Aufgeben kommt für ihn nicht infrage. Obwohl sich scheinbar alle Kräfte gegen ihn verschworen haben. Aber er will es sich selbst und allen anderen beweisen, dass er es kann. Und tatsächlich, unter Aufbietung aller Kräfte gelingt ihm der große Wurf, der größte Fang seines Lebens.

Doch die Freude währt nicht lange. Im Wasser lauern die Haifische, seine Beute zieht die Jäger an, die ersten kann er noch abwehren, aber es werden immer mehr, die Stück für Stück weiternagen. Am Ende bleibt ihm nur das blanke Skelett.

Seehofer wird zur Beute seiner Gegner 

Horst Seehofer ist nicht Santiago, der Fischer aus Ernest Hemingways Novelle „Der alte Mann und das Meer“. Und doch sind die Parallelen verblüffend. Kurz nur ist die Spanne zwischen Erfolg und Demütigung, der Fang löst sich in Nichts auf.

So droht es auch Horst Seehofer zu ergehen, der in den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr in einem letzten politischen Triumph das Innenministerium erbeutete – und nun selber im Haifischbecken der Berliner Politik zur Beute seiner Gegner wird. Verzweifelt kämpft er um sein Amt wie seine Reputation und muss fast hilflos zusehen, wie er all das nicht mehr verteidigen kann.

Seehofers Twitter-Ankündigung löst nur noch Spott aus 

Längst ist der Bayer zur tragischen Figur dieser Regierung geworden, weil er erst mit großen Ankündigungen gestartet ist, die er in der Kürze der Zeit nicht erfüllen konnte, dann einen Konflikt mit Angela Merkel anzettelte, der fast zum Koalitionsbruch führte, und nun, sichtlich angeschlagen, von allen Seiten bedrängt wird. Seine jüngste Ankündigung, künftig per Twitter seine Sicht der Dinge darzustellen, löst nur noch Spott aus.

Ausgerechnet der Polit-Profi Horst Seehofer, der Senior im Kabinett, der schon Helmut Kohl diente, hat die Bedeutung und die Komplexität seines Amtes unterschätzt, das er zudem um die Bereiche Bauen und Heimat erweiterte. Schon ohne diese Zusatzaufgaben erfordert das Innenressort den ganzen Mann. Die Spanne reicht von der klassischen Innenpolitik über die Terrorabwehr und den Verfassungsschutz bis zum Sport.

Berichte aus dem Führungszirkel werfen ein schlechtes Licht auf den Minister 

Doch Seehofer, der Generalist, glaubte, das Haus wie seine Staatskanzlei führen zu können. Er gibt oben die Leitlinien vor, darunter erledigen seine Staatssekretäre, die mit großer Handlungsfreiheit ausgestattet sind, die Detailarbeit. Doch ein Innenminister ist kein über den Niederungen schwebender Ministerpräsident, er ist eingebunden in die Kabinettsdisziplin, muss sich mit der Schwesterpartei wie mit dem Koalitionspartner abstimmen, hat es in vielen Fragen der inneren Sicherheit mit den selbstbewussten Länderkollegen und in den großen europäischen Fragen mit den EU-Kollegen zu tun und ist zudem politisch verantwortlich für das, was in den zahllosen ihm unterstehenden Behörden vom Bamf bis zum Verfassungsschutz passiert.

Wenn aber nun selbst aus dem Führungszirkel des Innenressorts Berichte lanciert werden, der Chef sei oft nur an drei Tagen in der Woche am Schreibtisch, selbst für seine Staatssekretäre manchmal stundenlang nicht erreichbar, meide die Sitzungen in Brüssel mit den EU-Kollegen und lasse Akten unbearbeitet liegen, wirft dies ein schlechtes Licht auf den Minister.

Was passiert nach der Landtagswahl in Bayern? 

Als im Frühjahr Markus Söder nach der Macht im Freistaat Griff, konnte Horst Seehofer nur CSU-Chef bleiben, weil er nach Berlin ins Kabinett wechselte. Doch beide Jobs bedingen einander wechselseitig. Ohne CSU-Vorsitz kein Innenministerium, ohne Innenministerium kein CSU-Vorsitz. Der Wechsel-Coup war der Fang seines Lebens. Doch längst kreisen die Haie um ihn, riechen seine Schwäche und verstärken die Angriffe.

Von allen Seiten gerät Horst Seehofer unter Beschuss. Viel deutet darauf hin, dass sich am Abend des 14. Oktober sein Schicksal entscheidet. Die CSU braucht einen Schuldigen für das Wahldebakel in Bayern, damit aber fällt die Grundlage für den Posten im Kabinett weg. Dann steht er mit leeren Händen da. Wie Santiago, der Fischer, nach dem Fang seines Lebens.