle, was ein Jungenname ist. Ein Mädchen beim Männersport zu sein war damals sehr ungewöhnlich – und ist es immer noch –, aber man kann einen Weg um die Hindernisse herum finden.“

 

Winnie Madikizela-Mandela, Südafrika, war 38 Jahre mit Nelson Mandela verheiratet

Winnie Mandela
Winnie Madikizela-Mandela | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Ich bin schon mein ganzes Leben lang Politikerin. Die Umstände in meinem Land haben mich dazu gemacht. Ich hatte nie die Absicht, Politikerin zu werden, aber die frühere südafrikanische Regierung, die so ungerecht und brutal vorging, zwang regelrecht jeden Schwarzen hier, einer zu werden – jeder schwarze Haushalt war im Grunde ein politisches Organ. Ich bin hineingeraten in den Sumpf, und dann wurde ich im Kampf für unser Volk eine der Freiheitskämpferinnen an vorderster Front. Der Afrikanische Volkskongress ist meine Familie, für ihn sitze ich auch im Parlament. Wenn ich morgen aufwachen würde und kein Mitglied des Afrikanischen Nationalkongresses mehr wäre, ich wüsste gar nicht, was ich dann tun würde – auch wenn ich ursprünglich Sozialarbeiterin war. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass ich etwas anderes sein könnte als eine Kämpferin für die Befreiung meines Volkes und meines Landes.“

 

Jody Williams, USA, wurde 1997 für ihr Engagement in der Internationalen Kampagne für das Verbot von Landminen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet

Jody Williams
Jody Williams | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Wenn du einen Nobelpreis verliehen bekommst, wirst du nicht automatisch eine Mutter Teresa. Es gibt nun mal Menschen, die ich nicht ausstehen kann, und das ist eine Tatsache. (...) Ein Wort, das mich beschreibt? Fuck vermutlich! Ich liebe es. Als ich es das erste Mal zu Hause sagte, waren meine Eltern entsetzt. Meine Mutter, die jetzt 68 ist, bittet mich inständig, dieses Wort nicht in der Öffentlichkeit zu benutzen, weil es – ich könnte mich totlachen, sie ist einfach goldig – mein Nobel-Image beschmutzt. Aber so bin ich nun mal.“

 

Bettina Böttinger, Deutschland, TV-Moderatorin beim WDR

Bettina Bottinger
Bettina Bottinger | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Ich habe sehr lange gebraucht, um mich von Vorurteilen zu befreien und dem Gefühl, alleine zu sein. Ich wusste, dass ichkämpfen und mich durchsetzen musste. Ich hatte eine schwere Zeit in der Schule, vor allem nachdem bekannt wurde, dass ich lesbisch bin und eine Freundin hatte. Ich wollte das gar niemandem erzählen, aber die Eltern meiner Freundin fanden einen Brief von mir. Um ein Haar wäre ich von der Schule geflogen. Auch meine eigene Familie war über diese Entwicklung alles andere als glücklich. Ich fühlte mich aber innerlich stark und habe das alles durchgestanden, auch später in meinem Beruf, als ich das zweite Coming-out in der Öffentlichkeit hatte. Ich bin angefeindet worden, aber das hat mich stärker gemacht, und heute bin ich viel gelassener und kann andere Frauen unterstützen. Mit sechzig Jahren habe ich meine Freundin geheiratet.“

 

Hibo Wardere, Somalia, Vorkämpferin gegen die weibliche Genitalverstümmelung

Hibo Wardere
Hibo Wardere | Bild: Herausgeber Elisabeth Sandmann Verlag

„Der Augenblick, der mein Leben für immer veränderte, ereignete sich, als ich sechs war. In Westafrika wird die FGM (Genitalverstümmelung) auf eine extreme Weise durchgeführt. Die Genitalien werden vollständig entfernt, und es bleibt nur ein winziges Loch übrig, durch das die Frauen menstruieren, Sex haben und Kinder gebären sollen. (...) In Somalia führt man FGM durch, um die Jungfräulichkeit der Frau zu erhalten – und das geht nur, indem man die Frau versiegelt. Als ich die FGM durchlitt, habe ich mich komplett abgeschottet. Ich hatte das Gefühl, dass alle Erwachsenen in meinem Umfeld mich im Stich gelassen hatten, vor allem meine Mutter. Ich hatte ihr vertraut, aber als ich an diesem Tag laut schrie, hat sie mir nicht geholfen.“