Herr Brandt, schauen wir auf das Jahr 2016 zurück: der Frühsommer glänzte nicht gerade mit Flugwetter ...

. . . das kann man wohl sagen . . . (lacht)

Hat sich das negativ auf die Passagierzahlen ausgewirkt? Oder haben Sie am Ende unterm Strich sogar eine Steigerung gegenüber 2015?

Ja. Darauf sind wir wirklich stolz. Wir haben es geschafft, hier am Bodensee die Marke von 20 000 Passagieren zu knacken. Ganz genau sind es 20 100. Im Jahr 2014 hatten wir erst 13 000 Passagiere. Wir sehen also auf eine tolle Steigerung.

Ein Zuwachs von 7000 Passagieren in so kurzer Zeit ist allerdings erstaunlich . . .

Ja, vor allem, weil ein Flug mit unserem Zeppelin NT doch ein sehr spezielles Erlebnis ist. Jetzt merken wir, dass die Nachfrage nach so vielen Flügen tatsächlich gegeben ist. In der Tat war das Wetter im Frühjahr schrecklich. Und wir haben dennoch diese Steigerung geschafft. Daher glauben wir, dass da noch einige Luft nach oben ist.

SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel (re.) mit Thomas Brandt, Chef von Zeppelin-Reederei und Zeppelin Luftschifftechnik.
SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel (re.) mit Thomas Brandt, Chef von Zeppelin-Reederei und Zeppelin Luftschifftechnik. | Bild: Lancé

Das heißt: Wäre das Wetter im Juni besser gewesen, hätte man noch deutlich mehr als 20 000 Passagiere befördern können . . .

Ja, vielleicht. Wir merken das ja auch: Wenn das Wetter gut ist, dann kommen die Leute und wollen mitfliegen. Der Zeppelin vermittelt ja auch ein Lust-Erlebnis. Und da muss das Wetter schön sein. Mehr als die Hälfte bucht den Flug online und inzwischen viele auch spontan.

Und Sie kommen diesem Publikum entgegen, weil die Reederei inzwischen zwei Luftschiffe parallel einsetzt?

Ja. Einmal können wir durch das zweite Luftschiff deutlich flexibler auf die Nachfrage reagieren. Ist etwa das Wetter am Vormittag schlecht, können wir die Flüge auf den Nachmittag legen. Flexibel sind wir auch, weil wir bei der Vergabe der Sitzplätze jeweils noch Luft lassen. Das ist das eine. Das andere ist: Durch die jetzt auch online mögliche Buchung sind wir vollends in der digitalen Welt angekommen. Zum Beispiel bieten wir virtuelle 360°-Rundgänge unter anderem durch den Hangar auf unserer Website an, natürlich auch optimiert für die mobile Smartphone-Nutzung.

Es ist also gelungen, die Skepsis der Leute nach dem Motto „Der Zeppelin ist sowieso ausgebucht – ich brauche gar nicht anzurufen bei der Reederei“ zu beseitigen?

(lacht) Das ist nicht so einfach. Wir hören immer wieder die Rede vom angeblich ausgebuchten Zeppelin. Das ist wohl fest in den Köpfen verankert. Es ist immer noch nicht bei allen angekommen, dass es sich lohnt, auch spontan mit der Reederei Kontakt aufzunehmen. Dann hat man sehr gute Chancen, zu fliegen.

Und Sie fliegen ja auch außerhalb der Bodensee-Region . . .

Bei Rundflügen von München aus hatten wir in diesem Jahr 400 bis 500 Passagiere, dazu kommen rund 200 Passagiere am Europapark in Rust sowie die sehr schnell ausgebuchten Rundflüge in der Schweiz mit 4800 Passagieren im Jahr 2015.

Bild: Mende

Aber allein das digitale Buchungsportal kann doch den enormen Passagierzuwachs und vor allem das Interesse an den Flügen nicht erklären. Was trägt noch zum Erfolg bei?

Wir haben neben der Besonderheit des Zeppelin-Fliegens das Glück, dass die Bodensee-Region steigende Tourismus-Zahlen verzeichnet. Davon profitieren wir. Wir leben aber immer noch sehr von Mund-zu-Mund-Propaganda. Eine Umfrage unter Passagieren ergab, dass 95 Prozent das Luftschiff höchst glücklich verlassen und uns Bestnoten gegeben haben. Wir wollen künftig aber auch über die Region hinausdenken. Stuttgart, Ulm, die Schweiz, Österreich mit dem Vorarlberg – auch dort leben Leute, denen Zeppelin-Fliegen Freude machen würde. Das wissen wir. Immerhin sind 15 Prozent unserer Kunden Schweizer. Dennoch: Viele Leute kennen zwar den Namen Zeppelin, wissen aber nicht, dass man wieder mit einem Luftschiff moderner Bauart fliegen kann. Das müssen wir in die Köpfe bekommen.

Wie groß ist die Chance, auf einen Zeppelin-Flugplatz in München? Das Projekt Hangarworld AG versucht ja, das Projekt zu verwirklichen.

Wir haben in Hangarworld zwar erstklassige Partner. Das Problem aber scheint zu sein, dass der Standort für eine Zeppelin-Basis mit einer Halle trotz Unterstützung im Münchner Rathaus extrem schwer zu finden ist. Das liegt wohl am Gewerbe- und Wohnbaudruck, der sich in den Gemeinden neue Flächen sucht. Hangarworld hat daher noch keinen Durchbruch erzielen können.

Sie haben an den US-Reifenhersteller Goodyear drei Luftschiffe verkaufen können. Das letzte wird 2018 ausgeliefert. Kann man diesen Erfolg möglicherweise in anderen Ländern fortschreiben?

