Die einen haben Beamte oder Selbstständige geheiratet, Kinder erzogen und kehrten später als Angestellte in einen Beruf zurück. Andere waren länger im Ausland, als Freiberufler zeitweise privat, manchmal gar nicht krankenversichert – und jetzt, im Ruhestand, fehlen oft nur Monate, um den Sprung in die günstige Krankenversicherung der Rentner (KVdR) zu schaffen.

Menschen mit Lücken in der Erwerbsbiografie gibt es zuhauf, wie Stefan Schemm, Krankenversicherungsexperte der Verbraucherzentrale Bayern berichtet. Die Betroffenen müssen sich meist für viel Geld freiwillig oder privat krankenversichern.

Dabei könnten so manche Rentner mit Nachwuchs vielleicht doch noch in die KVdR hinein. Selbst rückwirkend kann das klappen. Je mehr Kinder, desto größer die Sparchance. Nur – das legale Schlupfloch ist weitgehend unbekannt. Automatisch rücken die Kassen keine Verbesserung heraus.

Senioren können profitieren, wenn sie in der Krankenversicherung für Rentner sind. Dafür müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein.
Senioren können profitieren, wenn sie in der Krankenversicherung für Rentner sind. Dafür müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. | Bild: Stephan Scheuer, dpa

Warum kommt nicht jeder Rentner in die KVdR?

Viele Erwerbstätige hören bei Rentenbeginn oft zum ersten Mal von folgender Hürde, die es zu nehmen gilt: Nur wer in der zweiten Hälfte seines Arbeitslebens mindestens zu 90 Prozent bei einer gesetzlichen Krankenkasse oder mitversichert war, kann auch im Ruhestand in die günstige Pflichtversicherung hinein, in die KVdR. Das ist keine eigene Kasse, sondern ein versicherungsrechtlicher Status, den alle gesetzlichen Krankenkassen anbieten. Die KVdR ist für Rentner eine feine Sache.

Wer hineinkommt, spart viel Geld. Die Vorversicherungszeit wird taggenau berechnet. Sie beginnt mit dem ersten Arbeitstag und endet mit dem Tag des Rentenantrags. Die Kalendertage dazwischen werden gezählt und dann geteilt. Relevant ist die zweite Hälfte des Berufslebens, in der man zu 90 Prozent gesetzlich versichert sein musste. Manchmal fehlen nur ein paar Tage, einige Monate, oft auch ein paar Jahre, um in die KVdR zu kommen. Wer es nicht schafft, dem bleibt im Alter nur die freiwillige oder private Absicherung.

Wie kommt man rein?

Wer im Berufsleben kontinuierlich in einer gesetzlichen Krankenkasse war, schafft die Zugangshürde, auch 9/10-Regel genannt, problemlos. Ob jemand pflicht-, mit- oder freiwillig versichert war, spielt dabei keine Rolle. Sobald sich größere Lücken im Arbeitsleben auftun, kommen die nötigen Versicherungszeiten nicht zusammen. Das trifft etwa Bürger, die zeitweise gar nicht oder eine Zeit lang privat krankenversichert waren, etwa als Selbstständige, Freiberufler oder bei einem Auslandsaufenthalt.

Den Sprung in die KVdR verpassen häufig auch Frauen mit Mini-Rente, mit einem Beamten als Ehepartner sowie Erwerbsminderungs- oder Frührentner. Das kann richtig teuer werden. Freiwillig gesetzlich Versicherte haben den Nachteil, die volle Beitragslast auch auf Betriebsrenten vom ersten Euro an, auf Unterhaltszahlungen vom Ex-Partner oder auf Einkünfte aus Vermietung und Kapitalvermögen zahlen zu müssen, wie die Berliner Rentenberaterin Anke Voss betont.

Selbst das Einkommen eines privat krankenversicherten Ehepartners zählt mit. Wer im Ruhestand günstig über die KVdR krankenversichert sein möchte, sollte in jungen Jahren die Weichen dafür stellen, möglichst noch vor dem 40. Lebensjahr.

