Frau von Dewitz, Ihr Unternehmen setzt vor allem auf Nachhaltigkeit. Ist es nachhaltig, wenn ich nach Peru oder Nepal fliege und dort in Vaude-Klamotten wandern gehe?

Der Flug mit seinem hohen Kerosin-Ausstoß ist aus ökologischer Sicht ein hartes Brett. Besser ist es in den Alpen Urlaub zu machen und mit dem Zug dorthin zu fahren.

Was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich genau?

Nachhaltigkeit bedeutet für mich als Unternehmerin nichts anderes als unternehmerische Verantwortung zu übernehmen. Ich sehe meine Aufgabe darin, alle Auswirkungen meines unternehmerischen Handels – sei es in der Produktion oder in der Produktentwicklung – so zu gestalten, dass ich der Natur keinen Schaden zufüge. Außerdem habe ich den Anspruch, mit meinen Mitarbeitern und Lieferanten fair umzugehen. Nachhaltigkeit bedeutet für mich Handeln in Partnerschaft mit Mensch und Natur.

Sie produzieren 80 Prozent Ihrer Waren in Asien. Wie können Sie sicherstellen, dass sich alle Lieferanten an Ihre Standards halten?

Das ist ein langer Prozess. Wir suchen uns die Produktionsstätten selber aus, arbeiten viele Jahre mit ihnen zusammen, begleiten und unterstützen sie durch unsere asiatischen Kollegen aktiv auf diesem Weg und lassen sie durch die unabhängige „Fair Wear Foundation“ auditieren. Wenn soziale Standards wie Arbeitszeiten oder Brandschutzmaßnahmen nicht eingehalten werden, bekommen wir das mit, entweder durch die Audits oder die extra dafür eingerichteten Beschwerdemöglichkeiten.

Würden Sie mehr oder weniger Umsatz machen, wenn Sie nicht auf das Thema Nachhaltigkeit setzen würden?

Ich glaube weniger. Die Nachhaltigkeit ist zwar für uns ein Kostenfaktor, aber sie gibt unserem Unternehmen ein klares Profil. Die Outdoor-Branche wächst derzeit nur minimal, während wir dank unserer Positionierung als nachhaltiges Unternehmen deutlich über dem Branchendurchschnitt wachsen.

Ihr Umsatz ist 2017 um 7 Prozent auf 100 Millionen Euro gewachsen. Können Sie dieses hohe Wachstumstempo auf Dauer durchhalten?

Ja, ich glaube schon. Seit ich das Unternehmen im Jahr 2009 übernommen habe, sind wir von heute aus gesehen durchschnittlich pro Jahr um 10 Prozent gewachsen. Für die Zukunft halte ich ein Wachstum von 6 bis 7 Prozent für realistisch.

In China steigen die Lohnkosten. Ist es für Sie auch eine Option in Afrika zu produzieren, wo die Lohnkosten deutlich niedriger sind?

Momentan verlagern wir einen Teil unserer Produktion von China nach Vietnam. Auch andere asiatische Länder wie Indonesien oder die Philippinen wären gegebenenfalls für uns interessant. Afrika ist derzeit noch kein Land für Funktionstextilien. Dort sehe ich uns nicht in naher Zukunft.

Kann man sich Nachhaltigkeit nur bei entsprechend hohen Produktpreisen leisten?

Wenn ein T-Shirt nur einen Euro kostet, muss man als Konsument in Kauf nehmen, dass bei der Produktion Flüsse vergiftet werden und Kinderarbeit im Spiel ist. Die Kunden möchten immer öfter ein gutes Gewissen beim Einkaufen haben. Deshalb sind immer mehr Menschen bereit, für nachhaltige Produkte einen realistischen, fairen Preis zu zahlen.

Wie viel Prozent Ihres Umsatzes machen Sie im Internet?

Unsere Stores, die von Franchise-Nehmern geführt werden, tragen rund drei Prozent zu unserem Umsatz bei. Der Verkauf über den Online-Shop auf unserer Website geht über unsere Händler und beträgt ein bis zwei Prozent unseres Umsatzes. Den Großteil unseres Umsatzes machen wir im stationären Einzelhandel.

Wie laufen Ihre Geschäfte im Ausland?

Wir machen 35 Prozent unseres Umsatzes im Ausland. Dazu kommt noch das Lizenzgeschäft in China. Durch den steigenden Wohlstand suchen die Chinesen verstärkt nach Freizeitaktivitäten neben der Arbeit.

