Eigentlich war das Aus von Alno schon besiegelt. Der Großteil der Mitarbeiter hatte Ende November eine betriebsbedingte Kündigung erhalten und das Traditionsunternehmen sollte abgewickelt werden. Vor einer Woche meldete der britische Finanzinvestor Riverrock dann völlig überraschend sein Interesse am Küchenbauer an. Nur wenige Tage später ist der Deal weitgehend in trockenen Tüchern: Riverrock kauft das Kerngeschäft von Alno für 20 Millionen Euro.

Die ehemaligen Beschäftigten erhielten gestern bei einer Betriebsversammlung am Stammsitz in Pfullendorf eine vorweihnachtliche frohe Botschaft: Sie können wieder bei ihrem alten Unternehmen einsteigen – wenn auch zu verschlechterten Konditionen.

Die Küchenmöbelproduktion in Pfullendorf, die derzeit nach wie vor still steht, soll im ersten Quartal 2018 wieder aufgenommen werden. 410 Arbeitsplätze, darunter 34 Auszubildende, sollen in der sogenannten Neuen Alno GmbH beschäftigt werden. In der Mitarbeiterversammlung informierten Insolvenzverwalter Martin Hörmann und der eigens aus Melbourne angereiste Riverrock-Chef Jason Carley die Belegschaft am Stammsitz über die Vertragsunterzeichnung.

Vertrag noch unter Vorbehalt

Der Kaufvertrag steht allerdings noch unter Vorbehalt. Der Geschäftsbetrieb wird nur dann aufgenommen, wenn der Gläubigerausschuss der Lösung zustimmt und die Agentur für Arbeit einen Antrag auf Kurzarbeitergeld genehmigt.

Auch die Gründung einer Beschäftigungs- und Qualifzierungsgesellschaft für Mitarbeiter, die nicht übernommen werden, ist eine Bedingung für die Wirksamkeit des notariell beurkundeten Kaufvertrages. Aus unternehmensnahen Kreisen war zu hören, dass diese Vorbehalte keine unüberwindbare Hürde darstellen.

"Wir haben wahnsinnig gekämpft und glauben an die Zukunft", sagte Insolvenzverwalter Hörmann. Er könne nichts Negatives über den Investor sagen, der Alno in den vergangenen Monaten schon Kredite von mehr als 20 Millionen Euro gewährt hatte.

"Die alte Alno ist vorbei", richtet der langjährige Vertriebsvorstand Andreas Sandmann den Blick nach vorne. Er wird künftig als einer von zwei Geschäftsführern der Neuen Alno GmbH fungieren, und kündigte eine drastische Verkleinerung des Standortes an, der eine Fläche von 32 Hektar umfasst. Etliche Gebäude sollen verkauft oder vermietet werden.

Man wolle wieder zurück zu den Ursprüngen einer Großschreinerei, die qualitativ hochwertige Küchen produziert, hofft der Branchenexperte, dass man den Handel und die Kunden von der Leistungsfähigkeit des neuen Unternehmens überzeugen kann, das aktuell keine Aufträge hat. "Wir haben keine Tochterfirmen mehr, und damit keine Verzettelung wie in der Vergangenheit. Wir rücken zusammen", ist für Sandmann die Zusammenarbeit mit den Branchengrößen der entscheidende Erfolgsfaktor.

Betriebsratsvorsitzende Kleiber: „Mir fällt ein großer Stein vom Herzen" 

Aktuell stöhnt die Küchenmöbelbranche angesichts einer hohen Nachfrage unter Lieferengpässen, der nach der Pleite des Alno-Tochterfirma Wellmann noch verstärkt wurde. Die Rettung dieses Unternehmens mit 400 Mitarbeitern ist gescheitert, was für die Neue Alno GmbH auch den Wegfall eines Konkurrenten bedeutet.

