Bis zu 100 Millionen Menschen: Das ist die Zahl, die Bundesentwicklungsminister Gerd Müller nennt, wenn es darum geht, die kommenden Flüchtlingsströme allein aus Afrika zu quantifizieren. Jede Woche, so Müller, wachse die Bevölkerungszahl des Kontinents um fast eine Million Menschen – viel schneller als seine Wirtschaft.

Wie verlässlich solche Prognosen sind, weiß niemand. Dem britischen Migrationsexperten Paul Collier zufolge würde sogar fast die Hälfte der heute bereits mehr als eine Milliarde Menschen im Süden der Sahara gerne im reichen Teil der Erde leben. Insofern sind die mehr als 100 000 Afrikaner, die allein in diesem Jahr bislang via Libyen nach Italien gekommen sind, vermutlich nur der Anfang einer viel dramatischeren Entwicklung.

Fest steht nur: Europa und vor allem Deutschland haben mit der Ankunft von rund 1,5 Million Flüchtlingen seit 2015 nur den Anfang einer Bewegung gesehen, die enorme demographische und sozioökonomische Folgen haben wird. Der gegenwärtige EU-Afrika-Gipfel in der Elfenbeinküste hat deshalb auch nur ein Ziel: wie schafft es Europa, den drohenden Ansturm auf seinen Wohlstand zu kontrollieren? Viel Aussicht auf Erfolg haben die bisher gemachten Vorschläge zur Bekämpfung der Fluchtursachen schon deshalb nicht, weil die Probleme dafür viel zu tief liegen – und nur über einen weit längeren Zeitraum gelöst werden können als man jetzt Zeit dafür hat. Zumal der Exodus vor allem junger Menschen Afrikas Regierungen in die Hände spielt, weil er den sozialen Druck mindert, den die weitverbreitete Perspektivlosigkeit auf dem Kontinent erzeugt hat.

Sinnvoller wäre ein nüchterner Blick auf den Hauptgrund der Migration. Sie ist weit weniger dem Klimawandel oder Kriegen geschuldet, wie viele in Europa noch immer glauben, sondern einer extrem hohen Arbeitslosigkeit, die wiederum mehr als alles andere auf der Bevölkerungsexplosion gründet. Bis 2050, also in nur einer Generation, wird sich die Bevölkerung Afrikas auf rund 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln – und mehr als die Hälfte davon unter 20 Jahren alt sein. Allein für sie werden in einem Kontinent ohne Industrie und Institutionen fast 20 Millionen neue Arbeitsplätze pro Jahr gebraucht.

Doch den meisten Regierungen in Afrika ist das Thema völlig egal. In Ostafrika verdoppelt sich die Bevölkerung alle 20 Jahre, weil außer im kleinen Ruanda kein einziger Staatschef Verantwortung übernimmt. Dabei werden ohne eine Begrenzung der Bevölkerung alle Bemühungen um eine Verbesserung der Lage dort erfolglos verpuffen.

Private Investoren gefragt

Das zentrale Thema des EU-Afrika-Gipfels ist eine bessere Perspektive für all die jungen Afrikaner. Gefragt sind dabei vor allem private Investoren aus dem Westen. Doch gerade die blicken angesichts politischer Willkür und wirtschaftlicher Stagnation seit langem mit großer Skepsis auf Afrika. So ist der Bestand deutscher Direktinvestitionen in Afrika zwischen 2012 und 2015 sogar leicht rückläufig. Selbst in kleinen EU-Ländern wie Ungarn investieren deutsche Unternehmen deutlich mehr als auf dem gesamten afrikanischen Kontinent, wenn der Sonderfall Südafrika als einziges Industrieland in Afrika einmal beiseitegelassen wird.

Neben einer rigorosen Bevölkerungskontrolle scheint der einzig gangbare Weg über die Landwirtschaft zu gehen, die schnell Arbeitsplätze schaffen könnte. Zumal bislang nur ein Bruchteil seiner nutzbaren Agrarfläche kultiviert ist – und oft mit mittelalterlichen Methoden wie Pflug und Hacke. Die Folge ist, dass 36 der 48 Länder südlich der Sahara Nahrungsmittelimporteure sind und jedes Jahr mehr als 40 Milliarden Dollar in Lebensmittelimporte stecken.

Dass Afrika sich zuallererst selbst helfen muss, sollten dabei vor allem jene zur Kenntnis nehmen, die, wie die Kanzlerin und ihr Entwicklungsminister, glauben, man könne Afrika von außen zu einem Wirtschaftswunder verhelfen.

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