Früher war alles besser. Diesen Satz hört man oft, wenn man mit älteren Beschäftigen des traditionsreichen Maggi-Werks in Singen spricht. Bis in die 90er-Jahre hinein gab es einen Betriebskindergarten, Firmenwohnungen und eine bezahlte Pause. Doch dann setzte der Mutter-Konzern Nestlé den Rotstift an. Nach und nach wurden diese Sozialleistungen gestrichen. "Unsere Kernkompetenz liegt im Herstellen von Nahrungsmitteln und nicht im Erziehen von Kindern", hieß es damals laut Alfred Gruber, Betriebsratsvorsitzender von Maggi in Singen, aus der Konzernzentrale in Bezug auf die Schließung des Maggi-Kindergartens.

Heute, im Zeitalter des Fachkräftemangels, scheinen sich die Machtverhältnisse wieder zu drehen. Die Arbeitgeber müssen den Arbeitnehmern etwas bieten – sonst wechseln sie zur nächsten Firma. So hat Nestlé gerade in seiner Frankfurter Deutschland-Zentrale einen Betriebskindergarten eröffnet – so ändern sich die Zeiten.

Bei Maggi in Singen – im Bild die Maggi  Würze – arbeiten heute nur noch 720 Mitarbeiter. Zu Hochzeiten waren es mal 2200.
Bei Maggi in Singen – im Bild die Maggi Würze – arbeiten heute nur noch 720 Mitarbeiter. Zu Hochzeiten waren es mal 2200. | Bild: Patrick Seeger

Aufbruch ins Arbeiterparadies?

Stehen den Arbeitnehmern also paradiesische Arbeitsbedingungen bevor? Nein, sagt Achim Dietrich, Betriebsratsvorsitzender des Autozulieferers ZF Friedrichshafen. Noch immer gebe es gewerbliche Tätigkeiten, die Wirbelsäule und Muskulatur überlasten, wenngleich die Arbeit vor allem in der Produktion ergonomischer und gesünder geworden sei. Zudem habe sich der Arbeitsalltag extrem verdichtet. Vor allem den Zwang zur ständigen Erreichbarkeit durch Diensthandys sieht er als Gefahr. "Manche Kollegen schaffen es nicht abzuschalten. Sie sind ständig in Hab-Acht-Stellung", sagt der 50-jährige gelernte Industriemechaniker. Hunderte E-Mails täglich würden manche ZF-Mitarbeiter schon vor dem Urlaubsende ins Büro zwingen, um diesen E-Mail-Berg abzutragen.

Achim Dietrich, 50, Betriebsratsvorsitzender von ZF, sieht im Zwang zur ständigen  Erreichbarkeit eine Gefahr. Bilder: domjahn
Achim Dietrich, 50, Betriebsratsvorsitzender von ZF, sieht im Zwang zur ständigen Erreichbarkeit eine Gefahr. | Bild: Domjahn, Thomas

Doch Dietrich ist kein Schwarzmaler. Er sieht in der Digitalisierung auch Chancen. "Roboter können in Zukunft den Menschen noch stärker als bisher unterstützen und monotone Arbeiten übernehmen", glaubt Dietrich. Schon seit vielen Jahren setze ZF Lackierroboter ein. Die Arbeitsplätze, die dadurch weggefallen sind, seien sehr belastende und teilweise gesundheitsgefährdende Jobs gewesen, sagt Dietrich.

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Freude und Angst

Der gebürtige Friedrichshafener sieht sein Unternehmen vor einem großen Wandel. "Bei manuellen Getrieben werden die Stückzahlen langfristig sinken", sagt er. Deshalb müsse sich ZF jenseits seines Kernprodukts digitale Kompetenzen aufbauen – was der Stiftungskonzern unter anderem durch den Zukauf des US-Elektronikspezialisten TRW bereits getan hat. Auch auf die eigene Mannschaft würden künftig neue Aufgaben hinzukommen. "Manche freuen sich auf die Digitalisierung, andere haben Angst", beschreibt Dietrich die Stimmung im Unternehmen. Grundsätzlich glaubt er aber, dass jeder Mensch – unabhängig vom Alter – in der Lage sei, sich fortzubilden. Für Dietrich ist ZF noch immer "eine große Familie". Es gebe eine "unsichtbare Klammer", die die Belegschaft vom Pförtner bis zum IT-Spezialisten zusammenhalte.

"Einmal Maggi, immer Maggi"

So ähnlich war es auch lange Jahre bei Maggi. "Einmal Maggi, immer Maggi", habe es früher geheißen, erinnert sich Maggi-Urgestein Alfred Gruber. Doch mittlerweile gebe es eine große Unsicherheit in der Belegschaft. Viele Beschäftigte hätten deshalb zuletzt das Unternehmen freiwillig verlassen. So ist die Belegschaft auf 720 Mitarbeiter geschrumpft. Maggi verliere immer mehr Eigenständigkeit an den Mutterkonzern in Vevey. Die wichtigen Entscheidungen fallen laut Gruber heute alle in der Schweiz. Und die Konzernmanager am Genfersee seien unnahbar und weit weg von den Beschäftigten. "Die neue Managergeneration ist sehr karriereorientiert und zieht ihr Ding knallhart durch", so der 59-Jährige. So sollen in Singen mehrere Millionen Euro eingespart werden – auch beim Personal.

Alfred Gruber, 59, Betriebsratsvorsitzender von Maggi in Singen, kritisiert das Profitdenken des Schweizer Mutterkonzerns Nestlé.
Alfred Gruber, 59, Betriebsratsvorsitzender von Maggi in Singen, kritisiert das Profitdenken des Schweizer Mutterkonzerns Nestlé. | Bild: Domjahn, Thomas

Allerdings gebe es auch Lichtblicke. "Wir haben zuletzt gute Tarifabschlüsse erzielt", sagt Gruber. So bekommen die Maggianer jetzt fast sechs Prozent mehr Lohn, obwohl die Arbeitgeber eine Nullrunde angedroht hatten. Alles war offenbar früher nicht besser – auch wenn es sich manchmal so anfühlt.

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Der 1. Mai und seine Geschichte

  • Die Ursprünge: Die internationale Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung feiert seit mehr als 130 Jahren den Tag der Arbeit. Im Mai 1886 gab es am Rand einer Streik-Kundgebung am Haymarket in Chicago Krawalle mit Toten und Verletzten. Drei Jahre später rief ein Internationaler Arbeiterkongress in Paris dazu auf, jährlich einen „Kampftag der Arbeiterklasse“ zu feiern. Am 1. Mai 1890 gab es auch in Deutschland erstmals Massendemonstrationen – etwa für den Acht-Stunden-Tag. Um die Arbeiter für sich zu gewinnen, machten die Nazis 1933 den 1. Mai zum Feiertag – am Tag darauf begannen sie mit der Zerschlagung der Gewerkschaften. In vielen Staaten, von Argentinien bis Vietnam, ist der 1. Mai heute ein gesetzlicher Feiertag.
  • Die Bezeichnung: Unter Adolf Hitler wurde der 1. Mai als „Tag der nationalen Arbeit“ bezeichnet. In der DDR hieß der 1. Mai „Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“. Die Linkspartei regte vor einiger Zeit an, den Tag der Arbeit in „Tag der Gerechtigkeit“ umzutaufen. Viele Menschen würden sich inzwischen nicht mehr vor allem über ihre Arbeit definieren, argumentierte sie. In Nordrhein-Westfalen heißt der 1. Mai laut Verfassung offiziell „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“. (td)