Am Tag eins nach der unerwartet deutlichen Niederlage bei der Bürgermeisterwahl gegen seinen Herausforderer Marcus Ehm ist Amtsinhaber Thomas Schärer immer noch geschockt, dass nur 29,15 Prozent der Wahlberechtigten für ihn votiert haben, während sein Kontrahent auf 68,28 Prozent kam. „Das war so nicht vorhersehbar“, erklärt denn auch der künftige Rathauschef Ehm im SÜDKURIER-Gespräch, der am 23. August offiziell sein Amt antreten wird. Selbstverständlich habe er an seinen Sieg geglaubt, aber mit so einem eindeutigen Ergebnis nicht gerechnet, gesteht der gebürtige Sigmaringer, der in seiner Heimatstadt als Anwalt arbeitet.

Die Menschen seien neugierig auf seine Person gewesen, sagt er und verweist auf die hohe Besucherzahl bei seinen Wahlveranstaltungen, besonders in den Ortsteilen. Überzeugt habe er die Wähler durch seine Offenheit und Ehrlichkeit sowie der Einstellung, wonach Authentizität wichtiger als Versprechungen sind.

Das Flüchtlingsthema spielte im Wahlkampf keine Rolle

Nachdem Sigmaringen in Zusammenhang mit der Einrichtung einer Landeserstaufnahmestelle in der ehemaligen Graf-Stauffenberg-Kaserne immer wieder für Schlagzeilen gesorgt hatte, spielte das Flüchtlingsthema entgegen mancher Befürchtung im Wahlkampf keine Rolle.

„Die Stadt ist rechtlich außen vor“, verweist Marcus Ehm auf die Zuständigkeit von Bund und Land. Er werde bezüglich der Sicherheitsthematik den engen Schulterschluss mit der Polizei und das Gespräch mit Anwohnerräten suchen.

„Das Ergebnis ist nicht nur ein Votum gegen Bürgermeister Schärer, sondern vielleicht auch ein Votum gegen den Gemeinderat“, erklärt Wolfgang Querner, langjähriger Ortsvorsteher von Laiz, dem größten Ortsteil von Sigmaringen, wo Ehm auf eine Zustimmungsrate von mehr als 70 Prozent kam.

"Fast eine Sensation"

Dass nicht mal jeder zweite der 12.680 Wahlberechtigten von seinem Stimmrecht Gebrauch machte, ist für Querner nicht zu verstehen. Auch die CDU-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Alexandra Hellstern-Missel, wurde vom Ergebnis überrascht, zumal der Amtsinhaber aus ihrer Sicht einen engagierten Wahlkampf geführt habe.

„Das ist fast eine Sensation“, entfährt es Rolf Thiebach, Vorstandsmitglied beim HGV – Stadtinitiative Sigmaringen. Er könne nichts Negatives über die Zusammenarbeit mit Bürgermeister Schärer sagen, die von Höflichkeit und Respekt geprägt war. „Politik ist manchmal brutal“, zitiert er aus der Ansprache von Landrätin Stefanie Bürkle, die am Wahlsonntag vor Ort war.

Schärer räumt Fehler ein

Im Kundengespräch habe er zwar etwas von einer Wechselstimmung mitbekommen, aber persönlich an einen knappen Ausgang oder einen zweiten Wahlgang geglaubt, richtet Thiebach den Blick nach vorne und ist überzeugt, dass die gute Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Unternehmerschaft weiter funktioniert.

Der 55-jährige Thomas Schärer verteilte noch am Wahlabend eine Pressemitteilung, in der er das Resultat „ohne Wenn und Aber“ anerkannte und konstatierte, dass die Sigmaringer „ein neues Gesicht wollten“. Im Wahlkampf hatte er auf seine kommunalpolitischen Erfahrungen verwiesen, aber auch Fehler eingeräumt, wie die Pleite beim „Blütenzauber“, den er nach dem phänomenalen Erfolg der Landesgartenschau 2013 in der Kreisstadt zwei Jahre später gegen Widerstände durchsetzte und einen Millionenverlust einfuhr.

Er wolle künftig besser zuhören, versprach er der Bürgerschaft, die sich in den vergangenen Jahren öfters an seiner temperamentvollen Art gestoßen hatte.

Zu früh gefreut und dann verloren

Sigmaringen ist kein Einzelfall. Immer wieder gelingt es Mitbewerbern, den Rathauschef aus dem Amt zu verdrängen.

  • Freiburg: Für bundesweites Aufsehen sorgte die Freiburger OB-Wahl am 6. Mai diesen Jahres. Amtsinhaber Dieter Salomon, 57, war siegesgewiss in den Wahlkampf gestartet, saß er doch seit 16 Jahren im Alten Rathaus. Als Freiburger sah er in dem jungen Mitbewerber Martin Horn, 33, einen Zählkandidaten und „Praktikanten“. Salomons Selbstgefälligkeit sowie die interne Bevorzugung seiner Frau im Rathaus waren einige Gründe für die Abwahl im 2. Wahlgang. Der Grüne unterlag klar gegen Horn.
  • Überlingen: Spektakulär war auch die Abwahl von Sabine Becker als Oberbürgermeisterin der Stadt Überlingen. Nach ihrer ersten Amtszeit war die Juristin optimistisch in den Wahlkampf gegangen. Am Sonntagabend dann die Enttäuschung, sie erhielt nur 12 Prozent der Stimmen. Die Gründe sind hausgemacht: 2014 verließ sie die CDU mit einer flappsigen Begründung. Und: ihr OB-Amt trat Becker drei Monate später als gewünscht an, weil sie sonst ihren Rentenanspruch verschlechtert hätte. Das rechneten ihr viele Bürger negativ an. Derzeit ist Sabine Becker, 52, noch im Kreistag des Bodenseekreises.
  • Friedrichshafen: Die OB-Wahl von 2001 liegt lange zurück, doch war sie eine der ersten Wahlen, bei denen ein Rathauschef abgewählt wurde. Damals siegte der SPD-Gemeinderat Josef Büchelmeier hauchdünn gegen den amtierenden OB Bernd Wiedmann (CDU) – mit zwei Stimmen mehr als für die absolute Mehrheit nötig. Eine kommunalpolitische Sensation. Ein erfahrener OB unterliegt einem Religionslehrer und Journalisten. Ein Grund war die schwache Beteiligung; viele Bürger gingen vom Sieg des Amtsinhabers aus und blieben zuhause.
Uli Fricker