Kürzlich war das Doppelzimmer noch für 6000 Rubel zu haben, das sind etwa 80 Euro – ein Schnäppchen, nicht wahr? Ein bisschen teurer wird’s dann freilich zur WM-Zeit, unsere Anfrage für die Nacht nach dem Eröffnungsspiel zwischen Russland und Saudi-Arabien vom 14. auf den 15. Juni ergab einen Doppelzimmerpreis von knapp über 450 Euro.

Früher hieß das Radisson Royal anders – Hotel Ukraina, das passte besser. Es entstand zwischen 1953 und 1957 nach Entwürfen der russischen Architekten Arkadi Grigorjewitsch Mordwinow und Wjatscheslaw Oltarschewski. Letzterer hatte in den Dreißigerjahren neun Jahre lang in Amerika gelebt, dort Vorlesungen an der Columbia-Universität Vorlesungen gehalten und Wolkenkratzer studiert.

Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion geriet er in eine Intrige und er wurde als Saboteur in ein Lager in Workuta jenseits des Polarkreises verschleppt. Dort entwarf er weiter Wohnhäuser auf dem Reißbrett, und er erstellte auch eine Skizze für den von Josef Stalin geplanten monumentalen Sowjetpalast. Der Diktator begnadigte Oltarschewskij und gab ihm den Auftrag für das Hotel Ukraina, das zu den sogenannten sieben Schwestern gehört – im Stil des sozialistischen Klassizismus (oder auch im stalinistischen Zuckerbäckerstil) erbaute Hochhäuser. Das Ukraina war mit 34 Stockwerken und 198 Metern Höhe lange Zeit das höchste Hotelgebäude Europas, ehe es 2001 vom Gran Hotel Bali im spanischen Benidorm übertroffen wurde.

1995 hatte ich das Vergnügen, dort für einige Nächte zu logieren – bei noch angenehmen Preisen. Der Eiserne Vorhang war nicht mehr vorhanden, was sich im Ukraina zeigte. Früher hatte es in den Fluren der Sowjethotels auf jeder Etage eine Deschurnaja, auf Deutsch Diensthabende, gegeben. Das war meist eine ältere Dame, die von einem Schreibtisch aus alles und jeden beobachten konnte. Ihre offizielle Aufgabe war, den Gästen die Zimmerschlüssel auszuhändigen, die inoffizielle, aber eigentliche, dem Staatssicherheit Berichte über die Kommenden und Gehenden zu liefern.

Außerdem hatte die Deschurnaja im Auftrag der Staatspartei dafür zu sorgen, dass sich keine Geschlechtsgenossinnen auf die Zimmer schlichen, um dort einen schnellen Rubel oder Dollar zu machen. Jetzt, 1995, gab es noch die Schreibtische samt einem Stuhl, nur saß da niemand mehr. Dafür klingelte, kaum dass ich mein Zimmer betreten hatte, das alte schwarze Telefon. „Yes?“ – „Du Sexmassasch?“ – „No.“ – Tüt, tüt.

Das Ukraina wurde 2007 geschlossen. Sarach Ilijew, einem Abkömmling aserbaidschanischer Bergjuden, ist es zu verdanken, dass das prachtvolle Gebäude wieder Hotelgäste beherbergt. Er kaufte für 275 Millionen Dollar der Stadt Moskau das verstaubte Kleinod ab und investierte 300 Millionen in die Renovierung. Der Rest ist Radisson.

 

Der Autor dieses Textes Ralf Mittmann.