Nach Angaben von Andreas Sandmann laufen schon Gespräche bezüglich der Übernahme von Wellmann-Maschinen für Pfullendorf. Investor Riverrock will einen zweistelligen Millionenbetrag für Investitionen in die Technik ausgeben, ergänzt Pfullendorfs Bürgermeister Thomas Kugler, der auch bei der Mitarbeiterversammlung anwesend war.

Alno-Betriebsratsvorsitzende Waltraud Kleiber beurteilt die Einigung ebenfalls positiv: „Mir fällt ein großer Stein vom Herzen. Das ist eine Chance für einen Neuanfang. Aber es wird nicht leicht werden", sagt sie.

Michael Föst, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Albstadt, gießt allerdings Wasser in den Wein und beurteilt die Übernahme aus Arbeitnehmersicht eher kritisch. „Der Preis, den die ehemaligen Alno-Mitarbeiter für eine Wiederbeschäftigung zahlen müssen, ist hoch“, sagt der Gewerkschafter. So seien die neuen Arbeitsverträge nicht mehr tarifgebunden. Unter dem Strich müssten die Beschäftigten mehr arbeiten, bekommen aber weniger Lohn. So soll die Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden steigen, während der Lohn um 15 Prozent sinkt. Zudem würden das Weihnachts- und Urlaubsgeld wegfallen.

„Die Mitarbeiter sollten sich gut überlegen, ob sie dieses Angebot annehmen wollen“, sagte er. Föst vermutet, dass gerade hoch qualifizierte Arbeitnehmer sich lieber einen neuen Arbeitgeber suchen werden. Grundsätzlich beurteilt er die Zukunft von Alno skeptisch. „Der Name Alno hat zuletzt gelitten. Nun muss sich das Unternehmen am Markt beweisen“, sagt er. Das Problem seien nicht die Löhne, sondern der Investitionsstau, Management-Fehler und die hohe Verschuldung.

Alno hatte im Juli einen Insolvenzantrag gestellt und später aus Geldmangel die Produktion eingestellt. Weil sich kein Käufer fand, hatte Hörmann vor knapp einem Monat das Aus für den Küchenbauer und die Entlassung aller Mitarbeiter verkündet. Nur maximal 60 sollten zunächst bleiben, um spezielle Aufgaben bei der Abwicklung des Unternehmens zu übernehmen.

 

Wer steckt hinter Riverrock?

Riverrock ist vor allem eins: eine große Unbekannte. Ein Wikipedia-Eintrag oder eine deutsche Homepage existieren nicht. Fragt man direkt bei Riverrock an, bekommt man zur Antwort, dass sich Riverrock nicht zu seinen Alno-Plänen äußern möchte. „Zu einem passenden Zeitpunkt sind wir gerne bereit, mit Ihnen zu sprechen“, heißt es weiter. Das lokale Management solle nun im Fokus stehen, begründet Riverrock sein Schweigen.

Im Internet findet man zumindest die Information, dass Riverrock eine britische Investmentgesellschaft ist, die im Jahr 2009 gegründet wurde. Sie hat sich auf die sektorübergreifende Finanzierung von kleinen und mittelständischen europäischen Firmen spezialisiert. Zur Riverrock-Holding gehören mehrere Fonds, die sich auf verschiedene Regionen spezialisiert haben. Der European Opportunities Fund II, welcher sich für Alno interessiert, wurde 2015 ins Leben gerufen. „Der Fonds investiert in Unternehmen, deren Kapital knapp ist, die aber über ein starkes fundamentales Geschäft verfügen“, heißt es auf der Riverrock-Homepage.

Hinter Riverrock steckt der deutsche Unternehmensberater Roland Berger, einer von vier Riverrock-Gesellschaftern. Im Aufsichtsrat sitzt unter anderem der ehemalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Riverrock gilt als aktiver Investor, der nicht nur Kapital zur Verfügung stellt, sondern auch aktiv ins Management eingreift.

Zum Geschäftsmodell von Riverrock gehört es, sich nach einiger Zeit wieder von den aufgekauften Firmen zu trennen. So kaufte Riverrock 2014 den bayerischen Verpackungshersteller ES-Plastic, um ihn in diesem Jahr wieder zu verkaufen.

