Mit fast drei Metern Spannweite übertrifft er jeden Adler – und sein Speiseplan zählt zu den außergewöhnlichsten der Tierwelt. Lebendes Vieh oder gar kleine Kinder, wie ihm früher nachgesagt wurde, zählen allerdings nicht dazu.

Wildhüter Hans Spichtig bei der Freilassung eines Bartgeiers 2016 in der Schweiz.
Wildhüter Hans Spichtig bei der Freilassung eines Bartgeiers 2016 in der Schweiz. | Bild: Hansruedi Weyrich/Der Bartgeier (Haupt Verlag)

Anfang des 20. Jahrhunderts war der Bartgeier in den Alpen ausgerottet worden. Seit 1986 wird er dort wieder angesiedelt. Im Nationalpark Berchtesgaden hat man dafür auch in Deutschland einen geeigneten Ort gefunden, in einer Felsnische hoch über dem Klausbachtal.

Hier sollen zwei junge Geier aus einer spanischen Aufzuchtstation in die Wildnis entlassen werden, beobachtet vom Wiederansiedlungsteam des Parks. Bis sie flügge sind, werden die Tiere mit Futter und Wasser versorgt. Die Auswilderung der beiden Bartgeier ist für den heutigen Donnerstag, 10. Juni, geplant.

Herr Hegglin, wie erfolgversprechend ist die Auswilderung der jungen Bartgeier in Berchtesgaden?

Es hat gute Vorabklärungen gegeben zur Eignung dieses Gebietes im Nationalpark Berchtesgaden. Daher bin ich zuversichtlich. Wenn diese Auswilderung erfolgreich anläuft, ist geplant, in den nächsten Jahren weitere durchzuführen.

Das Verschwinden der Bartgeier aus den Alpen Anfang des 20. Jahrhunderts wurde kaum beklagt. Woran lag das?

Zum einen sicher an seiner Erscheinung. Das ist einfach ein imposanter Greifvogel, der eine Spannweite von bis zu 2,90 Metern und nicht gerade ein liebliches Gesicht hat. Insofern macht er Eindruck. Das Zweite ist wahrscheinlich, dass man sich über den Bartgeier früher gern Geschichten erzählt hat. Selbst Lehrbücher haben sie aufgegriffen und für deren Verbreitung gesorgt.

Mit einer Spannweite von bis zu drei Metern sind Bartgeier die größten Vögel im Alpenraum.
Mit einer Spannweite von bis zu drei Metern sind Bartgeier die größten Vögel im Alpenraum. | Bild: Hansruedi Weyrich

Welche Geschichten?

Man nannte ihn damals „Lämmergeier“. Weil man annahm, dass er Schafe reißt – aber auch immer wieder Leute, insbesondere Kinder, angreift. Und sogar verschleppt. Dieses Image wurde zuweilen auch in der Kindererziehung eingesetzt: Wenn du nicht brav bist, dann kommt dich der Geier holen! Dabei ernährt er sich fast nur von Aas.

Andererseits zählt er zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Könnte es für ihn verlockend sein, mal ein Gämslein über den Felsvorsprung zu jagen?

Erfahrungsgemäß kann man nichts ausschließen, aber das wären Einzelfälle. Ich arbeite jetzt seit mehr als 25 Jahren mit Bartgeiern – solch eine Geschichte ist mir noch nicht zu Ohren gekommen. Und wir haben zum Beispiel in Südtirol über Jahre hinweg Bartgeier in Felsnischen ausgewildert, unter denen Schafe weideten. Sie müssen sich auch seine Anatomie anschauen: Der Bartgeier hat stumpfe Krallen, er hat anatomische Anpassungen nicht nur als Aas-, sondern besonders als Knochenfresser. Allerdings: Wenn sich ihm eine Gelegenheit bietet, dann nutzt er sie schon. Beispielsweise kann er Schildkröten erbeuten. Er trägt sie in die Höhe und lässt sie von dort auf Felsen knallen.

