Herr Sandmann, Herr Kresser, eigentlich haben Sie einen Traumjob. Sie übernehmen ein Unternehmen, das zum ersten Mal seit 20 Jahren schuldenfrei ist. Sehen Sie das auch so?

Sandmann: Wir haben die einmalige Chance, einen richtigen Neuanfang zu machen – ohne Schulden oder andere Altlasten, die aus der Insolvenz entstehen. Außerdem haben wir eine hoch motivierte Mannschaft von 325 Beschäftigten, die heiß darauf sind, Küchen zu bauen.

Kresser: Ich habe eine solche Situation schon mehrfach erlebt. Was ich nach den wenigen Tagen, in denen ich hier bin, sagen kann ist, dass ich von der Dynamik und dem Willen des Teams begeistert bin. Die Qualität ist da, die Motivation stimmt – aus dem Neustart kann eine tolle Story werden.

Motivation ist das eine, Aufträge das andere. Wie beurteilen Sie die Startchancen aus dieser Sicht?

Sandmann: Die ganze Küchenbranche leidet unter Kapazitätsengpässen bei gleichzeitig hoher Nachfrage. Die deutschen Küchenwerke laufen unter Volllast. Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen – auch während der Möbelmesse in Köln – viele Gespräche führen und Klinken putzen müssen und freuen uns über jeden Auftrag.

Was sind Ihre ersten Maßnahmen?

Sandmann: Im Moment hat Priorität, das viel zu komplexe, inhomogene und ineffiziente IT-System auf neue Füße zu stellen und die Maschinen auf Vordermann zu bringen, von denen die meisten rund ein halbes Jahr stillgestanden sind. Die Budgets für die Instandhaltung haben wir deswegen vorsichtshalber verdoppelt. Aus vier konstruktiv unterschiedlichen Produktplattformen, die in Pfullendorf bislang gefertigt wurden, wird in Zukunft eine. Außerdem passen wir die Produktionsabläufe auf unsere neuen Anforderungen an und ziehen die bislang auf vier Gebäude im Werk aufgeteilte Verwaltung in einem Gebäude zusammen. Alles folgt dem Motto Ein Boot, eine Mannschaft.

Anders ausgedrückt schrumpfen Sie die Kapazitäten auf das Maß eines kleinen Mittelständlers?

Sandmann: Ja, die Produktionskapazitäten der Neuen Alno GmbH werden zunächst deutlich geringer sein als früher. Eines der vier Werke am Standort steht für eine anderweitige Nutzung zur Verfügung. Die neue Alno-Verwaltung wird sogar nur noch ein Viertel der ursprünglichen Größe haben. Der ganze Überbau, der früher zur Steuerung des Konzerns und vieler Auslandsgesellschaften nötig war, fällt weg. So können wir uns voll auf die Produktion in Pfullendorf und den Verkauf an unsere Kunden konzentrieren. In Summe werden wir schlanker und wendiger.

Siegfried Volk, Südkurier-Lokalchef in Pfullendorf, Wirtschaftschef Walther Rosenberger und die Alno-Geschäftsführer Andreas Sandmann und Thomas Kresser (v. li.). Bild:Brender
Siegfried Volk, Südkurier-Lokalchef in Pfullendorf, Wirtschaftschef Walther Rosenberger und die Alno-Geschäftsführer Andreas Sandmann und Thomas Kresser (v. li.). Bild:Brender

Noch sind die Auftragsbücher nicht voll. Ist Kurzarbeit geplant?

Kresser: Für die Produktionsbereiche ist Kurzarbeit beantragt. Den Vertrieb, den Einkauf, oder den Kundenservice betrifft dies nicht. Ziel ist es generell, die Produktion so schnell wie möglich hoch zu fahren.

Wann spucken die Bänder wieder neue Küchen aus?

Sandmann: Wir wollen ab Ende Januar Testläufe mit den Maschinen starten und die IT voll funktionsfähig haben. Ab März wollen wir in die Serienproduktion starten. In der Zwischenzeit füllen wir auch die Warenlager wieder auf. Ein gewisser Lagerbestand ist bei der Küchenproduktion unvermeidlich.

