Ihr Ziel ist klar: Maggie Schauer will mit einem therapeutischen Ansatz das Aggressionspotenzial von traumatisierten Flüchtlingen reduzieren. Sie forscht an der Universität Konstanz. Die Baden-Württemberg-Stiftung finanziert ihr Projekt mit 1,2 Millionen Euro. Die Forschung der Uni nimmt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in den Fokus.

7000 junge Flüchtlinge

Derzeit leben etwa 7000 solcher jungen Menschen im Südwesten. In diesem Herbst will Schauer eine auf drei Jahre angelegte Versuchsreihe beginnen. Etwa 200 Flüchtlinge im Alter von 13 bis 21 Jahren sollen dabei zunächst ein sogenanntes Screening durchlaufen. Bis Projektende will Schauer alle 7000 psychologisch untersuchen. Die Kosten für die Therapie sollen die Krankenkassen tragen.

In der Wissenschaft, moniert die Expertin, sei der Kern des Problems schon lange bekannt. „Flüchtlinge haben nicht nur viel hinter sich, sondern sind häufig chronisch krank“, sagt die Psychologin mit Blick auf die seelische Gesundheit dieser Menschen: „Alle tun überrascht, dass es Probleme mit jungen Leuten gibt. Aber sie können in unserer Gesellschaft oft nicht funktionieren, weder beruflich noch sozial, es kommt zu Alkoholmissbrauch, Aggression auf der Straße, Gewalttaten“.

40 Prozent leiden an Traumafolgestörungen

Eine bereits vor Jahren veröffentliche Studie, die in ganz Baden-Württemberg durchgeführt wurde, kam zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent der Untersuchten an Traumafolgestörungen leiden.

„Das liegt nicht nur an der Angst, im Mittelmeer zu ertrinken“, stellt Schauer klar: Vielmehr beginne familiäre und organisierte Gewalt meist schon im Herkunftsland. „Diese Menschen machen sich auf den Weg in ein besseres Leben, die Flucht dauert Monate bis Jahre und geht durch verschiedene Länder, wo sie Versklavung, sexuellen Missbrauch, Gewalt und Erniedrigung erleben.“

Sozialminister fördert Projekt

Die Idee dazu entstand in Zusammenarbeit mit Sozialminister Manfred Lucha. Schon vor Jahren habe er immer wieder den Kontakt zur Uni Konstanz gesucht, wo das Kompetenzzentrum für Psychotraumatologie schon seit Jahren mit Flüchtlingen arbeitet.

Für das Projekt will Schauer vor allem junge Menschen in der Psychotherapieausbildung gewinnen. Sie werden von Supervisoren überwacht und von Schauers Expertenteam betreut. Auf diese Weise seien die Kosten für die Krankenkassen niedriger, gleichzeitig könnten so die fehlenden kompetenten Psychologen in der Flüchtlingstraumabehandlung gewonnen werden.

Gewaltausbrüche verhindern

Die Forscherin ist überzeugt, dass damit Gewaltausbrüche verhindert werden können. Natürlich seien „nicht alle traumatisiert und wer traumatisiert ist, ist zunächst einmal selbst gefährdet“. Dennoch bestätigte sie, dass gerade Männer sich teilweise nicht dem Gefühl der Angst ergeben, sondern aggressiv reagierten, um sich zu behaupten. Dieses Verhalten sei aber behandelbar, betont sie.

Auch wirtschaftlich sieht Schauer ihr Projekt als Gewinn: Denn Menschen, die psychisch derart belastet seien, könnten nur schwer integriert werden. Sie litten an Lern- und Konzentrationsstörungen, die sie daran hinderten, Deutsch zu lernen, die Schule zu schaffen, eine Ausbildung zu machen, sich eine eigenständige Zukunft aufzubauen. Die Frustration, wenn dies nicht gelinge, führe dagegen häufig zu Kriminalität und Aggression – auch aus Scham, weil sie keinerlei Status in der Gesellschaft hätten. (mim)