 

Die Geschichte des Pfullendorfer Küchenbauers

  • 1927: Der Schreiner Albert Nothdurft (1905-1997) eröffnet in seinem Heimatort Wangen bei Göppingen eine Werkstatt. Sie liegt im Wohnhaus der Eltern.
  • 1957: In Wangen fehlt es an Bauland, um den Betrieb zu vergrößern, und Nothdurft verlegt die Firma nach Pfullendorf. Dort beginnt er mit 50 Mitarbeitern.
  • 1958: Der Betrieb heißt jetzt "Alno Möbelwerke GmbH". der Name setzt sich aus den ersten beiden Buchstaben des Vor- und Nachnamens von Albert Nothdurft zusammen. 300 Mitarbeiter fertigen jetzt Küchenmöbel für das Wirtschaftswunder.
  • Bis 1970: Alno schwimmt auf der Welle des Aufschwungs. Der Umsatz steigt von umgerechnet 2,5 Millionen Euro (1960) auf 35,2 Millionen Euro. Das Unternehmen hat 677 Beschäftigte. 1970 übernimmt der AEG-Konzern, Hersteller von Haushaltstechnik, 51 Prozent der Anteile an Alno. Die Verbindung wird 1982 gelöst.
  • 1969 bis 1992: Alno baut das Exportgeschäft aus, die Firma will ihren Ruf als Hersteller von deutschen Qualitätsprodukten vermarkten. Gegründet werden Vertriebstöchter in Frankreich, Belgien, Italien, der Schweiz, England, den Niederlanden und Österreich.
  • 1979: Das neue Tochterunternehmen Wellmann in Enger bei Herford deckt das Luxusküchen-Sortiment ab.
  • 1994: Die neue Tochter Pino-Küchen ist etwas für den schmalen Geldbeutel und fertigt in Coswig in Sachsen-Anhalt.
  • 1995: Aus der Alno Möbelwerke GmbH wird die Alno AG. Die Aktie wird zum Wert von 50 D-Mark ausgegeben. 60,2 Prozent der Alno-Aktien bleiben bei der Familie Nothdurft.
  • 1997: Tod des Firmengründers Albert Nothdurft.
  • 1998: Bei einer ersten Entlassungswelle werden 350 Arbeitsplätze gestrichen. Ende der 90er-Jahre hat Alno in Pfullendorf noch 2300 Mitarbeiter. Es werden erstmals 250 Millionen Euro umgesetzt.
  • Ab 2000: Mit der ersten "Restrukturierung" beginnt der Abstieg von Alno. 2002 steht Alno kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Weitere 180 Jobs werden gestrichen.
  • 2009: Der neue Chef Jörg Deisel verlegt die Konzernzentrale nach Düsseldorf. Hunderte Jobs sollten in Pfullendorf wegfallen. Alno-Mitarbeiter und die Stadt protestierten.
  • 2011: Nach internem Streit über den Kurs des Unternehmens wird Max Müller Vorstandschef. Er verlegt den Sitz zurück nach Pfullendorf.
  • 2016: Der bosnische Investor Hastor steigt ein und übernimmt 40 Prozent der Firmenanteile. Es bleibt eine Episode.
  • Juli 2017: Alno meldet Insolvenz an. Fieberhaft wird nach einem Investor gesucht. Ohne Erfolg.
  • 24. November: Alno stellt den Betrieb nach mehr als 90 Jahren ein.
  • 14. Dezember: Überraschende Wende bei Alno: Die britische Investmentgesellschaft Riverrock gibt ein Kaufangebot für den Pfullendorfer Küchenbauer ab.
  • 19. Dezember: Der Insolvenzverwalter der Alno AG teilt mit, dass Riverrock große Teile von Alno übernimmt und den Betrieb wieder aufnehmen will. Voraussetzung seien allerdings noch einige Bedingungen, die erfüllt werden müssen. (mic)