Herr Wohlfarth, warum halten Menschen überhaupt Haustiere?

Letztlich weiß man es nicht so genau. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze. Einer davon ist die Biophilie-Theorie. Die besagt, dass wir so lange als Jäger und Sammler in der Savanne unterwegs waren, dass unsere ganze Gedankenwelt mit und in der Natur verwoben sein muss, sonst hätten wir nicht überlebt. Dieses uralte Erbe haben wir heute immer noch. Wenn wir nicht in der Natur sind, fehlt uns irgendwas. Das lässt sich auch nachweisen. Wir reagieren heute noch sehr viel schneller auf Tiere als auf Autos. Wir brauchen also Tiere, wir brauchen Natur. Zu Tieren können wir eine Bindung eingehen wie eine Mutter zu ihrem Kind.

Viele Haustierhalter sagen: Ich weiß genau, was mein Tier will. Kann das sein?

Wenn Mütter ihre Kinder oder ihre Hunde anschauen, leuchtet im Gehirn im Kernspin das gleiche Areal auf. Zudem sind die Gehirne von uns und vielen Haustieren im Prinzip gleich aufgebaut, egal ob Hund, Pferd oder Katze. Wir können uns also etwa vorstellen, wie der andere tickt. Wir können die Persönlichkeit von Haustieren ebenso beschreiben wie ihre Emotionen. Auch ihre Stressbewältigung ist ähnlich. Und: Wir machen Haustiere zu Persönlichkeiten, indem wir ihnen menschliche Namen geben. Das nennt man Du-Evidenz. Ich versehe das Gegenüber mit einem Namen und einer individuellen Persönlichkeit. Es tritt aus der Masse heraus. Das ist der Unterschied zu Nutztieren, die geschlachtet werden. Denen geben die Bauern keine Namen. Wir haben Hunde an Kindes statt genommen, weil unser Gehirn gesagt hat: das tut dir gut.

Dann ist der Spruch vom Kinderersatz ja doch nicht so falsch?

Nein, der ist gar nicht falsch! Das geht aber nicht nur bei Hunden, in Südamerika gibt es ein Volk, das adoptiert kleine Affen. Die Affenmütter werden getötet und gegessen, die Kleinen verbleiben bei den Menschen. Die Mädchen üben da, wie man Kinder versorgt. Auch aus der Antike gibt es Abbildungen, die zeigen, dass Hunde oder kleine Tiere gesäugt wurden.

Die gängigste Theorie ist ja, dass Tiere wie Hund und Katze sich uns im Zuge von Ackerbau und Viehzucht angeschlossen haben, als wir sesshaft wurden, und wir ihnen dann die Merkmale angezüchtet haben, die wir haben wollten.

Man geht inzwischen davon aus, dass es eher eine Spirale war, eine wechselseitige Geschichte. Wildformen wie Wolf und Wildkatze lebten schon mit den Menschen, waren aber noch nicht domestiziert. Es gab immer wieder Tiere, die näher rankamen. Besonders freundliche, zugängliche Tiere wurden vom Menschen über die Jahrtausende ausgewählt. Das hat sich aber alles erst langsam entwickelt. So sind Hund und Katze über die Jahre zu kleinen Sozialparasiten geworden, die über das Bindungshormon Oxytocin es geschafft haben, sich in unserem Herz und unserem Hirn einzunisten. Heute feiern wir ihren Geburtstag, kaufen das beste Essen und gehen mit ihnen in einen Spa.

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Das ist dann vielleicht ein klein wenig übertrieben, oder?

Das ist sicher so, aber man sieht daran, wie gut die Tiere es verstanden haben, schon vorhandene menschliche Muster für sich auszunutzen. Hunde haben ein ähnliches Bindungsverhalten wie kleine Kinder. So fangen sie zum Beispiel an zu bellen und zu jaulen, wenn der geliebte Mensch das Zimmer verlässt. Ein ganz wichtiger Grund, warum Menschen Haustiere lieben, ist aber auch: Sie können nicht sprechen.

Weil sie nicht widersprechen können?

