Eine Zeitschrift, die 100 Jahre alt wird, ist noch seltener als ein Mensch, der diese Schwelle überschreitet. Das Fußball-Fachmagazin „Kicker“ erschien am 14. Juli 1920 zum ersten Mal und ist die einzige deutsche Publikumszeitschrift, die bis heute überlebt hat, weil der traditionsbeladene Titel aus dem Olympia-Verlag in Nürnberg nicht nur am Kiosk um seine Leser kämpft.

Digitale Offensive mit Erfolg

Die digitale Offensive des „Kicker“ steht im Gegensatz zu seinem betulichen Image. Was bereits 1997 im World Wide Web seinen Anpfiff erlebte, sichert inzwischen die Existenz: Mit der Reichweite von 2,2 Milliarden Seitenaufrufen pro Monat und der Nutzerzahl von über zehn Millionen kompensiert der Kicker ohne Bezahlschranke oder Abomodelle die Verluste des Printgeschäfts und steht wirtschaftlich blendend da.

News-App und E-Paper, kicker-TV und kicker-Shop, Live-Ticker und Live-Blog – das Nürnberger Unternehmen greift jede Innovation auf und setzt sie technisch gelungen um. Unantastbar bleibt der redaktionelle Wertekanon. Korrektheit und Seriosität sind auch in der digitalen Welt Markenzeichen des „Kicker“, auf dessen Tabuliste das Jagen nach Clicks ganz oben steht. Ebenso wichtig ist das zweite Gebot, das private Themen nur erlaubt, wenn sie sportliche Auswirkungen haben.

Walther Bensemann
Walther Bensemann | Bild: kicker

Das hätte Walther Bensemann gefallen. Der 1873 geborene Berliner krönte mit der Gründung des „Kicker“ in Konstanz seine Rolle als deutscher Fußballpionier. Für ihn war Fußball ein Völker verbindendes, Frieden stiftendes Kulturgut, als er die „illustrierte Fußball-Wochen-Schrift für die Schweiz und Deutschland“ schuf, wie es im Untertitel hieß. Der Name des Blattes, das die Redakteure am 14. Juli 1920 mit Handkarren auslieferten, war griffiger: „Der Kicker“.

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Die Nazis zerstörten sein Lebenswerk, der kosmopolitische Denker floh 1933 ins Schweizer Exil. Von seinem Tod im Jahr 1934 durfte die gleichgeschaltete Redaktion nur in einer Notiz berichten. Der „Kicker“ hütet sein ideelles Erbe unter anderem mit der Beteiligung an einem Kulturpreis, der seinen Namen trägt.

Am 14. Juli 1920 erscheint die erste Ausgabe „Der Kicker“ mit Mannschaftsfotos der Karlsruher Kickers und des Karlsruher FV aus den 1890er-Jahren auf der Titelseite.
Am 14. Juli 1920 erscheint die erste Ausgabe „Der Kicker“ mit Mannschaftsfotos der Karlsruher Kickers und des Karlsruher FV aus den 1890er-Jahren auf der Titelseite. | Bild: kicker

Wie allen Zeitschriften verweigerten die Alliierten nach dem Krieg die Neuauflage unter altem Namen, doch ein paar Redakteure gründeten 1946 in Nürnberg den Olympia-Verlag und erhielten die Genehmigung für das Magazin „Sport“, das ab 1948 „Sportmagazin“ hieß. Erst im November 1951 meldete sich der „Kicker“ zurück. Es begann ein Konkurrenzkampf zweier Blätter, der bis zur Fusion 1968 dauerte. Das „Sportmagazin“ war fachlicher, der „Kicker“ etwas moderner in der Sprache von Bild und Wort.

Viele gute Einfälle in zwei Häusern

Gute Ideen hatten beide. Das „Sportmagazin“ kam ab 1953 mit der Ausgabe am Donnerstag und erfand 1966 die „Torjägerkanone“ für den besten Torschützen der Bundesliga-Saison. Es war ein Konter auf die Jahrhundertidee des „Kicker“, der 1960 die deutschen Sportjournalisten dazu aufrief, den „Fußballer des Jahres“ zu wählen.

Ein Küsschen muss sein: Robert Lewandowski vom deutschen Meister Bayern München mit der Torjägerkanone, die traditionell vom „Kicker“ verliehen wird. Bereits fünf Mal hat der polnische Stürmer den Preis für den besten Bundesliga-Torschützen gewonnen.
Ein Küsschen muss sein: Robert Lewandowski vom deutschen Meister Bayern München mit der Torjägerkanone, die traditionell vom „Kicker“ verliehen wird. Bereits fünf Mal hat der polnische Stürmer den Preis für den besten Bundesliga-Torschützen gewonnen. | Bild: Witters

Der „Goldene Ball“, den zur Premiere Uwe Seeler bekam, hat an Strahlkraft nichts verloren und wurde übernommen vom „Kicker-Sportmagazin“, das am 7. Oktober 1968 erstmals erschien. Die Fusion schuf einen starken Titel, gerade rechtzeitig zum Eintritt in das hohe Zeitalter der Printmedien.

Trio des Hamburger SV: Manager Günter Netzer (von links), Starspieler Kevin Keegan und Trainer Branko Zebec bei der Ehrung zum Mann des Jahres 1978 vom „Kicker“-Magazin.
Trio des Hamburger SV: Manager Günter Netzer (von links), Starspieler Kevin Keegan und Trainer Branko Zebec bei der Ehrung zum Mann des Jahres 1978 vom „Kicker“-Magazin. | Bild: Witters

Die Auflage stieg Anfang der Siebzigerjahre auf über 300 000, das Anzeigengeschäft florierte. Der ehemalige Nationalspieler Hans Fiederer und Karl-Heinz Heimann führten das Magazin als Chefredakteure. Beide verlangten von ihrer Redaktion Faktentreue und Korrektheitl, doch sie verschlossen sich nicht Neuerungen, um Leser-Nachwuchs zu begeistern – zum Beispiel mit den Starschnitten der Topspieler.

Der Ruf ist besser denn je

Die Auflage ist auf etwa 110 000 gesunken, doch in Fachkreisen ist der Ruf besser denn je. Die intensive Berichterstattung der Bundesliga bleibt mit der Nationalmannschaft das Herzstück. Vor allem ist das Magazin unter der neuen Chefredaktion mit Leiter Jörg Jakob, Reporter-Legende Rainer Franzke und Digital-Chef Alexander Wagner politischer und meinungsfreudiger geworden; der Kritik an der fragwürdigen Entwicklung des heutigen Profifußballs und den Interessen des Fußballs an der Basis wird zunehmend Raum gegeben – wenn die Ansprüche an Korrektheit, Präzision und Verständlichkeit erfüllt werden.

Dass trotz vieler herausragender Autorenstücke die Vorurteile über den vermeintlich altmodischen „Kicker“ sich hartnäckig halten, nimmt man gelassen zur Kenntnis. Härter traf sie Corona, nicht nur weil alle geplanten Aktionen rund um den Geburtstag – von der Gala bis zum Sonderheft – verschoben werden mussten, sondern auch weil für über zwei Monate kein Spiel stattfand. Aber wie die Redaktion sich nach kurzer Schockstarre fachkundig machte, die Pandemie-Folgen für den Fußball analysierte und zudem attraktiven Fußball-Lesestoff präsentierte, war ein Leistungsnachweis der besten Art.