Das Feuer in einem Sonderzug für Fußballfans am Samstagabend in Berlin ist offenbar durch einen technischen Defekt ausgebrochen. Darauf deuten erste Erkenntnisse von Bundespolizei, Brandermittlern der Landespolizei Berlin und der Eisenbahnuntersuchungsstelle des Bundes hin, wie die Ermittler am Montag in der Hauptstadt mitteilten.

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Die Ermittlungen dauern allerdings an, die Polizei sucht nun Zeugen des Geschehens.

Bei dem Brand im zweiten Waggon des Sonderzugs mit Fans des SC Freiburg wurden vier Menschen leicht verletzt. Der Zug mit rund 700 Freiburger Fußballfans kam beim Berliner S-Bahnhof Bellevue zum Stehen, ein Waggon brannte lichterloh. Vier Menschen wurden verletzt, drei von ihnen wurden im Krankenhaus wegen einer Rauchgasvergiftung behandelt. 150 Feuerwehrkräfte waren im Einsatz. Wegen des Brands war der Zugverkehr auf der Berliner Stadtbahn für Stunden unterbrochen.

Widersprüchliche Aussagen

Von Mitgliedern der Fanorganisation Supporters Crew Freiburg, die den Zug beim privaten Unternehmen Schweizer Centralbahn AG für die Fahrt zum Bundesliga-Auswärtsspiel des SC Freiburg bei Aufsteiger 1. FC Union Berlin gemietet hatte, war rasch über einen technischen Defekt als Brandursache spekuliert worden. Das wurde jedoch ebenso schnell von Verantwortlichen der Centralbahn AG ausgeschlossen.

Das sagt der Bahnexperte

Das Feuer sei in der Mitte des ausgebrannten Waggons entstanden und dort gebe es überhaupt keine Technik, hieß es. Dieser Ausage widerspricht der Bahnexperte Professor Markus Hecht, der seit 1. Juni 1997 das Fachgebiet Schienenfahrzeuge am Institut für Land- und Seeverkehr der Technischen Universität Berlin leitet.

Betroffener Wagen stammt vom Baujahr 1984 

„Es gibt bei diesen alten Wagen Lichtleitungen, Schalter und Lautsprecherkabel mit Potentiometer“, erklärte Hecht auf SÜDKURIER-Anfrage, dies könne eine Rolle gespielt haben. Auf Anfrage zum Zustand des Zugs erklärte die Centralbahn AG gegenüber dem SÜDKURIER: „Der betroffene Wagen stammt vom Baujahr 1984 und fährt seit 1994 für die Centralbahn. Unsere Fahrzeuge werden nach den Vorschriften der Eisenbahn-, Bau- und Betriebsordnung regelmäßig untersucht, die letzte Untersuchung des betroffenen Wagens liegt etwa zwei Jahre zurück.“

Gegenstand der polizeilichen Untersuchungen war auch, ob möglicherweise Pyrotechnik eine Rolle gespielt hatte – was von den Freiburger Fans umgehend zurückgewiesen wurde. Allerdings hatten sie zuvor im Stadion an der alten Försterei vor Spielbeginn Bengalos abgebrannt, was von Sportclub-Trainer Christian Streich scharf verurteilt worden war.

Der Sonderzug, mit dem rund 700 Fans nach einem Erstligaspiel zurück nach Freiburg fahren wollten, steht brennend im S-Bahnhof Bellevue.
Der Sonderzug, mit dem rund 700 Fans nach einem Erstligaspiel zurück nach Freiburg fahren wollten, steht brennend im S-Bahnhof Bellevue. | Bild: ---/dpa

Nicht nur die Polizei in Berlin, auch die Supporters Crew Freiburg sucht Augenzeugen. Und die gibt es natürlich. In der „Badischen Zeitung“ wird der 19-jährige SC-Fan Sebastian Krämer aus Freiburg-Hochdorf zitiert: „Unser Sechserabteil befand sich im Wagen Nr. 6, also etwa in der Mitte des Zuges. Ich stellte mich ans Fenster und wollte noch ein bisschen die vorüberziehende Stadt mit der Abendstimmung filmen. Gegen 19.40 Uhr setzte sich der Zug im Bahnhof Berlin-Charlottenburg in Bewegung.