Genau. Menschen sind ja ziemlich kompliziert. Bei einem Tier kann ich alles reinprojizieren, was ich denke. Es kann nicht wie ein pubertierender Jugendlicher sagen: Das will ich nicht, oder: Das stimmt nicht. Amerikanische Tierärzte haben Männer und Frauen befragt, was ihre Haustiere für sie bedeuten. Die Männer haben gesagt: Der Hund will nicht dauernd raus, mit dem kann man auch mal auf dem Sofa sitzen. Der will auch nicht immer wissen, was man gerade denkt. Die Frauen haben gesagt: Hunde gehen immer mit einem raus. Die sind immer gut gelaunt. Die wollen auch immer gestreichelt werden (er lacht). Viele Frauen haben auch gesagt, dass sie, wenn der Hund ein Mensch wäre, sie lieber mit ihm zusammenleben würden als mit ihrem Mann.

Ist es gut, wenn Kinder mit Tieren aufwachsen? Stimmt die Theorie, dass Kinder so lernen, Verantwortung zu übernehmen?

Ja, alles spricht dafür. Meist ist das eigene Haustier der beste Freund des Kindes. Denn ein Tier ist stets präsent, genießt die angebotenen Kuscheleinheiten und ist ein stiller Zuhörer in allen Lebenslagen. Tiere sind auch wichtige Seelentröster bei Kummer und Sorgen. Sie hören sich die die Probleme der Kinder an und strahlen durch ihre Anwesenheit und Wärme ein Gefühl der Zuwendung und Geborgenheit aus. Auch dass Kinder Verantwortung lernen, ist durch Studien nachgewiesen. Aber sicherlich hängt viel davon ab, wie das Tier in die Familie eingeführt und das Kind nicht mit der Versorgung überfordert wird. Aber ganz wichtig ist, die Verantwortung liegt immer bei den Eltern. Alleine durch Tiere werden Kinder nicht selbstbewusster, empathischer oder verantwortungsbewusster. Erziehung kann man nicht auf Haustiere abwälzen.

Oft ist es ja dann die Mutter, die das Katzenklo putzt oder den Hund ausführt. Ab welchem Alter sollten Kinder mit Tieren in Kontakt kommen?

Das ist richtig. Daher sollte man mit den Kindern vor der Anschaffung eines Haustieres genau besprechen, wer welche Tätigkeiten übernimmt. Vielleicht sollte man auch zuerst mehrere Male mit einem Hund aus dem Tierheim spazieren gehen oder mal die Katze des Nachbarn versorgen, bevor man sich zur Anschaffung entschließt. Mit Tiere in Kontakt kommen können Kinder schon sehr früh. Welches Tier geeignet ist, hängt sehr vom Alter des Kindes ab. Auch was an Versorgung geleistet werden kann, ist vom Alter abhängig.

Früher wurde der Abstand zwischen Mensch und Tier ja sehr betont. Hier wir, die Menschen, dort die Tiere. Hat sich da etwas verändert?

Ganz früher gab es diesen Abstand ja gar nicht. Im Mittelalter hat man Tiere sehr ernst genommen und sogar vor Gericht gestellt. Dann kam ja in der Aufklärung Descartes, der Tieren jedes Gefühl absprach und sagte, sie seien wie Uhren, und man könne sie unbetäubt quälen und aufschneiden, und ihre Schreie seien nur wie das Quietschen einer Uhr. Diese Vorstellungen haben lange bis in unsere Zeit hineingereicht. Eine gewisse Vermenschlichung ist insofern ganz gut, damit man ihnen Gedanken, Gefühle und Leidensfähigkeit zuschreibt. Wir leben in einer hochtechnisierten Welt. Konrad Lorenz hat gesagt: Wir haben die Natur verloren und deshalb holen wir uns ein Stück Natur zurück. Viele Menschen sind einsam, wir haben viele Single-Haushalte. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden immer brüchiger. Die Zahl der Haustiere nimmt ja pro Jahr um mehr als zwei Prozent zu. Tiere sind vorhersehbar, sie rennen nicht weg. All das sind die Gründe, warum wir mehr Tiere haben. Das führt dann auch zur Idee, dass das Tier das perfekte Leben haben muss. Dann bekommt es Jäckchen und Strass-Halsbänder, wobei dieser Kram den Tieren ziemlich egal ist.

