Herr Föst, die Übernahme von Alno durch Riverrock ist in trockenen Tüchern. Wie beurteilen Sie die Rettung von Alno aus Arbeitnehmersicht?

Die Fortführung der Küchenproduktion in Pfullendorf ist gut für die Menschen, die Stadt, die Region und den Wirtschaftsstandort. Aber der Preis, der dafür von den Beschäftigten gezahlt wird, ist aus meiner Sicht zu hoch.

Sie haben in einer ersten Reaktion auf die Gehaltskürzungen und die Mehrarbeit von „Erpressung“ gesprochen. Würden Sie das immer noch so beurteilen?

Ja. Mit juristischen Winkelzügen wurde versucht, die Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Die Mitarbeiter standen vor der Wahl entweder Gehaltseinbußen von 15 Prozent bei fünf Stunden Mehrarbeit in Kauf zu nehmen oder gar keinen Job zu bekommen. Zusammen summieren sich die Einbußen auf rund 30 Prozent.

Das Neue-Alno-Management bestreitet diese Zahl. Können Sie uns Ihre Darstellung erläutern?

Die Eckentgeldgruppe ist die Gruppe fünf, in der Facharbeiter nach der Ausbildung enthalten sind. Diese bekamen früher 18,65 Euro pro Stunde. Bei einer 35-Stunden-Woche landete man bei einem Monatslohn von 2820 Euro. In der Neuen Alno GmbH verdient derselbe Arbeiter 423 Euro weniger pro Monat und landet bei 2397 Euro. Beim Stundenlohn sind die Abstriche wegen der Mehrarbeit noch größer. Pro Stunde verdient ein typischer Angestellter nur noch 13,77 Euro. Das sind fast fünf Euro weniger als vorher.

Können die meisten Beschäftigten diese Einbußen verkraften?

Nur mit Bauchschmerzen. Deshalb habe ich von Erpressung gesprochen. Wenn die Alternative die Arbeitslosigkeit oder das Pendeln in eine weit entfernte Stadt ist, nimmt man halt auch ein schlecht dotiertes Angebot an.

Die Arbeitgeber argumentieren, dass die Löhne bei der Neuen Alno GmbH immer noch höher als bei anderen Unternehmen in der Region liegen…

Das sehe ich nicht so. Man darf einen großen Industriebetrieb wie Alno nicht mit einem Handwerksbetrieb vergleichen. Bei anderen Industrieunternehmen in der Region liegen die Löhne deutlich höher.

Aber haben nicht zuvor die hohen Löhne die Margen von Alno kaputt gemacht?

Dieser These widerspreche ich deutlich. Die Margen waren zwar bei der Alno AG zu niedrig. Aber das lag nicht an den Löhnen. Der Umsatz und der Marktanteil waren einfach zu niedrig. Die Fabrik ist einschichtig gelaufen, obwohl sie theoretisch dreischichtig hätte laufen können. Eine höhere Auslastung hätte die Kosten ganz anders verteilt und den Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten reduziert. Zudem herrschte ein Investitionsstau, mit dem auch Riverrock erst mal klar kommen muss. Die Firma Leicht Küchen in Waldstetten zum Beispiel wendet die Tarifverträge an, steht gut da und ist sehr erfolgreich. Die Alno GmbH eröffnet die Konkurrenz um die Lohnhöhe, nicht um das bessere Produkt, die bessere Küche.

Ist die Gründung der Transfergesellschaft, in die 60 Mitarbeiter der Alno AG wechseln, eine faire Lösung?

Grundsätzlich ja. Denn sie kann soziale Härten abfedern. Die Betroffenen haben Zeit gewonnen, sich auf dem Arbeitsmarkt umzusehen.

Haben Sie, abgesehen von den Arbeitsbedingungen, ein gutes Gefühl für die Neue Alno GmbH?

Ich möchte die Neue Alno GmbH nicht schlechtreden. Aber das Konzept ist mir noch nicht ganz klar. Wo sollen denn auf einmal die Kunden herkommen? Bei einer Bank hätte man für die Neugründung sicherlich keinen Kredit bekommen. Auf dem deutschen Markt ist der Name Alno durch die Insolvenz mittlerweile ziemlich verbrannt.

Ist die juristische Aufarbeitung der Insolvenz der Alno AG eigentlich auch ein Arbeitnehmerthema?

Nein. Die juristische Verantwortung tragen die damaligen Vorstände und der damalige Aufsichtsrat. An den Arbeitnehmern lag es sicherlich nicht. Sie haben ihre Arbeit gut gemacht und vor der Insolvenz sogar an Wochenenden Sonderschichten eingelegt.

Fragen: Thomas Domjahn

 

Zur Person

Michael Föst.
Michael Föst. | Bild: Stefanie Rudolf

 

Von der Alno AG zur Neuen Alno GmbH

  • Der Konzern: Gegründet wurde Alno im Jahr 1917 von Albert Nothdurft (1905–1997). Ein großer Einschnitt in der Firmengeschichte war der Börsengang im Jahr 1995. Danach folgten turbulente Jahre mit Entlassungen, Restrukturierungsprogrammen und der Verlegung des Firmensitzes von Pfullendorf nach Düsseldorf und wieder zurück. Im Juli 2017 meldete die Alno AG schließlich Insolvenz an.
  • Die Rettung: Als schon fast allen Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt wurde, legte der Investor Riverrock im Dezember 20 Millionen Euro auf den Tisch, um Alno als GmbH wiederzubeleben. Gut 300 ehemalige Mitarbeiter der Alno AG wurden in die Neue Alno GmbH zurückgeholt.
  • Die Zukunft: Noch im ersten Quartal dieses Jahres will Alno wieder Küchen ausliefern. Seit letzter Woche ist auch die Geschäftsführung der Neuen Alno GmbH vollständig. Neben dem Vertriebsexperten Andreas Sandmann komplettiert der Finanzfachmann Thomas Kresser das Management. (td)

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