In Stuttgart, Konstanz und Villingen-Schwenningen diskutiert man über sie, in Zürich baut man sie: eine innerstädtische Seilbahn. Ab Sommer 2020 sollen Gondeln über den Zürichsee schweben – allerdings nur für fünf Jahre und vor allem als Freizeitattraktion. Finanziert wird die 35 bis 52 Millionen Euro teure Bahn von der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Sie feiert 2020 ihr 150-jähriges Bestehen. Die Bahn soll eine Art Geschenk an die Stadt sein.

Rund 1,3 Kilometer lang soll die Seilstrecke werden, die von einem Ufer des Sees zum anderen führt. Die Bank geht davon aus, dass die Bahn sich komplett refinanziert: „In den fünf Jahren des Betriebs wollen wir die Investitionskosten durch die Ticketverkäufe wieder hereinholen“, sagt Projektleiter Dominique Friedli von der ZKB. Vier bis 13 Euro soll eine Überfahrt kosten. Friedli erklärt, wie die Bank auf die Idee zum ungewöhnlichen Geburtstagsgeschenk kam: „Der Vorschlag wurde bei der Ausschreibung des Jubiläums von einer Agentur an uns herangetragen, da wurde uns der Floh ins Ohr gesetzt sozusagen.“ Man sei davon schnell überzeugt gewesen. Temporäre Seilbahnen über den See gab es in Zürich bereits in den Jahren 1939 und 1959.

Dass die Bahn nur fünf Jahre stehen bleibt, ist Vorgaben des Kantons Zürich geschuldet. Der glaubt anders als die Bank nicht wirklich daran, dass sich die Bahn finanziell trägt: „Für eine dauerhafte Seilbahnverbindung über den See fehlen der Nachweis des Bedarfs, der Wirtschaftlichkeit und der Auswirkungen auf das Erscheinungsbild im unteren Seebecken“, heißt es in der Entscheidung des Kantons. Bisher gab es zwischen den Ufern in Zürich-Wollishofen und -Seefeld mangels Bedarf nicht einmal eine Schiffsverbindung. Friedli sagt: „Es ist nicht geplant, dass die Bahn Teil des öffentlichen Verkehrssystems wird. Wir wollen aber einen Impuls setzen. Seilbahnen haben ihre Berechtigung im Verkehr der Zukunft.“

Tatsächlich sind in den letzten Jahren mehrere innerstädtische Seilbahnen entstanden. Ein Schwerpunkt ist Südamerika, wo es allein in Kolumbien zwei Großprojekte gibt, die den Stau in Metropolen wie Medellin verhindern helfen sollen. In La Paz in Bolivien soll das Seilbahnnetz bis 2019 eine Länge von 30 Kilometern erreicht haben und so Straßen entlasten. 2016 wurde auch im französischen Brest eine innerstädtische Seilbahn eröffnet. In Deutschland gibt es in Köln und Koblenz öffentliche Seilbahnen – beide fahren Gewinn ein.

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Im von Parkplatznot geplagten Konstanz und in Villingen-Schwenningen gibt es derzeit mehr oder weniger konkrete Gedankenspiele um innerstädtische Luftseilbahnen. Das gilt auch für einige andere Städte in Baden-Württemberg: In Reutlingen sind Mittel für eine Seilbahn-Machbarkeitsstudie im Haushalt der Stadt eingestellt. In der Nachbarstadt Tübingen gab es eine Podiumsdiskussion zu einer innerstädtischen Luftseilbahn, auch hier stehen Mittel im Haushalt bereit, um die Sinnhaftigkeit der Idee prüfen zu lassen. In Stuttgart stehen drei mögliche Trassen als vage Ideen im Raum. Konkret vorangetrieben werden sie derzeit nicht. Stuttgart steht aber ebenso wie Heidelberg und Konstanz im Mittelpunkt einer Studie des Karlsruher Instituts für Technologie, die sich mit den Möglichkeiten innerstädtischer Seilbahnen beschäftigt.

Der Kanton Zürich scheint generell aber nicht an die Bedeutung von Seilbahnen zu glauben. Die Kantonsregierung hat vier diskutierte Seilbahnprojekte in Zürich gekippt. Diese hätten im Gegensatz zur Bahn über dem Zürichsee dem öffentlichen Nahverkehr dienen sollen. Bei drei von ihnen wurden die Planungen komplett aufgegeben, bei einer weiteren wurden sie auf die lange Bank geschoben.

 

Die Marktführer

Die Weltmarkt beim Bau von Seilbahnen wird fast vollständig von zwei Unternehmen beherrscht: Doppelmayr aus Wolfurt in Vorarlberg und Leitner aus Südtirol. Sie erwirtschaften einen Umsatz von 801 Millionen Euro (Doppelmayr) und 773 Millionen Euro (Leitner). Beide haben schon innerstädtische Seilbahnen errichtet. (dod)