Regelverstoß 4538 (Teile des Spiels verpasst) wird Jason noch einmal zurück auf die „Bielefelder Alm“ führen. Jason ist zwölf Jahre alt und Asperger-Autist. Gemeinsam mit seinem Vater Mirco reist er seit seinem sechsten Lebensjahr durch Deutschland und das benachbarte Ausland, um seinen Lieblingsverein zu finden. Denn um sich entscheiden zu können, muss er alle Vereine gesehen und erlebt haben.

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Was sie auf ihren oft lustigen und aufregenden, für den Vater manchmal peinlichen, aber auch lehrreichen Reisen erlebt haben, erzählen sie in ihrem Buch „Wir Wochenendrebellen“. Es beschreibt eine ganz besondere Vater-Sohn-Beziehung, klärt auf, dass das Asperger-Syndrom nicht nur Behinderung sein kann, und erklärt, wie man ein Fußballspiel auch anders betrachten kann.

Im Gespräch erzählt Mirco von Juterczenka, wie viel selbstbewusster Jason im Umgang mit schwierigen Lebenssituationen geworden ist, er auf ihren Stadionreisen Dinge meistert, die ihm im Alltag misslingen. Und dass er selbst viel über seinen Sohn, aber auch von ihm gelernt habe. Die Fußball-Wochenenden werden vom Sohnemann geplant. Manchmal muss er gewisse Vorgaben berücksichtigen.

In Dortmund.
Auch die gelbe Wand in Dortmund erlebte er hautnah. | Bild: Imago / privat

Mirco ist in der Gastronomie tätig und in ganz Deutschland unterwegs. Ansonsten lässt ihm der Vater großen Spielraum. Dazu muss man wissen, dass Jason in seiner motorischen Begabung unter dem Durchschnitt liegt, geistig aber weit darüber. Weshalb Jason meint, dass das Asperger-Syndrom „mehr Behilflichkeit denn Behinderung“ mit sich bringt. Weil er auf dem Gymnasium unterfordert ist, forscht er im Wissenschaftszentrum in Kassel, dem Wohnort der Familie, zur Chaos-Theorie.

Alles begann mit Opas Geburtstag

Aber zurück zum Fußball: Mittlerweile haben die zwei alle Bundesligisten, fast alle Zweitligisten sowie einige Dritt- und Regionalligisten beobachtet. Mehr als 90 Spiele haben sie in den vergangenen sechs Jahren besucht. Zu den Highlights zählte die Reise nach Schottland in diesem Frühjahr. Zum Spiel Celtic Glasgow gegen Kilmarnock.

Alles begann mit einem Geburtstagsgeschenk für den Opa: Ein Stadionbesuch in Leverkusen im Oktober 2011. Champions League. Bayer empfing Valencia. Jason, damals gerade fünf Jahre alt geworden, durfte mit. Er genoss die Anreise, das Spiel, die Stimmung, die Umgebung, stellte viele kluge Fragen (Wieso gibt man nicht jedem einen Ball? Warum gibt es nur eine Halbzeit und keine Vollzeit? Wie groß sind die Löcher im Tornetz?) und begriff schnell: Man muss wohl Fan sein, um die Faszination Fußball zu verstehen.

Lieblingsverein? Für Jason eine Frage der Logik

Aber von welchem Verein? Eine Lebensentscheidung, die bei den meisten Menschen auf Zufall beruht. Bei Jason ist dies eine Frage der Logik. Er müsse zunächst alle Clubs gesehen haben, bevor er sich entscheide. Und so nahm er seinem Vater das Versprechen ab, alle Stadien zu befahren, die notwendig sind, bis er Fan eines Vereins werden würde. „Mit dem Wissen von heute würde ich die Anzahl der Stadionbesuche wohl begrenzen“, sagt Mirco. Aber damals sei er noch sehr unerfahren im Umgang mit der „besonderen Logik“, so nennt die Familie das Asperger-Syndrom, gewesen.

