Die Belchenstraße in Ostfildern vor den Toren Stuttgarts ist eine ruhige Anliegerstraße. Ein- und Zweifamilienhäuser prägen das Bild der Sackgasse. Nur die vielen Elektroautos fallen auf. Etwas großspurig spricht die EnBW-Tochter Netze BW von der „E-Mobility-Allee“. Hier testet der Stromkonzern seit 15 Monaten, ob das bestehende Stromnetz stabil bleibt, wenn in einem solchen Wohngebiet die Zahl der E-Autos schlagartig steigt. Die Auslegung des Netzes orientiert sich bisher am Energiebedarf von Haushaltsgeräten. Wenige Tage vor Abschluss des Versuchs zieht Projektleiterin Selma Lossau eine erste Bilanz: „Es laden weniger Fahrer gleichzeitig, als wir dachten.“

Nahe an der Lastgrenze

Selbst als versuchsweise alle zehn Testkunden gleichzeitig Strom für ihr E-Auto zapfen, ist das Netz stabil geblieben. „Aber dann sind wir nah an der Lastgrenze des Stromkabels“, sagt Lossau. Im Winter könnte es tatsächlich Probleme geben, wenn es zusätzliche Belastungen durch vier Wärmepumpen verkraften muss und die Autos auch mehr Strom brauchen.

Noch nicht ausreichend vorbereitet

Der Lerneffekt für den Netzbetreiber ist groß. Obwohl die Sicherung in Ostfildern nicht rausgeflogen ist, weiß Lossau jetzt, dass die Stromnetze für die neue Herausforderung nicht vorbereitet sind. „Ohne Netzausbau schaffen wir es nicht“, betont sie. Die EnBW-Tochter hat schon einen Investitionsplan erarbeitet. Bis 2025 sollen 500 Millionen Euro ins Netz investiert werden. Neben der Mobilitätswende erfordert auch die zunehmende Einspeisung von Strom aus Photovoltaik- und Windkraftanlagen Nachbesserungen in der Infrastruktur.

Großes Interesse im In- und Ausland

Der Feldversuch ist ein einmaliges Projekt, das auf großes Interesse im In- und Ausland stößt. Netze BW hat eine typische Straße mit vielen Eigenheimen und Garagen gesucht und in der Belchenstraße gefunden. Von den 22 Haushalten haben zehn freiwillig mitgemacht. Die Firma hat ihnen verschiedene Modelle mit Elektroantrieb für ein Jahr zur Verfügung gestellt, die Ladeboxen unentgeltlich installiert und den Ladestrom umsonst geliefert. Im Schnitt sind die Tester monatlich 1200 Kilometer gefahren und offenkundig von der E-Mobilität überzeugt. Neun übernehmen die Ladeboxen, einige hätten die Leasingfahrzeuge am liebsten gleich behalten.

Nur alle paar Tage aufgeladen

Anfangs haben die Tester ihre Autos jeden Tag aufgeladen, aus Angst, dass sie irgendwo stehen bleiben. „Die Reichweiten-Angst hat nachgelassen“, berichtet Lossau. Mit der wachsenden Erfahrung sei je nach Bedarf nur noch alle paar Tage Strom getankt worden. Selten seien mehr als zwei Autos gleichzeitig versorgt worden. Für Notfälle hat sich die EnBW eine Hintertür eingebaut: Sie kann per Lademanagement die Versorgung der Autos auf später verschieben. Lossau: „Das ist ein scharfes Schwert, obwohl es die Kunden gar nicht merken.“

Zusätzlicher Batteriespeicher

Um ganz auf der sicheren Seite zu sein, hat die EnBW zusätzlich einen zentralen Batteriespeicher für die Versuchsteilnehmer aufgebaut. Der würde einspringen, wenn das Kabel überlastet wäre. „Der Batteriespeicher ist gut“, bilanziert Lossau. Für Kunden, die zusätzlich selbst Solarstrom auf dem Hausdach erzeugen, könne sich ein eigener Batteriespeicher lohnen. Damit stehe die tagsüber gesammelte Energie für das nächtliche Laden des E-Autos zur Verfügung.

Weiterer Test geplant

Die Erkenntnisse aus der Belchenstraße fließen in die Ertüchtigung des Niederspannungsnetzes ein. Zunächst will die Netze BW 500 ihrer insgesamt 25 000 Verteilstationen mit Messtechnik aufrüsten, schwerpunktmäßig in Gebieten, wo am ehesten mit vielen E-Autos zu rechnen ist.

In der nächsten Stufe will Netze BW praktische Erfahrungen in einer eher städtischen Region mit großen Wohnblocks sammeln. Da geht es um die Ausrüstung von großen Tiefgaragen und die Zustimmung von Hausgemeinschaften. Von den 100 Stellplätzen sollen 20 bis 30 elektrifiziert werden. Als Versuchsgebiet ist die Gemeinde Tamm im Landkreis Ludwigsburg bereits ausgeguckt. Geplant ist ein weiterer Versuch in deiner ländlichen Region. Und in neuen Baugebieten will sich die Netzgesellschaft ab sofort stets mit Leerrohren und zusätzlichen Plätzen für Batteriespeicher für die mobile Zukunft rüsten.

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