Was braucht ein Tier, um glücklich zu sein?

Dass seine tierischen Bedürfnisse erfüllt werden. Und es braucht einen Menschen, der diese Bedürfnisse erkennt und die Welt auch mal aus der Perspektive des Tieres betrachten kann. Dann ist man auf einem guten Weg. Dennoch bleibt ein Hund immer ein Hund und eine Katze immer eine Katze. Schwierig wird es dort, wo Tiere als Menschenersatz dienen, auch bei diesen ganzen Qualzuchten, die darauf abzielen, ein Tier möglichst wie ein Kind aussehen zu lassen. Man muss nur den gesunden Menschenverstand walten lassen. Ein Hund braucht nicht acht Stunden Aktivitäten am Tag. Die Tiere schlafen 16 Stunden am Tag. Man kann das völlig relaxed angehen. Eine Katze will schlafen, oben liegen, ihren Rückzugsraum haben. Wir projizieren oft unsere menschlichen Bedürfnisse in die Tiere hinein, und denken zu wenig daran, was das Tier braucht.

Rainer Wohlfarth, Psychologe und Experte für tiergestützte Therapie, mit Hündin Thimba. Bild: Baschi Blender
Rainer Wohlfarth, Psychologe und Experte für tiergestützte Therapie, mit Hündin Thimba. Bild: Baschi Blender | Bild: Baschi Blender

Sie arbeiten in der tiergestützten Therapie. Was können Tiere, was Menschen nicht können?

Tiere akzeptieren Menschen so, wie sie sind. Egal, ob man strubbelige Haare hat oder Markenklamotten trägt oder nicht. Ein Patient schneidet viel lieber Futter für die Meerschweinchen, die er kennt, als einen Obstsalat für irgendjemanden. Das hat einen Sinn. Der menschliche Therapeut ist zuständig für Sprache, Ziele, einen Behandlungsplan, Tiere für den Spaß und das gemeinsame Miteinander, für Nähe und Zuwendung. Es ist gut, dass man beides hat. Wir haben da eine Menge Wirkungen. Wenn ein Kind einen Hund streichelt, entspannt es sich. Dem erzählt es auch eher was als dem doofen Erwachsenen. Das funktioniert auch mit Nutztieren, etwa Kühen und Eseln. Die haben dann alle Namen, die werden auch nicht mehr geschlachtet und sind raus aus der Masse.

Wie wissen Sie, wann die Therapietiere genug haben?

Wenn man aufpasst, merkt man das. Wenn meine Therapiehündin genug hat, geht sie in ihre Box. Es ist wichtig, Stresssymptome bei Tieren wahrzunehmen, und dann muss man schnell reagieren. Rückzugsmöglichkeiten sind ganz wichtig. Man darf keinen Zwang ausüben.

Es gibt ja Menschen, die sagen, dass sie sich lieber mit Tieren umgeben, deren Tiere wichtiger sind als Menschen. Ist das psychologisch bedenklich, oder kann man das tolerieren?

Wenn die Menschen damit glücklich sind, warum nicht. Aber aus psychologischer Sicht ist das in der Regel doch eher bedenklich. Es gibt Studien, die deutlich zeigen, dass die positiven gesundheitsförderlichen Wirkungen, die Haustiere normalerweise besitzen, wegfallen, wenn man sich zu sehr auf das Tier fokussiert. Dann hat man weniger Sozialkontakte, ist einsamer, fühlt sich eher niedergestimmt und diese Menschen haben wohl auch mehr gesundheitliche Probleme. Sogar krankhaft kann es dann werden, wenn die Tierliebe ins Extreme umschlägt. Beim „Animal hoarding“ werden krankhaft Unmengen von Tieren gesammelt und nicht tiergerecht gehalten.

Fragen: Beate Schierle