Jason hasst Zufälle und Überraschungen, er mag keine Nähe, er tut sich schwer mit Veränderungen, sozialen Kontakten und Emotionen. Und er liebt Regeln. Sie geben seinem Leben Struktur und erleichtern Vater, Mutter und Schwester den Alltag. Trotz der Belastung, diese teils seltsamen Regeln unbedingt einhalten zu müssen. Denn Regelbruch bedeutet Eskalation. So dürfen sich beispielsweise die Bestandteile seines Essens auf dem Teller keinesfalls berühren.

Er denkt an die Umwelt und sorgt bei seinem Vater für Stress

Ein Tropfen Soße auf dem Kartoffelkloß reicht aus – und der Tag ist gelaufen. Eine Zugreise nach München führte zum Abbruch, weil der Kellner des Bordbistros den Wunsch, die Nudelsoße in einem separaten Schälchen zu servieren, versehentlich missachtete. „Den Scheiß kannst du alleine essen“, war Jasons grausam ehrliche Reaktion. Entrüstung bei den Mitreisenden. Zurückzugeben war das Gericht nicht, weil es dann im Müll gelandet wäre.

Eine weitere Regel: Essen wird niemals weggeworfen. Der Umwelt zuliebe. Geteilt wird auch nicht. Denn es ist sein Essen. Und weil der Vater das alles weiß, ist es seine Aufgabe, die Situation zu lösen. In jenem Fall war es der Ausstieg am nächsten Bahnhof – mit einem brüllenden Jungen auf dem Arm. Mittlerweile ist Mirco ein Meister der Schadensbegrenzung. Jason sagt: „Es ist für Papsi Stress, dafür zu sorgen, dass es für mich kein Stress ist.“

Auch die Suche nach einem Lieblingsclub erfolgt nach strengsten Regeln. Der Verein muss ökologisch sein, wie der FSV Mainz 05, der einen Solarhersteller als Sponsor hat. Er muss
Toiletten haben, auf denen man das Spiel weiterverfolgen kann, wie in Stuttgart. Alte verrottete Stadien sind schöner als moderne mit LED-Leinwänden. Für einklappbare Flutlichtmasten wie im Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg kann sich Jason begeistern, auch für in die Natur integrierte Stadien wie das in Aue. Bildet ein Team aber vor dem Anpfiff einen Kreis, um sich einzuschwören, scheidet es für Jason aus. Er mag keine Nähe.

Gemischte Gefühle sind auch mit dabei

Eine weitere Regel: Die Anreise erfolgt mit dem Zug. So auch nach Bielefeld zum Spiel Arminia gegen Fortuna Düsseldorf, Mircos Lieblingsverein, am 30. August 2013. Nach Chaos, das entsteht, wenn man der einstündigen Autofahrt eine dreistündige Zugfahrt vorzieht und auch noch den Opa einsammeln muss, erreichten die Drei ihre Plätze – im Block der Heim-Elf. Noch eine Regel. Ein Verein lässt sich nur bewerten, wenn man seine Fans hautnah erlebt. Weshalb der SC Paderborn erneut besucht werden muss. dort hatten Jason und Mirco 2014 nur Gäste-Plätze.

Die Partie in Bielefeld hat Mirco Juterczenka gemischte Gefühle gegeben. Einerseits war er nach dem 2:4 der Fortuna über das Verhalten seines Sohnes geschockt. Der hatte sich ab dem Treffer zum 3:2 auf die Seite der Blauen geschlagen und grölte im Pulk einiger Arminen mit: „Ihr könnt nach Hause fahr‘n ...“ Andererseits hatte Jason für diesen Moment seine Angst vor Nähe abgelegt und erstmals Zugang zu seinen Gefühlen bekommen. So überwiegt die Freude, in die Schüco-Arena zurückkehren zu müssen. Denn Spiele, die nicht über die volle Distanz gesehen werden, zählen nicht. Aus dem Kreis der potenziellen Lieblingsvereine ist Bielefeld trotzdem ausgeschieden. Der Kreis vor dem Anpfiff! Wie so oft.