Zur aktuellen Entscheidung

Wird die Zeitumstellung wirklich abgeschafft? Wahrscheinlich schon, aber noch nicht sofort. Die EU-Kommission hat zunächst einmal nur ein Vorschlagsrecht. Das Europaparlament und die EU-Staaten müssen noch zustimmen, wenn das geschieht, wird der Staffelstab an die Länder weitergereicht. Wenn das noch vor Ende der Legislaturperiode im Mai 2019 passieren soll, müssen sie sich beeilen. Die Befürworter der Abschaffung sind sich sicher, dass es im EU-Parlament eine Mehrheit dafür gibt. Im Rat der Mitgliedsländer ist die Lage unübersichtlicher. Sollte das Hin und Her tatsächlich abgeschafft werden, könnte jedes Land für sich entscheiden, ob es dauerhaft die Standardzeit – also Winterzeit – oder die Sommerzeit einführen möchte.

Diese Entscheidung, welche von beiden Zeiten dauerhaft gilt, ist eine nationale Angelegenheit und würde von einer Abschaffung der Zeitumstellung nicht berührt. Gut möglich also, dass es innerhalb Europas noch mehr zeitliche Unterschiede geben würde. Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU. In Deutschland und 16 weiteren Staaten herrscht die gleiche Uhrzeit: die Mitteleuropäische Zeit, genannt MEZ. Darunter sind die Niederlande, Belgien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Polen und Spanien. Acht Länder – Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland, Lettland, Litauen, Rumänien und Zypern – sind eine Stunde voraus: dort gilt die Osteuropäische Zeit oder OEZ. Drei Staaten sind eine Stunde zurück, nämlich Irland, Portugal und Großbritannien, wo die Westeuropäische Zeit gilt, die WEZ.

Blick nach Deutschland

Ewige Sommerzeit? Gleichklang mit den Nachbarn? Oder deutscher Alleingang? Die Bundesregierung hüllte sich am Freitag in Schweigen und gab auf die Frage, wie es nun mit der Zeitumstellung weitergeht, keine Antwort. Man wolle erst einmal konkrete Vorschläge aus Brüssel abwarten, „dann werden wir uns positionieren“, sagte die stellvertretende Regierungssprecherin. Formal wäre Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zuständig, aber auch sein Haus will sich öffentlich nicht äußern. Möglich wäre aber auch rein theoretisch, dass die Abgeordneten des Bundestags das Heft des Handelns in die Hand nehmen und unabhängig von der Regierung entscheiden. Im fernen Nigeria sprach sich Bundeskanzlerin Angela Merkel schon einmal für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. „Ich persönlich hätte jedenfalls dafür eine sehr hohe Priorität“, sagte Merkel. Es hätten sich in Europa noch nie so viele Menschen an einer Online-Abstimmung beteiligt, begründete sie ihre Haltung. Wenn es ein Umfrageergebnis gebe, „sollte vielleicht auch etwas daraus folgen“, sagte die Kanzlerin.

Deutschland spricht ein Machtwort

Bei genauerem Hinsehen war die Umfrage gar nicht so europäisch – sondern eher deutsch. Von den 4,6 Millionen Teilnehmern kommen gut drei Millionen aus Deutschland, das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 3,79 Prozent. Von ihnen stimmten 84 Prozent für die Abschaffung der Zeitumstellung. In Österreich (2,94 Prozent) und Luxemburg (1,78) war die Beteiligung ebenfalls besonders hoch. Kaum jemand hat hingegen in Italien und Rumänien (jeweils 0,04) oder in Großbritannien (0,02) abgestimmt. „In Deutschland gibt es einen regelrechten Krieg in Sachen Zeitumstellung“, sagte Till Roenneberg, Professor für Medizinische Psychologie an der Universität München, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Langschläfer würden gegen Frühaufsteher kämpfen, während man in Spanien eher pragmatisch sei. „Im Übrigen sind die Deutschen ja dafür bekannt, meinungsstark zu sein und gerne Entscheidungen zu treffen“, sagt Roenneberg. Dabei sei man im Süden Europas viel stärker betroffen. „Wenn ein Galicier auf die Uhr blickt, und sie zeigt 22 Uhr, dann ist es vom Sonnenstand her eigentlich erst 19.30 Uhr“, erklärt der Professor. Aber Franco wollte unbedingt mit Hitler in einer Zeitzone schlafen und hat sich angepasst.