Eine Art dünner Rauch lag in der Luft 

Nach kurzer Zeit fiel mir auf, dass eine Art dünner Rauch in der Luft lag. Dazu roch es leicht verbrannt. Ich habe meine fünf Kollegen gefragt: Riecht ihr das auch? Sie bestätigten meinen Eindruck.“ Verärgert zeigte sich der junge Mann über Reaktionen in den sozialen Medien. „Ich habe kurz, nachdem der Brand ausgebrochen war, kurz und sachlich auf Twitter geschrieben, was passiert war.

Es gab sehr viele Kommentare unter meiner Nachricht von Leuten, die gleich meinten, den Freiburger Fans etwas ankreiden zu müssen, von wegen: Da hätten welche gezündelt. Das finde ich widerlich. Es gab ja Verletzte. Über diese Reaktionen haben sich viele Freiburger Fans wahnsinnig aufgeregt.“

Auch ein zweiter Augenzeuge meldet sich

Ein anderer Augenzeuge, Valentin Eschbach, 20 Jahre alt, aus Kenzingen, schildert in der Zeitung seine Eindrücke so: „Ich saß mit meinen Kollegen nach dem Spiel wieder in einem Sechserabteil im Wagen Nr. 6, insgesamt waren es etwa 14 Waggons. Kurz vorm Bahnhof Bellevue ging ein Ruck durch den Zug, Notbremse. Wir haben mitbekommen, dass es irgendwo im Zug raucht.

Ein Blick aus dem Fenster hat das bestätigt. Zwei aus unserer Gruppe sind Feuerwehrmänner. Wir sahen, wie Leute aus dem vorderen Waggon ausgestiegen sind – aufs Gleis. Unser erster Gedanke war: Müssen wir jetzt auch raus? Irgendjemand rief uns zu, dass vorne der Zug brennt. Polizisten kamen auf den Bahnsteig. Sehr viele waren es, und sie kamen schnell.“

Feuer in Zwischendecke?

Eine andere Ansicht zur Brandursache hat Cathrine Reisch, die sich neben ihrem Freund Nikolai Stroner im SC-Sonderzug befand. Nach eigenen Angaben saßen sie in einem Abteil nur einen Meter vom Brandherd entfernt. Die Frau schildert die Situation so: „Das Feuer brach außerhalb des Abteils in der Zwischendecke, also im Lüftungsschacht aus.

Der Zugbegleiter hatte noch versucht, mit einem Feuerlöscher den Brand zu löschen. Allerdings hat er relativ schnell gemerkt, dass der Brand nicht mehr zu kontrollieren war.“ Der Lokführer habe dann den Zug gestoppt und die Feuerwehr alarmiert. Für Markus Hecht ein denkbares Szenario. „Dort sind Isolationsstoffe, die auch verschmutzt sein können“, sagt der Professor von der TU Berlin..

Gab es Warnzeichen?

Reisch hat indes noch eine andere Erfahrung abgespeichert: „Eine halbe Stunde vor Abfahrt kam es genau in diesem Waggon schon zu einer Rauchentwicklung. Die zuständigen Personen hatten uns gesagt, dass sie nicht losfahren würden, wenn unsere Sicherheit in Gefahr wäre.“ Als Begründung für den Rauch sei angeführt worden, es handele sich lediglich um die Heizung, die sich aufwärmen würde.

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Schließlich kursierte auch noch das Gerücht von Benzinkanistern, die in einem Dienstabteil für Personal gelagert gewesen seien. Von Benzingeruch war die Rede, die Kanister hätten aber keine Brandschäden aufgewiesen. Ein weiterer, ein letzter Stein in einem Mosaik, das zunächst keine klaren Konturen annahm. Bis dann am Montagnachmittag die Mitteilung der Generalstaatsanwaltschaft Berlin und der Berliner Bundespolizei kam: „Nach ersten Erkenntnissen könnte ein technischer Defekt den Brand verursacht haben.“

Nachgefragt hat Ralf Mittmann