Hölzern wirkt Xiao Yi. Und seine Stimme klingt blechern. Ansonsten aber ist der chinesische Roboter ein wahrer Streber. 53 medizinische Lehrbücher, mehr als zwei Millionen Aufzeichnungen und 400 000 weitere medizinische Texte hat er in seinem künstlichen Gehirn gespeichert.

Seit einem Jahr auf dem Markt

2018 war es ihm als erster Roboter der Welt gelungen, einen so umfangreichen Test wie die nationale Medizinprüfung zu bestehen. Das ist eine wichtige Prüfung, die bestanden werden muss, um in China als Arzt anerkannt zu werden. Was der Roboter seinen menschlichen Mitprüflingen voraushat: Per Berührungen auf dem eingebauten Bildschirm ist er auch jederzeit in der Lage, die Daten eines Patienten auszuwerten und eine entsprechende Diagnose zu erstellen. Seit knapp einem Jahr ist der Medizinassistenzroboter der chinesischen KI-Firma iFlyTek auf dem Markt erhältlich.

Ehrgeiziges Ziel

Bis vor noch gar nicht so langer Zeit eilte China der Ruf voraus, als „Werkbank der Welt“ zwar jede Menge Waren herzustellen. Als globale Ideenschmiede war die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt aber nicht unbedingt bekannt. Das soll sich ändern. „Made in China 2025“ lautet der Slogan, den die kommunistische Führung im Reich der Mitte ohne Unterlass propagiert. China soll mithilfe von Digitalisierung und hochmodernen Maschinen zum führenden Hightechland aufsteigen.

Bis 2020 Weltklasse-Niveau

Der Medizinroboter Xiao Yi ist dabei bloß ein Vorgeschmack. Chinas mächtiger Staats- und Parteichef Xi Jinping höchstpersönlich hatte in einer Grundsatzrede schon im Jahr 2017 Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI) zu den wichtigsten Pfeilern seiner Wirtschaftspolitik erklärt. Bis 2020 – also schon sehr bald – soll China Weltklasse-Niveau erreicht haben, ab dem Jahr 2025 dann bei der KI weltweit an der Spitze stehen.

Enorme Fördergelder

Seitdem fließen üppig Gelder und Fördermaßnahmen. Provinzen überbieten sich bei der Ansiedlung von KI-Firmen. An den Schulen ab der Unterstufe gibt es KI-Einführungskurse. Die chinesische Führung will bis 2030 mehr als 150 Milliarden US-Dollar in die Forschung in diesem Bereich stecken. Für den gesamten Hochtechnologiesektor sind über eine Billion Dollar vorgesehen. Auch die chinesischen IT-Giganten Alibaba, Tencent und Baidu investieren Milliarden in diesen Sektor.

In China vor allem vom Staat gefragt: Überwachungskameras, hier auf einem Messestand in Shenzhen.
In China vor allem vom Staat gefragt: Überwachungskameras, hier auf einem Messestand in Shenzhen. | Bild: ANDY WONG, dpa

An solchen Anwendungen basteln die US-Konzerne Google und Amazon zwar auch. Doch in keinem Land der Welt ist es möglich, ungehemmt so viele Daten der Nutzer zu sammeln wie in China. Datenschutz? Ist in China kaum ein Thema. Der Staat sorgt dafür, dass ein kritisches Bewusstsein in der Bevölkerung gar nicht erst entsteht.

Wer bei der öffentlichen Beobachtung positiv auffällt, dem winken Prämien. Hier Plakate von Bürgern, die besonders gut abgeschnitten haben, in Rongcheng.
Wer bei der öffentlichen Beobachtung positiv auffällt, dem winken Prämien. Hier Plakate von Bürgern, die besonders gut abgeschnitten haben, in Rongcheng. | Bild: Andreas Landwehr, dpa

Derzeit ist die Führung dabei, ein sogenanntes Social-Scoring-System einzuführen, das das Verhalten jedes einzelnen Bürgers sowohl im Internet als auch im realen Leben genau unter Beobachtung stellen und entsprechend auswerten soll. Wer sich vorbildlich verhält, dem winken Prämien. Wer hingegen viele Minuspunkte sammelt, muss mit Strafen rechnen. Rund 200 Millionen Überwachungskameras hat die Führung inzwischen landesweit installieren lassen, viele davon sind ausgestattet mit Gesichtserkennungssoftware. Mit wenigen Mausklicks lassen sich dann selbst in Menschenmengen einzelne Personen identifizieren, inklusive Alter und deren Bewegungsprofil. Die Zahl der Kameras soll in den nächsten zwei Jahren auf über 400 Millionen erhöht werden.

Ein Roboter serviert Mineralwasser an Passagiere auf dem Bahnhof in Hangzhou ind Ostchina.
Ein Roboter serviert Mineralwasser an Passagiere auf dem Bahnhof in Hangzhou ind Ostchina. | Bild: STR, AFP

Diese Datenfülle ist nicht nur für den Staat und die Sicherheitsbehörden von unschätzbarem Wert, sondern für eine Fülle von Branchen. So kann etwa der Online-Handel dem Kunden passgenaue Angebote machen. Aber auch das sind nur Peanuts im Verhältnis zu dem, was demnächst ansteht: In der Fahrzeugtechnik nützen die Chips vom chinesische KI-Start-up Horizon Robotics etwa dem selbstfahrenden Auto. Der Ingolstädter Autobauer Audi kooperiert daher bereits mit der Pekinger Firma. Vor allem aber ist das Militär an dieser Technik interessiert. Die chinesische Volksbefreiungsarmee ist dabei, Killer-Roboter mit Schwarmintelligenz produzieren zu lassen.

Neidische US-Unternehmen

Die Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers spricht treffend von einem „KI-Rüstungswettlauf“ zwischen China und den USA. Viel wichtiger als der Handelskrieg sei der laufende Krieg um „Forschung, Investitionen und fähige Köpfe“. „Die großen Nationen werden sich in der KI messen“, lautet die Vorhersage der Analysten.

Schon blicken auch die großen US-Techunternehmen aus dem Silicon Valley neidisch auf die chinesischen Hightechzentren in Peking, Shanghai und Shenzhen im Süden des Landes – und errichten dort ihre Forschungslabore, um die Entwicklung hier nicht zu verpassen.

Auch Siemens sieht Potenzial

Und auch europäische Firmen erkennen jede Menge Potenzial in Chinas industriepolitischer Strategie. Deutschlands größter Technologiekonzern Siemens hat erst jüngst seine Forschung für autonome Robotik in der chinesischen Hauptstadt Peking gebündelt. Forschung finde zwar weltweit statt, rechtfertigte sich Siemens-Vorstandsmitglied und Technikchef Roland Busch, als er den Beschluss verkündete. Eine Stelle müsse aber den Hut auf haben. Und bei der Robotik sei das eben nun mal Peking.