So sehen es die anderen europäischen Länder

Spanien wird wohl kaum die Sommerzeit beibehalten – denn dann würde die Sonne in Madrid im Winter erst gegen 9.30 Uhr aufgehen. In vier weiteren Ländern – Finnland, Dänemark, den Niederlanden und Tschechien – sprachen sich die Teilnehmer mehrheitlich für eine dauerhafte Winterzeit aus.

Das sagt die Wirtschaft

Dem Ende der halbjährlichen Zeitumstellung stehen Wirtschaftsverbände unterschiedlich gegenüber. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) begrüßt die Ankündigung der EU-Kommission: „Die Zeitumstellung hat in viele Arbeitszeitkonzepte und Logistikabläufe Unruhe gebracht“, sagt BDA-Sprecher Christoph Lück. Doch die Abschaffung der Zeitumstellung könnte dazu führen, dass die EU ein Zeitzonen-Flickenteppich wird. Und das wäre aus Sicht von Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), ein großes Problem. „Mit noch mehr Zeitzonen hätten wir mehr Ineffizienzen und eine echte Erschwernis, vor allem was die Bürokratie betrifft“, sagt Brossardt. Ganz praktisch gesehen gäbe es Probleme beim grenzüberschreitenden Zugverkehr oder der internationalen Kommunikation der Unternehmen. Doch es gibt auch andere Stimmen. „Portugal hat eine andere Zeit als Spanien, und Finnland hat eine andere Zeit als Schweden“, sagt der CDU-Politiker Peter Liese, ein langjähriger Gegner der Zeitumstellung. „Daher wäre es kein Problem, wenn sich einige Mitgliedstaaten für die ständige Winterzeit und andere für die ständige Sommerzeit aussprechen.“ Nur eines soll EU-weit wegen des Binnenmarkts einheitlich sein: Zeitumstellung oder nicht.

Den Tieren ist es egal

Wie viel Uhr es ist? Das sei Tieren prinzipiell egal, sagt Lea Schmitz, Sprecherin des Naturschutzbundes. Sie richteten sich eher nach dem Sonnenstand und den Tageszeiten. Auswirkungen hätten aber menschliche Aktivitäten. Haustiere merken das zum Beispiel bei der Fütterung. Werde eine Katze regelmäßig um acht Uhr Winterzeit gefüttert, verlange sie ihr Futter dann schon um sieben Uhr Sommerzeit. „Tiere gewöhnen sich aber schnell an den neuen Rhythmus.“ Ein verstärktes Risiko birgt die Zeitumstellung jedes Jahr für Wildtiere. Wird die Uhr um eine Stunde zurückgestellt, fällt der Berufsverkehr weitgehend in die Dämmerung – in die Zeit, in der viele Wildtiere unterwegs sind. Bei der Umstellung auf Sommerzeit gibt es dieses Unfallrisiko laut Schmitz nicht in der Form. In der Landwirtschaft spielt die Zeitumstellung eine immer kleinere Rolle, sagt Markus Peters, Sprecher des Bayerischen Bauernverbandes. Schweine würden zunehmend computergesteuert gefüttert, Kühe per Roboter gemelkt. „Das Tier ist nicht mehr davon abhängig, wann der Bauer aufsteht“, sagt Peters. Trotzdem: Schaffe man die Zeitumstellung ab, sei es für Tiere sicher leichter, „weil sie an feste Zeiten gewöhnt sind“, sagt Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes.

Und was ist mit der Gesundheit?

Allem Jammern zum Trotz: Allgemein scheinen die Deutschen gut mit der Umstellung klarzukommen: In einer repräsentativen Umfrage des Forsa-Instituts berichten 73 Prozent der Befragten von keinerlei gesundheitlichen Problemen. Von den restlichen 27 Prozent litten die meisten an Einschlafproblemen, Müdigkeit und Gereiztheit. „Wir haben alle eine innere Uhr. Und die vor- und zurückzustellen, ist für den Körper nicht gut“, sagt Dr. Achim Kramer, Leiter des Bereichs Chronobiologie am Universitätsklinikum Charité in Berlin. Wie man bei Schichtarbeitern sehe, könne ein Durcheinanderbringen der inneren Uhr verstärkt zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlafproblemen und einem erhöhten Krebsrisiko führen. Gerade im Sommer sei es vor allem für die Spättypen ungesund, noch eine Stunde früher aufzustehen. Deshalb ist Kramer eher für die dauerhafte Winterzeit – und für Arbeitszeiten, für die man keinen Wecker braucht, um nicht gegen die innere Uhr zu arbeiten.