Ein Bartgeier-Junges wird während der Aufzucht gefüttert.
Ein Bartgeier-Junges wird während der Aufzucht gefüttert. | Bild: Hansruedi Weyrich/Der Bartgeier (Haupt Verlag)

Was machte dem Geier in den Alpen einst den Garaus?

Am verheerendsten war die direkte Nachstellung. Mit der Verbreitung der entsprechenden Waffen konnte er schnell und einfach geschossen werden. Dazu kam, dass es damals um den Wildtierbestand im Alpenraum sehr schlecht bestellt war. Die Steinböcke, die in der Ernährung der Bartgeier eine wichtige Rolle spielen, waren bis auf eine Restpopulation in den italienischen Alpen ausgerottet. Auch von Gämsen und Hirschen waren nur noch kleine Bestände übrig. Zudem haben Bartgeier eine sehr langsame Reproduktion. Die erste Brut gelingt meist erst mit acht, neun Jahren.

Welche weiteren Faktoren erschweren die Wiederansiedlung? Gibt es Wilderei?

Ein guter Wilderer wildert im Geheimen und lässt sich nicht seiner Taten überführen. Was uns aber auffällt, ist, dass die Wiederansiedlung nicht in allen Regionen gleich gut verläuft. Dahinter verbirgt sich wahrscheinlich auch Wilderei. Wir wissen, dass es Regionen gibt, wo nach wie vor schlecht über Bartgeier gesprochen wird. Ein weiterer Faktor dürfte die Vergiftung mit Rückständen aus bleihaltiger Munition sein.

Eine Folge der Jagd auf andere Tiere.

Ja. Bleimunition ist heute noch immer in vielen Regionen verbreitet. Wenn Kadaver liegen bleiben, in denen Munitionsreste verborgen sind, können diese, wenn sie gefressen werden, zu Bleivergiftungen und zum Tod führen.

Bartgeier ernähren sich weitestgehend von Aas. Sind die Knochen zu groß, lassen sie diese aus großer Höhe auf Felsen fallen, sodass sie zersplittern.
Bartgeier ernähren sich weitestgehend von Aas. Sind die Knochen zu groß, lassen sie diese aus großer Höhe auf Felsen fallen, sodass sie zersplittern. | Bild: Hansruedi Weyrich/Der Bartgeier (Haupt Verlag)

Welchen Nutzen hat der Bartgeier denn für das Ökosystem?

Da gehen die Meinungen auseinander. Meine persönliche Meinung ist, dass der Bartgeier ein schönes Beispiel dafür ist, dass eine Wiedergutmachung nicht immer einen direkten Nutzen haben muss. Geier insgesamt erbringen sehr wichtige Ökosystemdienstleistungen, indem sie Kadaver entsorgen. Es gibt Beispiele in Indien, wo Geierbestände extrem zurückgegangen sind. Die Folgen: mehr Kadaver. Mehr wilde Hunde. Letztlich ein starker Anstieg der Tollwutfälle beim Menschen. Aber der Bartgeier als Spezialist frisst ja vor allem Knochen…

… die erstaunlich nahrhaft sind. Warum kann er fressen, was so ziemlich jedem anderen im Hals stecken bleiben würde?

Er hat einen wirklich sehr großen Schlund. Saure Magensäfte, die Knochen auflösen. Eine Luftröhre, die sich bis unter die Schnabelspitze zieht. Da kann man, wenn man große Brocken im Hals hat, ruhig weiteratmen.

Wie bekommt er so ein knochentrockenes Mahl herunter?

Er hantiert mit Unterschenkeln von Gämsen wie ein Schwertschlucker. Er windet sich hin und her, bis der Knochen langsam im Schlund verschwindet. Am Schluss drückt er quasi noch seinen Kopf über den Knochen – das ist eine lustige Prozedur. Mit ganz großen Knochen verfährt er wie mit den Schildkröten: Er trägt sie in die Höhe und wirft sie auf Felsplatten ab. Dort zerbrechen sie in kleinere Stücke.