Sie spielen darauf an, dass wegen Teilemangel 2017 fast keine komplette Küche das Alno-Werk verlassen hat?

Sandmann: So etwas wird uns nicht mehr passieren. Um kurze Lieferzeiten auch bei einer Vielzahl von Dekoren unserer Küchen einzuhalten, brauchen wir einen ausreichend großen Lagerbestand.

Welche Stückzahlen wollen Sie fertigen?

Sandmann: Der Standort Pfullendorf hatte zu Spitzenzeiten eine Kapazität von 8000 Schränken täglich, und zwar im Drei-Schicht-Betrieb. Ausgehend von der Produktion im Jahr 2016 planen wir für 2018 mit 1000 Schränken pro Tag. Der Standort ist in seiner jetzigen Form in der Lage, bis zu 4000 Schränke täglich zu fertigen. Wir dürfen uns nicht auf die Produktion von Küchen für das obere Preissegment beschränken, sondern müssen auch mit guter und erschwinglicher Ware zurück in die Mitte des Markts.

Was bedeuten die Umstrukturierungen für die Mitarbeiter?

Sandmann: Den Mitarbeitern wird künftig mehr Verantwortung übertragen als früher. Unsere Meister tragen jetzt wieder unternehmerische Verantwortung, steuern die Prozesse und führen ihre Mitarbeiter direkt. So soll vermieden werden, dass Entscheidungen vertagt und das Unternehmen träge wird. Wir setzen auf flache Hierarchien, direkten Durchgriff und damit auf Geschwindigkeit und Eigenverantwortlichkeit.

Manager reden in so einer Situation gerne vom alten Tanker und vom neuen Schnellboot…

Kresser: Im früheren Konzern wurden von Pfullendorf aus bis zu sechs Produktionswerke und eine Vielzahl von Landesgesellschaften gesteuert. Für die Zukunft wollen wir sicherstellen, dass Management und Verwaltung ganz nah am Produkt und den Mitarbeitern am Band sind.

Können Sie die Mitarbeiter motivieren?

Sandmann: Wir müssen die Mitarbeiter an ihre Verantwortung heranführen, und zwar mit Geduld und Konsequenz. Die Motivation im Unternehmen ist hoch, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir es in die Hand der Abteilungsverantwortlichen gelegt haben zu bestimmen, wie die Teams in der Neuen Alno zusammengesetzt sind. Diejenigen, welche dabei sind, wollen jetzt auch wirklich den Neuanfang.

Wirkt es nicht demotivierend, dass die Gehälter in der neuen Alno bis zu 30 Prozent geringer sind als früher?

Sandmann: Die 30 Prozent werden immer gerne genannt, stimmen in der Praxis nicht. Real sind die Einbußen viel geringer. Im Durchschnitt sind wir nicht unterhalb des Tariflohns gelandet.

Verzichtet auch das Management?

Sandmann: Das Top-Management hat sich sogar größeren Gehaltsanpassungen nach unten unterworfen als dies für die normalen Mitarbeiter gilt.

Die alte Alno erscheint heute als System, an dem sich viele gütlich getan haben – Manager, Lieferanten, Berater. Wie regeln Sie das neu?

Kresser: Über die Zeit sind die Kosten im alten Konzern überproportional zu dem angestiegen, was erwirtschaftet wurde. Irgendwann geht so etwas schief. Aktuell hinterfragen wir alles. Wir prüfen Hunderte von Verträgen und verhandeln sie für die Neue Alno GmbH gegebenenfalls neu. Es gibt Verträge, die teils seit Jahrzehnten liefen, nie nachverhandelt und an veränderte Rahmenbedingungen angepasst wurden. Die werden jetzt gekündigt. Ein Beispiel ist der Fuhrpark des früheren Konzerns: von fast 100 Fahrzeugen werden schätzungsweise nur zehn übrig bleiben.

Ab wann soll wieder Gewinn fließen?