Ein Blick in die Geschichte

In Deutschland gibt es die Sommerzeit seit 1980, in der EU seit 1996. Das Tageslicht besser nutzen, das war der Sinn der Zeitumstellung. Dabei ist es aus historischer Perspektive noch gar nicht so lange her, dass jedes Dorf und jede Stadt eine eigene Zeitrechnung hatte. Einheitlich ticken die Uhren in Deutschland erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ein wichtiger Antrieb war der Ausbau des Eisenbahnnetzes: Anfangs war jede kleine Eisenbahnfahrt eine Reise durch viele Zeitzonen. Nur in Preußen richtete sich der gesamte Eisenbahnverkehr schon seit 1848 nach der Berliner Zeit. Am 1. April 1893 trat ein von Kaiser Wilhelm II. unterzeichnetes Gesetz in Kraft, mit dem die „mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich“ im gesamten Deutschen Reich zur einzig gültigen Uhrzeit bestimmt wurde – heute ist sie als Mitteleuropäische Zeit bekannt. Bis weit ins 19. Jahrhundert richteten sich Bauern, Arbeiter und Handwerker bei ihrer Zeiteinteilung dagegen nach Sonnenstand, Klima, Wachstumsperioden der Natur oder der anfallenden Arbeit: Sie verrichteten ihr „Tagwerk“. Erfinder einer neuen „Zeitkultur“ wurde, so beschreibt es der Historiker Gerhard Dohrn-van-Rossum in seiner „Geschichte der Stunde“, das städtische Bürgertum des Mittelalters: Mechanische Uhren verbreiteten sich seit 1350 von Italien aus auf dem Kontinent. Die Kaufleute brauchten konkrete Zeitangaben für ihr überregionales Handelsnetz, die Handwerker berechneten die Dauer ihrer Arbeit, und die Geldverleiher entdeckten, dass Zeit Geld kostet.

Die Sache mit der Statistik

Junckers Vorstoß zur Abschaffung der Zeitumstellung kommt nicht von ungefähr – und hat wohl auch mit dem Image der EU als weit entfernt von der Lebensrealität ihrer Einwohner zu tun. Mit seinem Vorschlag trägt der Kommissionschef – gut neun Monate vor der Wahl zum Europaparlament – dem Willen vieler Bürger Rechnung. Zumindest scheinbar. Denn an der Aussagekraft der Online-Befragung sind Zweifel angebracht, wie der Statistik-Professor Walter Krämer erklärt. „Dergleichen Umfragen sind immer mit ganz großer Vorsicht zu genießen“, sagte Krämer. Schließlich handele es sich nicht um eine repräsentative Umfrage mit zufällig ausgewählten Bürgern, erläuterte Krämer, der an der Technischen Universität Dortmund Statistik lehrt und das Buch „So lügt man mit Statistik“ veröffentlicht hat. Im Fall der Umfrage der EU-Kommission zur Zeitumstellung sei vielmehr davon auszugehen, „dass die Leute, denen das Thema wichtig ist, die sich ärgern, wenn die Uhr umgestellt wird, mitgemacht haben.“ Wenn Juncker und die EU-Kommission auf Grundlage dieser Umfrage eine Empfehlung zur Zeitumstellung abgeben, ist dies aus Krämers Sicht fragwürdig. „Bei anderen Leuten, die so etwas tun, würde man sagen, das sind Populisten“, kritisierte der Wissenschaftler, der sich in seinen Publikationen immer wieder mit Irreführung durch Statistiken beschäftigt hat.

Pleiten, Pech und Pannen

Ihr Nutzen ist seit langem umstritten, doch für Verwirrung ist die Zeitumstellung immer gut. Zwei Beispiele: Horst Seehofer, damals noch bayerischer Ministerpräsident, verschläft im April 2014 eine Telefonkonferenz mit der Bundeskanzlerin, weil er vergessen hat, seinen Wecker auf Sommerzeit vorzustellen. Die Telefonschalte beginnt so erst mit einigen Minuten Verzögerung. Doch nicht nur bei den Menschen gibt es Probleme, manchmal trifft es auch die Maschinen. Im niedersächsischen Bad Gandersheim stehen im November 2010 knapp zwei Dutzend Mitarbeiter des Finanzamts morgens vor verschlossenen Türen. Der verantwortliche Computer war mit der Umstellung auf die Winterzeit offenbar überfordert. Die Türen öffnen sich erst, als ein Kollege mit Schlüssel eintrifft. (dpa)