Sie haben nach der Übernahme der Geschäftsführung bei Vaude im Jahr 2009 die Unternehmenskultur demokratisiert. Können flache Hierarchien nur in mittelständischen Unternehmen funktionieren oder auch in großen Konzernen?

Nein, wer mit seinen Mitarbeitern auf Augenhöhe diskutiert, ist auch für das digitale Zeitalter besser gerüstet. Innovationen lassen sich nicht von oben herab verordnen. Man braucht heutzutage viele Mitentscheider und Mitdenker. Hierarchische Unternehmen sind oft zu träge. Das kann man sich im digitalen Zeitalter nicht mehr leisten.

Wie lassen sich Ihrer Erfahrung nach in der Wirtschaft die Karrieren speziell von Frauen fördern?

Viele Unternehmen sind typisch männlich geprägt. Von daher ist Karriere für Frauen in diesen Unternehmen oft weniger erreichbar oder auch weniger attraktiv. Insofern befürworte ich die Einführung einer Frauenquote, um die Unternehmen aktiv werden zu lassen, ihre Kultur zu hinterfragen. In der Regel treffen gemischte Teams nachhaltigere Entscheidungen, sodass es vielen Unternehmen nutzen würde, die Karrieren von Frauen zu fördern.

Sind Frauen manchmal auch ein bisschen selber schuld, dass sie keine Karriere machen?

Klar, viele Frauen übernehmen die volle Verantwortung für die Familie und lassen ihrem Mann beruflich den Vortritt, was in der Regel die Karriere bremst. Und nach wie vor treten Männer beruflich häufig selbstbewusster auf als Frauen.

Wie sehr leiden Sie als Unternehmen im ländlichen Raum unter dem Mangel an Fachkräften?

Kaum. Auf eine Ausschreibung einer Stelle in der Verwaltung bekommen wir 40 bis 50 Bewerbungen. Eine große Ausnahme sind Jobs in der Näherei und Schweißerei, wo wir derzeit auf der Suche sind. In diesem Bereich haben wir mehrere Stellen mit geflüchteten Menschen besetzt, die entweder bereits entsprechende Erfahrungen hatten oder sich gut in diese Tätigkeit eingearbeitet haben.

Wie viele Mitglieder Ihrer Familie arbeiten noch im Unternehmen?

Derzeit nur ich und eine Cousine. Aber die Anteile am Unternehmen befinden sich nach wie vor zu 100 Prozent in der Hand meiner Familie.

Was sind gerade die Trends auf dem Outdoor-Markt?

Ein Trend liegt in Naturmaterialien. Wir setzen verstärkt auf organische Materialien anstelle von synthetischen Materialien wie unser neuer Fleece aus Holzfaser gegen Mikroplastik in den Meeren. Ein weiterer Trend liegt im Thema „Sharing Economy“. Um nicht die gesamte Ausrüstung für eine Tour kaufen zu müssen, haben wir die Möglichkeit geschaffen, sie zu mieten. Auch Produkte mit dem Siegel „Made in Germany“ sind weiterhin weltweit extrem gefragt. Wir produzieren etwa fünf Prozent unserer Produkte in Tettnang. Und dieses Segment hat Wachstumsraten von 20 Prozent.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages in die Politik zu gehen?

Ich engagiere mich schon aus meiner Rolle als Unternehmerin für Themen wie Umweltschutz oder für Flüchtlinge. Darüber hinaus habe ich keine Ambitionen, ein politisches Amt zu übernehmen.

Fragen: Thomas Domjahn

Zur Person

  • Antje von Dewitz wurde 1972 in Albstadt geboren. Sie studierte Wirtschafts- und Kulturraumstudien in Passau und stieg 1998 bei Vaude ein. Zunächst kümmerte sie sich um den Bereich Reisegepäck, danach um die Öffentlichkeitsarbeit und das Marketing. 2009 übernahm sie von ihrem Vater die Geschäftsführung und krempelte vor allem die Vaude-Unternehmenskultur von Grund auf um.
  • Das Unternehmen: Vaude wurde 1974 von Albrecht von Dewitz gegründet. Der Spezialist für Bergsportbekleidung, Zelte und Schlafsäcke sitzt in Tettnang und beschäftigt weltweit 500 Mitarbeiter, davon knapp 10 Prozent in Deutschland. Zuletzt erwirtschaftete das Familienunternehmen Vaude einen Umsatz von 100 Millionen Euro.