Sind Wahleinflüsse von außen wie bei der US-Wahl durch Russland in Deutschland überhaupt denkbar?

Ausschließen würde ich es nicht. Das Interesse ist vielleicht geringer, als wenn es um die Weltmacht USA geht. Weil Deutschlands außenpolitisches Gewicht nicht ganz so groß ist und das Land international eher eine Vermittlerrolle einnimmt, statt Entscheidungen zu forcieren. Da ist die Motivation vermutlich etwas geringer. Aber mit Russia Today und Sputnik bieten zwei russische Nachrichtenplattformen deutschsprachige Programme an. Das geschieht nicht zwangsläufig mit Desinformation, aber diese Onlinesender versuchen schon, Konfliktlinien innerhalb der deutschen Gesellschaft anzuheizen. Dafür sind auch Social Media ein wichtiger Verbreitungskanal.

Wie groß ist der Einfluss von Fakenews auf das Wahlverhalten mittlerweile?

Das kommt ganz darauf an, wo man hinschaut: In den US-Wahlkämpfen wird seit Jahrzehnten mit harten Bandagen gekämpft, es wird versucht, Skandale zu erzeugen. Es gibt weniger Hemmungen, übereinander herzufallen. Im deutschen Wahlkampf ist das anders, zumindest in den etablierten Parteien – damit meine ich alle außer der AfD. Die Bereitschaft, Lügen zu verbreiten, ist sehr gering. Kleinere Parteien oder Randgruppen versuchen vielleicht mal, punktuell Desinformationen in Umlauf bringen, um den Wahlkampf zu beeinflussen, das ist aber eine ganz andere Größenordnung.

Bild: Fritscher-Denner

Welchen Einfluss haben die Plagiatsvorwürfe gegen Annalena Baerbock?

Es wird versucht, einen Skandal zu erzeugen. Da wird mit Unterstellungen gearbeitet, Ob Urheberrechte verletzt wurden, muss erst geprüft werden. Bei einer juristischen Prüfung würde es vermutlich nicht dazu kommen, dass die Stellen als problematisch eingestuft werden. Aber darum geht es auch gar nicht. Dahinter steht vielmehr der Versuch, die Wechselbereitschaft bei den Wählern zu verringern, die vielleicht zum ersten Mal für die Grünen stimmen würden oder zumindest erwägen, von ihrem bisherigen Wahlverhalten abzuweichen.

Wie funktioniert das?

Bei der Nominierung der Spitzenkandidaten entsteht oft eine Art Messias-Aura, vor allem bei Herausforderern. Da kommt jemand, der vermeintlich das Land verändern kann – und über den man ansonsten bisher wenig Negatives gehört hat. Durch solche Vorwürfe wird diese Aura aufgeweicht. Solche Prozesse kommen automatisch in Gang, der politische Gegner versucht, sich an der schillernden Persönlichkeit abzuarbeiten und sie zu entzaubern, Schwachstellen zu offenbaren.

Dass Baerbock ihren Lebenslauf beschönigt, könnte man ja so interpretieren, dass sie nicht integer ist, charakterliche Schwächen hat. So wird aus der Messias-Kandidatin eine Frau, die genauso angreifbar wie Armin Laschet ist, von dem wir wissen, dass er selbst in kleinere Skandale verwickelt ist. Ob eine Urheberrechtsverletzung nachweisbar ist, ist dann fast schon egal: Die Diskreditierung hat funktioniert.

Die Kanzlerin und zwei ihrer möglichen Nachfolger: Armin Laschet (CDU) wäre es gerne, Annalena Baerbock (Grüne) auch. Beide haben ihre Skandale zu managen.
Die Kanzlerin und zwei ihrer möglichen Nachfolger: Armin Laschet (CDU) wäre es gerne, Annalena Baerbock (Grüne) auch. Beide haben ihre Skandale zu managen. | Bild: TOBIAS SCHWARZ

Ist das Potenzial von Manipulationen und Einflussnahme auf das Wahlergebnis durch die Sozialen Medien heute größer als früher?

Es ist durch Social Media sicher einfacher für randständige Akteure, Wahlen zu beeinflussen, als das früher der Fall war. Minderheiten können sich im Internet größer erscheinen lassen, als sei sind. Auch aus dem Ausland lässt sich relativ einfach zumindest ein gewisser Einfluss nehmen, weil man direkt mit den Bürgern eines anderen Landes kommunizieren kann. Über Facebook lassen sich mit ein paar hundert Euro Anzeigenkampagnen starten.

Welchen Einfluss haben Querdenker, Qanon und Co. auf die Bundestagswahl?

Es gibt ein gewisses Potenzial für solche Verschwörungsnarrative in einer Bevölkerungsgruppe, die etwa zehn bis maximal 15 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmacht. Sie ist grundsätzlich für Behauptungen empfänglich, es gebe ein Komplott der gesellschaftlichen Eliten gegen das Volk. Das kann sich auch auf das Wahlverhalten dieser Menschen auswirken. Das bedeutet dann vielleicht, dass größere Parteien ein bis zwei Prozent weniger bekommen. Das Gesamtbild der Wahl wird also ein Stück weit verändert.

Warum erkennen manche Menschen Fakenews nicht als solche?

Auf Social Media werden wir überflutet mit einem wilden Mix aus Urlaubsfotos, Informationen des Sportvereins oder Dingen, die uns beruflich interessieren. Das Politische kommt nur nebenbei vor. Oft gehen wir nur auf Social Media, weil wir uns die Zeit vertreiben wollen. Gerade, wenn wir etwas beiläufig wahrnehmen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir es hinterfragen, sehr gering.

Woran liegt das?

Wir hinterfragen nicht alles, was auf uns einprasselt. Nur, wenn wir uns für ein Thema interessieren, fängt das Gehirn an, kritisch zu arbeiten. Aber selbst dann stellen wir nicht immer infrage, was wir lesen. Nur, wenn es unserer bisherigen Wahrnehmung widerspricht und uns das Thema wirklich interessiert, denken wir darüber nach, fangen vielleicht an, zu recherchieren.

Was tun die Social-Media-Betreiber dagegen?

Facebook und Twitter markieren Falschmeldungen, sofern sie erkannt wurden. Das ist durchaus nützlich, weil auch diese Markierungen beiläufig wahrgenommen werden. Wirkungsstudien zeigen, dass solche Warnhinweise tatsächlich die Glaubwürdigkeit von Falschmeldungen verringern.

Wie groß ist das Vertrauen in die Presse und die Öffentlich-Rechtlichen? Hat es durch die Fakenews auf Social Media gelitten?

Es gibt eine wachsende Bevölkerungsgruppe, die etablierten Medien stark oder sehr stark vertraut. Dieses Lager wird größer, vermutlich in einer Art Verteidigungshaltung gegenüber der populistischen Systemkritik der letzten Jahre. Die Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt: Da haben viele Menschen gemerkt, wie wichtig zuverlässige Informationsquellen sind.

Gleichzeitig gibt es aber auch eine wachsende Gruppe von Menschen, inzwischen knapp unter 20 Prozent der Bevölkerung, mit starkem Misstrauen gegenüber den etablierten Medien. Es bilden sich hier also immer stärker zwei Lager heraus – wobei diejenigen mit hohem Medienvertrauen die deutliche Mehrheit in der Bevölkerung darstellen.