Botschafter Jeremy Issacharoff war noch keine 100 Tage im Amt, als bei einer Pro-Palästina-Demonstration in Berlin israelische Flaggen verbrannt wurden. Er erlebte, wie die AfD in den Bundestag einzog. Eine Partei, deren Mitglied Bernd Höcke das Holocaust-Mahnmal im Herzen der Hauptstadt als "Mahnmal der Schande" bezeichnet, deren Parteivorsitzender Alexander Gauland stolz ist auf die Leistungen der deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen.

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Und wie ein Israeli mit einem Gürtel geschlagen und als Jude beschimpft wurde, weil er eine Kippa trug. "Ich konnte es nicht glauben", sagt der 63-Jährige im Gespräch mit dem SÜDKURIER, den der Diplomat bei seinem Aufenthalt in Konstanz besucht. Issacharoff betont, wie besorgt er ist über die Situation: "Antisemitismus ist nicht nur ein Problem für Juden, sondern ein Problem für Deutschland, für die deutsche Gesellschaft." Die Bundesregierung müsse tun, was sie könne, um ihn zu verhindern: "Das ist wichtig für die deutsche Identität."

Kein Vorwurf an die deutsche Politik

Der deutschen Politik macht er zwar keinen Vorwurf: "Wann immer es einen dieser Vorfälle gegeben hat, wurde er scharf verurteilt." Dennoch fordert Issacharoff, dass die Regierung mehr dafür tun müsse, Antisemitismus zu verhindern. Dabei setzt er auf den neuen Bundesbeauftragten gegen Antisemitismus, Felix Klein. Der Jurist stehe vor einer "riesigen Herausforderung".

Zum einen brauche es Bildungsmaßnahmen, nicht nur für Schüler, sondern auch und gerade für Erwachsene: "Dazu gehören auch Flüchtlinge aus Ländern des Nahen Ostens, denen der Hass auf Juden bereits in der Schule beigebracht wurde", sagt der Botschafter.

Zum anderen verlangt Issacharoff Konsequenzen, wenn Grenzen überschritten werden – sei es durch Worte oder Gewalt. Dass ein Berliner im vergangenen Winter auf offener Straße einen jüdischen Restaurantbesitzer beschimpfte und ihn "zurück in die Gaskammer" wünschte, schockierte den Botschafter. Gleichzeitig erkennt er an, dass gerade die jüngeren Generationen eine "Revolution" beginnen. "Da gibt es kaum Unterhaltungen, die von Schuld oder Wut geprägt sind, sondern zwischen Jugendlichen, die sich gegenseitig inspirieren. Das ist wie in Tel Aviv", sagte Issacharoff. In Konstanz traf der Botschafter sich mit Konstanzer Studenten des Erasmusprogramms zwischen beiden Ländern.

Lob für Deutschland, Kritik an der EU

Während der Botschafter das gute Verhältnis zu Deutschland lobt, in dem auch ein Austausch über Themen möglich sei, in denen beide Länder unterschiedliche Positionen vertreten, kritisiert er die Haltung der EU gegenüber Israel scharf. "Der europäische Blick auf Israel ist sehr selektiv", sagt er. So würden Vergeltungsmaßnahmen der israelischen Armee nach Angriffen von Hisbollah, Hamas oder nach den jüngsten Konflikten im Gaza-Streifen schnell verurteilt, die der Gegenseite "jedoch häufig nicht". Nach Schießereien im Mai waren 60 Menschen durch Schüsse israelischer Soldaten ums Leben gekommen. Die EU hatte dies verurteilt, wie auch wenige Wochen später die Raketenbeschüsse durch Palästinenser im Gaza-Streifen Richtung Israel.

Auch die Siedlungspolitik seines Landes sah Issacharoff nicht als zentralen Punkt im Konflikt mit Palästina: "Nicht die Siedlungspolitik ist das Hindernis für Frieden, sondern die Tatsache, dass die andere Seite jede Verhandlung mit uns ablehnt." Bei einer Zwei-Staaten-Lösung seien andere Probleme ohnehin vorrangiger, betonte der Diplomat und nannte den Schutz der Grenzen, den Status Jerusalems und die Wasserversorgung.

Die Redakteure Dieter Löffler und Mirjam Moll im Gespräch mit dem Botschafter.
Die Redakteure Dieter Löffler und Mirjam Moll im Gespräch mit dem Botschafter. | Bild: Tesche, Sabine

Derzeit liegt der Knesset, dem Parlament Israels, ein Gesetzespaket vor, das rein jüdische Gemeinden erlauben soll. Darüber hinaus sieht der Entwurf vor, Jerusalem als Hauptstadt Israels und Hebräisch als offizielle Landesprache in die Verfassung aufzunehmen, zudem soll der hebräische Kalender als offizieller Kalender festgelegt werden. Arabisch würde demnach eine Art Sonderstatus erhalten. Das Gesetz soll kommende Woche verabschiedet werden. Botschafter Issacharoff wiegelt jedoch ab – er wolle abwarten, ob und wie der Entwurf zur Abstimmung komme, ruft aber dazu auf, dass jedes Gesetz einen "inklusiven" Ansatz haben solle.

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