Sandmann: 2018 ist ein Jahr des Übergangs und der Umstrukturierung. 2019 wollen wir dann auf eigenen Beinen stehen können. Beim Umsatz wollen wir in der zweiten Jahreshälfte 2018 Fahrt aufnehmen und am Jahresende die Hälfte dessen in den Büchern stehen haben wie der Standort Pfullendorf 2016 erwirtschaftet hat.

Gibt Ihnen River-Rock genug Zeit beim Neuanfang?

Sandmann: Erst einmal sind wir in der glücklichen Lage, mit River-Rock nur einen Eigner zu haben, der langfristig engagiert bleiben will. Es gibt keinen Zeitdruck.

Wie dick ist der Scheck, den ihnen River-Rock zum Start mitgibt?

Kresser: Es ist ausreichend.

Welche Renditeziele gibt Ihnen River-Rock vor?

Sandmann: Dazu äußern wir uns nicht. Klar ist aber, dass wir den Auftrag haben, Gewinn zu machen. Und das entspricht auch unseren eigenen Zielen.

Ist die neue Alno wieder tarifgebunden?

Sandmann: Derzeit nicht.

Und in Zukunft?

Sandmann: Bitte haben Sie Verständnis, dass ich dem nicht vorgreifen will.

Ex-Vorstandschef Müller hat die Internationalisierung der früheren Alno vorangetrieben. Wo sehen Sie ihren Markt jetzt?

Sandmann: Wir streben eine hälftige Aufteilung zwischen Inlands- und Auslandsumsatz an. Wir haben viele langjährige Auslandskunden, beispielsweise in der Türkei oder Südkorea, die auch schon angefragt haben. Wieder in diesen Märkten Fuß zu fassen ist einfacher, weil diese von den Turbulenzen der vergangenen Monate nicht so betroffen waren.

Wird Ex-Vorstandschef Max Müller die Neue Alno in irgendeiner Form beraten?

Sandmann: Herr Müller ist in keiner Weise involviert.

Wie bewerten sie die Rolle von Herrn Müller, der Alno-Ex-Finanzchefin Ipek Demirtas und dem Hauptaktionär der alten Alno, Tahoe Investors. Wer hat Alno in die Pleite geritten?

Kresser: Dazu wollen wir uns nicht äußern.

Der Insolvenzverwalter lässt die Aktivitäten des Ex-Vorstandes überprüfen, auch wegen möglicher Verletzung von Sorgfaltspflichten oder Schadenersatzforderungen. Haben auch Sie von Herrn Hörmann eine Informationsanfrage erhalten?

Sandmann: Dass ich mit der Führung der Neuen Alno beauftragt und bis dahin weiterhin im Vorstand der ALNO AG war, verstehe ich als großen Vertrauensbeweise in meine Arbeit.

Der Investor River-Rock hat für die gesamte Alno samt Markenrechten 20 Millionen Euro bezahlt. Allein die Markenrechte stehen in der Bilanz mit rund 56 Millionen Euro. War der Kauf ein Schnäppchen?

Kresser: Wenn über Monate niemand bereit ist, so viel für die Marke zu bezahlen, stimmt der Wert vielleicht nicht. Über Preise entscheidet am Ende der Markt.

Was passiert eigentlich mit den frei werdenden Flächen und Gebäuden in Pfullendorf?

Kresser: Die werden wir so zügig wie möglich vermieten. Erste Anfragen aus der Industrie gibt es bereits.

Fragen: Walther Rosenberger und Siegfried Volk

 

Zur Person

Der aus Westfalen stammende Ingenieur Andreas Sandmann hat in seiner Karriere unter anderem in leitenden Positionen beim Möbelhaus Roller und der Baumarktkette Praktiker gearbeitet. Seit Mitte 2016 war er beim Küchenbauer Alno für den Vertrieb zuständig. Heute ist er Geschäftsführer (CEO) des Alno-Nachfolgeunternehmens Neue Alno.

Der 59-jährige Restrukturierungsspezialist Thomas Kresser ist in der Geschäftsführung für die Finanzen zuständig. Zuvor war er unter anderem Finanzvorstand und Arbeitsdirektor beim Turbinenbauer Alstom Deutschland. Seine Karriere begann Kresser bei Siemens. (wro)