Es gibt für den Zeppelin in Asien – konkret in China – viel Phantasie. Wir sind in China mit zwei potenziellen Interessenten im Gespräch. Ich kann noch keine Namen nennen. Das sind seriöse Geschäftsleute, die auch international tätig sind und gerne Luftschiffe nach China bringen würden. Da würden wir dann nicht über Einzel-Exemplare sprechen, sondern vielleicht wie bei Goodyear über drei Luftschiffe. Das wäre für uns sehr gut, aber das dauert. Es wird vielleicht 2019 oder 2020 spruchreif.

Steht erneut eine Wissenschaftsmission in Aussicht, so wie sie in diesem Jahr für die Meeresforschung stattgefunden hat?

Ja. Wir haben für das Helmholtz-Zentrum und für das Forschungszentrum Jülich sehr erfolgreiche Missionen geflogen. Der Zeppelin ist jetzt als wissenschaftliche Plattform für Messflüge anerkannt. Wir sprechen mit Partnern über weitere Einsätze. Das sind Institute in Deutschland, aber es betrifft auch Forschung innerhalb der Europäischen Union.

Gibt es denn eine Chance, Luftschiffe für den Schwertransport einzusetzen, so wie es mit dem Cargolifter-Projekt in den späten 90er-Jahren angedacht war?

Da streiten sich die Geister. Ein Luftschiff-Betrieb ist kostenintensiv und wetterabhängig. Wenn es für das Absetzen schwerer Lasten – wie etwa Komponenten von Windkraftanlagen in unzugänglichen Wäldern – keine andere Transportmöglichkeit gibt, ist das Luftschiff theoretisch eine gute Wahl. Aber wie oft ist das der Fall? Und es ist die Frage: Wie erfolgt der Lastenausgleich beim Zeppelin, wenn dieser ein tonnenschweres Bauteil absetzt? Da gibt es viele Theorien, wie man diesen Ballast wieder ausgleichen könnte, damit das Luftschiff nicht unkontrolliert nach oben schießt. Aber für dieses zentrale Problem gibt es noch keine praktische Lösung. Diese Konzepte – wie Luftschiff-Hotels oder fliegende Kasinos – sehen auf dem Papier schön aus. Aber die Fragen des Bodenbetriebs – Ballast, Andocken am Mast, Halle – werden ausgeblendet.

Sehen Sie in dem neuen, 90 Meter langen britischen Luftschiff Airlander 10 eine Konkurrenz?

Nein. Im Gegenteil. Uns tut es gut, wenn die Luftschiffbranche belebter wird. Wir stehen mit dem britischen Entwickler in Kontakt. Er hatte das Glück, dass die US-Armee 500 Millionen Dollar in das Projekt gesteckt hat, bevor sie wieder ausgestiegen ist. Nur dadurch ist man dort so weit gekommen. Aber bis man dieses Luftschiff gut beherrscht, ist es noch ein weiter Weg. Technisch schafft man das, aber eine andere Sache ist die Finanzierung und die Frage, ob die Investition wieder hereingeholt werden kann. Das ist schwer abzuwägen.

Bild: Mende

Das heißt, Ihr Unternehmen wird nicht in eine Vergrößerung des Zeppelin NT investieren?

Wir haben eine zulassungstechnische Grenze von 19 Passagieren. Bei mehr Fluggästen muss man andere Regeln erfüllen und dann wird es viel komplexer und viel teurer. Bei uns war die Entscheidung simpel: Anstatt viel Geld in ein Luftschiff mit nur fünf Plätzen mehr zu stecken, halten wir lieber ein zweites Luftschiff vor und sind flexibel. Das ist die bessere Antwort.

Wann fliegt der nächste Zeppelin NT?

Unser ältestes Luftschiff ist 2002 in Betrieb gegangen und hat inzwischen sein Lebensende in Sicht. Da müssen wir über Ersatz nachdenken.

Fragen: Alexander Michel

 

Zur Person

Thomas Brandt, 60, ist seit elf Jahren Geschäftsführer der Deutschen Zeppelin-Reederei GmbH und der Zeppelin Luftschifftechnik GmbH. Der gemeinsame Umsatz der beiden Unternehmen liegt bei etwa 10 Millionen Euro. Seit 2013 ist Thomas Brandt zusätzlich Geschäftsführer der Luftschiffbau Zeppelin, der Holding-Gesellschaft der 1908 gegründeten Zeppelin Gruppe. Er hat langjährige Erfahrung in der Luftfahrtindustrie, war Mitglied der Geschäftsführung bei Dornier, Fairchild Dornier und Mitglied des oberen Führungskreises bei der EADS. Darüber hinaus hat er für eine Wirtschaftsprüfungskanzlei den Umbau von Unternehmen vorangetrieben. Thomas Brandt ist verheiratet und hat zwei Kinder. (mic)


Der Zeppelin Kalender 2017

„Die schönste Art zu fliegen“ ist der Titel eines neuen Kalenders mit Motiven vom Zeppelin NT. Er enthält atemberaubende Aufnahmen des Fotografen Achim Mende, der das Luftschiff seit mehr als zehn Jahren begleitet. SÜDKURIER-Redakteur Alexander Michel hat zu jedem Motiv einen ausführlichen erklärenden Text beigesteuert, der auf der Rückseite des Kalenderblatts abgedruckt ist.

Der Kalender ist in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zeppelin Reederei (DZR) entstanden und kostet 19,95 Euro (versandkostenfrei für Abonnenten). Online-Bestellung unter shop.suedkurier.de und telefonisch gebührenfrei unter 0800/880-8000. Der Kalender ist auch im SÜDKURIER Service-Center vor Ort erhältlich. (sk)

 

Videos von Flug und Crash des Airlander 10