Der gewohnte Last-Minute-Einkauf kurz vor Weihnachten kann böse ausgehen und für gähnende Leere unter dem Weihnachtbaum sorgen. Bei beliebten Geschenken wie Unterhaltungselektronik oder Deko droht ein nie gekannter Engpass. Wer also nicht rechtzeitig kauft, geht leer aus.

Halbleiter sind Mangelware

Halbleiter sind schon seit Monaten Mangelware. Und was hergestellt wurde kommt nicht an, weil die weltweite Seelogistik die Container nicht schnell genug ans Ziel bringen kann. Die Autoindustrie ist deshalb schon seit Monaten ausgebremst, weil die Chips für die vielen elektronischen Helferlein nicht zu bekommen sind. Aber auch die Lieferzeiten für Haushaltsgeräte ziehen sich kaugummiartig in die Länge. „Unter manchem Baum könnte der Platz in diesem Jahr leer bleiben, falls jemand erst am letzten Adventssamstag nach begehrten Geschenken sucht“, erklärt Gerhard Wolf, leitender Analyst des Corporate Research der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Wird die Spielkonsole Nintendo Switch rechtzeitig ausgeliefert?
Wird die Spielkonsole Nintendo Switch rechtzeitig ausgeliefert? | Bild: Christophe Gateau, dpa

„Insbesondere im Bereich der Unterhaltungs-Elektronik besteht aufgrund des Chipmangels eine erhebliche Knappheit“, so Wolf. Das dürfte das Weihnachtsgeschäft vor allem bei Handys, Konsolen und Smartwatches beeinträchtigen. „Wir gehen davon aus, dass einige Gaming-Produkte im Weihnachtsgeschäft daher nur schwer zu bekommen sind“, bestätigt Felix Falk. Geschäftsführer von Game, dem Verband der deutschen Videospielbranche. Über Lieferprobleme klagt auch die Fahrradindustrie.

„Wer ganz genau weiß, was es sein soll, und bei Farbe, Ausstattung, Einzelteilen sehr festgelegt ist, kann Pech haben und lange warten müssen“, warnt Burkhard Stork, Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verband (ZIV), gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Wer flexibler sei, komme schneller zu einem neuen Rad – ob mit oder ohne elektronische Unterstützung. Sein Tipp für Weihnachten: „Jetzt was Schönes kaufen, was im Laden steht oder lieferbar ist.“

Mangel herrscht nicht überall – viele Güter gleich zu bekommen

Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektroindustrie (ZVEI) zeichnet ein differenziertes Bild. Vier von fünf Kunden hätten beim Kauf eines TV-Geräts keine Lieferverzögerungen beklagt. Probleme könne es dagegen bei Haushaltsgroßgeräten geben. Dazu zählen beispielsweise Kühlschränke oder Waschmaschinen. „Bei Elektro-Haushaltsgroßgeräten kann derzeit nicht jeder Kunde damit rechnen, sein Wunschgerät wie gewohnt gleich mitnehmen zu können oder innerhalb der gewohnt kurzen Frist geliefert zu bekommen“, warnte Weber.

LBBW-Analysten raten Verbrauchern zu früher Bestellung von Waren

Für die LBBW-Analysten bleibt auch unsicher, wie schnell andere Anbieter, beispielsweise im Textilbereich, angesichts der steigenden Nachfrage hinterherkommen. Der Einzelhandel versuche zwar, mit verstärkten Vorbestellungen Lieferengpässe an Weihnachten zu vermeiden. Die Konsumenten brauchen aber Geduld und Flexibilität und sollten vorausschauend einkaufen, raten die Analysten der Bank.

Die Nachfrage nach E-Bikes (hier von Kettler) ist höher als das Angebot.
Die Nachfrage nach E-Bikes (hier von Kettler) ist höher als das Angebot. | Bild: Oliver Dietze, dpa

Noch im Sommer herrschte allgemeiner Optimismus. Nach dem pandemiebedingten Stillstand sollte es rasch zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen, die sogar viele Jahre andauern sollte. Und tatsächlich sind die Auftragsbücher im Auto- und Maschinenbau voll. Nur liefern können die Unternehmen nicht, weil beispielsweise die entscheidenden elektronischen Bauteile fehlen. Analyst Wolf beobachtet einen sogenannten Peitscheneffekt: „Die Nachfrage steigt um zehn Prozent, der Einzelhändler bestellt 25 Prozent mehr beim Großhändler und der zahlt beim Hersteller 50 Prozent mehr.“ Dies werde dadurch verstärkt, dass jeder versuche so viel wie möglich von der fehlenden Ware zu bekommen. Wolf vergleicht das mit Hamsterkäufen.

Produzenten fehlt Material

Knapp sind Elektronikbauteile, Stahl und Kunststoff. Drei von vier Unternehmen sehen ihre Abläufe aufgrund von Materialmangel beeinträchtigt. Auch weniger hochtechnisierte Produkte sind nur eingeschränkt erhältlich. Selbst wenn die Waren fertig sind, heißt das noch lange nicht, dass sie auch beim Konsumenten ankommen. In vielen chinesischen Häfen stauen sich volle Container, weil die Regierung coronabedingt Personal abgezogen hat oder die Inlandsversorgung bevorzugt.

Elektronik funktioniert nur mit Halbleitern. Die meisten kommen aus Asien.
Elektronik funktioniert nur mit Halbleitern. Die meisten kommen aus Asien. | Bild: Franziska Gabbert, dpa

Noch halten sich die Auswirkungen für die Gesamtkonjunktur in Grenzen, aber das LBBW Research hat bereits seine Prognose für das Bruttoinlandsprodukt 2021 von zuletzt 3,2 auf 2,8 Prozent angepasst. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) schraubte seine Erwartung von 3,9 auf 2,6 Prozent nach unten. „Zulieferengpässe sind mittlerweile das größte Wachstums- und damit Ertragsrisiko für die Industrie“, so Wolf.

Bereits absehbar sei aber, dass die Unternehmen langfristig eine Regionalisierung ihrer Lieferbeziehungen nicht mehr vermeiden könnten. Der Analyst sieht vor allem den Mittelstand betroffen: „Da diese Unternehmen eher kleinere Mengen bestellen, ist es wahrscheinlich, dass Großabnehmer bevorzugt werden.“ Ohne Material können sie keine Aufträge ausführen, mit deren Bezahlung sie Löhne und Abgaben begleichen. „Ihnen droht schlimmstenfalls trotz voller Bücher die Insolvenz“,