„Mach Dir keine Sorgen, Mama. Wenn die Risse gefährlich wären, würden sie uns ja nicht in die Fabrik lassen“, sagte Shonjeet zu seiner Mutter. Dann ging er zur Arbeit. Eineinhalb Stunden später stürzte die Rana Plaza-Textilfabrik in Sabhar, einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, ein und begrub Tausende Arbeiterinnen und Arbeiter unter sich. 2438 Menschen wurden verletzt, 1135 Menschen starben, der 19-jährige Shonjeet war einer von ihnen. Am Mittwoch jährt sich der Einsturz zum sechsten Mal. Während viele der Opfer noch immer unter den Folgen leiden, will Bangladesch internationale Inspektoren, die weitere Katastrophen verhindern sollen, des Landes verweisen.

„Dem Fabrikbesitzer war sein Profit wichtiger als das Leben Tausender Arbeiter. Für ihn waren es gar keine Menschen. Sonst hätte er sie doch gar nicht in die Fabrik gelassen, nachdem die Risse aufgetaucht waren“, sagt Shonjeets Mutter Shunno Balas in ihrer Wellblechhütte in Sabhar und wischt sich mit ihrem Kopftuch Tränen aus den Augen. 13 Tage nachdem das Rana Plaza unter dem Gewicht mehrerer illegal aufgestockter Etagen einstürzte, entdeckte ihr Mann Shonjeet in einer zum Leichenschauhaus umfunktionierten Schule. Seiner Frau verbot er, noch einen letzten Blick auf ihren Sohn zu werfen. Sie sollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er an seinem letzten Lebenstag zur Arbeit ging und nicht so, wie er fast zwei Wochen später aus den Trümmern gezogen wurde.

Shunno Balas zeigt ein Foto ihres Sohnes Shonjeet. Er war 19 Jahre alt, als er unter den Trümmern des Rana Plazas starb.
Shunno Balas zeigt ein Foto ihres Sohnes Shonjeet. Er war 19 Jahre alt, als er unter den Trümmern des Rana Plazas starb. | Bild: Philipp Hedemann

Alam Matabbar hingegen wollte seine Frau Begum sehen, selbst wenn die Trümmer ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt hätten. Auch sie starb unter den Trümmern der eingestürzten Textilfabrik. Sechs Monate irrte er mit einem Bild der Mutter seiner vier Kinder von Leichenschauhaus zu Leichenschauhaus.

Begum gehört zu den Arbeiterinnen und Arbeitern, die immer noch vermisst werden. „Vielleicht hat die Regierung ihre Leiche beiseitegeschafft, um die Zahl der Opfer zu senken. Vielleicht wurden ihr Organe entnommen“, sagt der Witwer in einer winzigen Wohnung in einem Armenviertel von Sabhar. Nur wenige Hundert Meter von hier klafft dort, wo bis zum 24. April 2013 das Rana Plaza stand, eine große Baulücke. Ein unscheinbares Denkmal erinnert dort an Begum und die 1135 offiziellen registrierten Opfer der Katastrophe.

Damit sich ein Unglück wie im Rana Plaza nicht wiederholt, gründeten 200 westliche Unternehmen wie C&A, H&M und Esprit zusammen mit Gewerkschaften im Mai 2013 das Brandschutz- und Gebäudesicherheits-Abkommen Accord. Die Initiative inspizierte rund 1600 Fabriken, in denen fast zwei Millionen Frauen und Männer arbeiten. Die Experten sorgten dafür, dass neue Rettungstreppen, Notausgänge, Brandmelder und verstärkte Zwischendecken gebaut wurden und gaben Textilarbeitern Sicherheitstrainings. Fabriken, die den Vorgaben nicht nachkamen, setzten sie auf schwarze Listen, schlossen sie so von Aufträgen internationaler Kunden aus. Der Erfolg ist unbestritten. Seit sechs Jahren gab es keine schweren Unglücke in den Textilfabriken des Landes. Und dennoch machen Fabrikanten Stimmung gegen das Abkommen.

Die Textil-Lobby ist mächtig

„Nach Rana Plaza musste etwas geschehen. Aber der Accord ist nicht fair“, sagt Mohammed Aminul Islam, Betriebsleiter der Firma Intramex auf dem Fabrikgelände in Gazipur. In der Textilstadt nördlich von Dhaka produziert seine Firma mit 4900 Mitarbeiter Hosen, Hemden und T-Shirts für den Export. Der Accord habe seine Firma zu Investitionen in Höhe von mehreren Hunderttausend Dollar gezwungen, sagt der Manager. Oft seien die Fristen dabei sehr kurz gewesen und die Vorgaben stünden teils im Widerspruch zu einheimischen Gesetzen. „Die internationalen Käufer verlangen von uns immer höhere Investitionen, sind aber nicht bereit, mehr zu zahlen. Im Gegenteil: sie drohen damit, in einem billigeren Land zu produzieren. Sie erpressen uns“, sagt der Manager wütend.

Viele Textilfabrikanten denken wie Mohammed Aminul Islam. Und sie haben eine mächtige Lobby. Nach China ist Bangladesch der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. 83 Prozent der Ausfuhren Bangladeschs werden in der Textilbranche erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr wurden Textilien im Wert von umgerechnet rund 26,5 Milliarden Euro ausgeführt. In den rund 4000 Textilfabriken des Landes arbeiten rund 3,6 Millionen Menschen. Der Boom der Branche hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das Pro-Kopf-Einkommen sich zwischen 2010 und 2017 verdoppelt hat und die Wirtschaft seit 2008 um durchschnittlich mehr als sechs Prozent pro Jahr zulegte. Viele Politiker stört es zudem, dass eine ausländische Organisation wie der Accord hoheitliche Aufgaben übernimmt.

Alam Matabbar (rechts), hier mit drei seiner vier Kinder, verlor beim Fabrikeinsturz 2013 in Sabhar seine Frau (auf dem Bild links).
Alam Matabbar (rechts), hier mit drei seiner vier Kinder, verlor beim Fabrikeinsturz 2013 in Sabhar seine Frau (auf dem Bild links). | Bild: Philipp Hedemann

Im Mai letzten Jahres entschied der Oberste Gerichtshof darauf hin, dass der Accord seine Arbeit beenden soll. Weil Bangladesch jedoch noch nicht in der Lage sei, selbst für die Sicherheit der Beschäftigten in der Textilbranche zu sorgen, setzte das Abkommen sich zur Wehr. Eine endgültige Entscheidung des Gerichts wurde bereits acht Mal verschoben, der nächste Termin ist für den 19. Mai angesetzt.

Die Hilfsorganisation CARE spricht sich für eine Fortsetzung des Accords aus: „Er trägt zur Sicherheit der Textilarbeiterinnen bei. Da die Mehrheit der Arbeitskräfte Frauen sind, ist ihre Sicherheit aber auch durch Übergriffe, sexuelle Belästigung und Willkür von Vorarbeitern gefährdet“, sagt Judith Albert, Referentin für Unternehmenskooperationen bei CARE Deutschland. Auch die Bundesregierung, das EU-Parlament und viele Modefirmen forderten Bangladesch zu einer Fortsetzung der Zusammenarbeit auf. Für Shunno Balas, deren Sohn Shonjeet vor sechs Jahren unter den Trümmern des Rana Plazas starb, wäre die Ausweisung der Kontrolleure eine weitere Katastrophe. Die trauernde Mutter: „Wenn der Profit der Besitzer wieder wichtiger wird als die Sicherheit der Arbeiter, wäre Shonjeet umsonst gestorben.“