Wer in die KVdR wechseln kann und will, muss selbst aktiv werden.
Wer in die KVdR wechseln kann und will, muss selbst aktiv werden. | Bild: Maurizio Gambarini, dpa

Wie können Kinder helfen?

Rentner mit Nachwuchs, denen der Zugang zur KVdR versagt blieb, können den eigenen Fall prüfen lassen, erklärt Rentenberaterin Voss. Denn: Seit 1. August 2017, seit der Reform des Heil- und Hilfsmittelgesetzes, gibt es eine wenig bekannte Wechselchance. Seither werden nicht nur die Tage gezählt, die nötig sind für den KVdR-Status.

Es zählt auch die Kinderschar. Pro Kind – ob leiblich, Stief- oder Pflegekind – wird pauschal die Zeit von drei Jahren gutgeschrieben. Das kann sich jeder Elternteil anrechnen lassen. Wer die Kinder erzogen hat, spielt keine Rolle. Wichtig: Diese Sparchance gilt nicht nur für Neu-Rentner, sondern auch für Senioren, die längst im Ruhestand sind. Ist etwa eine dreifache Mutter im Alter freiwillig krankenversichert, weil ihr zu Rentenbeginn acht Versicherungsjahre fehlten, hat sie beste Karten, im Nachhinein doch noch in die KVdR hineinzukommen.

Was ist zu tun?

Krankenkassen berechnen nur auf Antrag neu. Bei Bestandsrentnern sind sie nicht verpflichtet, von sich aus zu prüfen und die Kinderzeiten gutzuschreiben. Am einfachsten lässt sich der Antrag stellen bei der Kasse, bei der man zuletzt versichert war, erklärt Schemm. Wer einen formlosen Brief schreibt und gleich Kopien der Geburtsurkunden seiner Kinder beilegt, macht alles richtig. Hat die Kasse eine Geschäftsstelle, ist der Antrag auch dort möglich. Die Vorversicherungszeiten für die KVdR werden dann nochmals gecheckt und bestenfalls korrigiert. Die Versicherungspflicht kann rückwirkend geändert werden. Zu viel Gezahltes gibt es zurück.

Generell gilt: Automatisch ändert sich nichts. Wer sparen will, muss sich aktiv kümmern. Hilfestellung bieten unter anderem Rentenberater oder auch die Experten vom Sozialverband VdK. Ein Beispiel aus der Beratung des VdK Bayern: Ein freiwillig krankenversicherter Rentner und vierfacher Vater kann jetzt monatlich 300 Euro an Beiträgen sparen. Noch zu seinem Rentenbeginn hatte der frühere Selbstständige die Hürde zur KVdR nicht geschafft. Die Kinderschar erwies sich letztlich als Türöffner für eine günstigere Absicherung.

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Lohnt sich der Umstieg immer?

Nicht für alle Senioren sei ein Umstieg problemlos möglich, betont Voss. Zwar können privat krankenversicherte Rentner die Anrechnungsmöglichkeit von Kindern grundsätzlich ebenfalls prüfen lassen. Ob ein Wechsel in die KVdR für sie überhaupt Sinn macht, hängt jedoch von vielen Umständen ab, nicht allein von der 9/10-Regel.

Finanziell nachteilig kann ein Umstieg dann sein, wenn Privatversicherte eine Betriebsrente bekommen, mahnt Voss. Weil Pflichtversicherte auf diese Einkünfte – bis auf einen Freibetrag – den vollen Krankenkassenbeitrag abführen müssen, Privatversicherte aber nicht, muss ein Wechsel gut durchgerechnet sein. „Häufig lohnt sich der Umstieg einfach nicht“, sagt Voss. Wer fachkundige Unterstützung braucht, kann sich an den Sozialverband VdK, an eine Verbraucherzentrale oder an einen Rentenberater wenden unter www.rentenberater.de.