Ein kleines Mädchen streichelt eine Katze auf seinem Schoß. Das Tierchen reckt ihr genüsslich den Kopf entgegen: ein Zeichen von Vertrauen und Zuneigung. Wer wie Hunde und Katzen das Glück hat, in unserer Weltregion als Haustier durchzugehen, hat das große Los gezogen. 13 Millionen Katzen und fast neun Millionen Hunde leben in deutschen Haushalten. Sie werden nach Strich und Faden verhätschelt, im Winter in alberne Mäntelchen gehüllt, mit Leckerlis verwöhnt, bis die Ärzte handfestes Übergewicht diagnostizieren.

Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die mit Hund und Katz nicht zurechtkommen. Die Viecher tanzen ihren Besitzern auf der Nase herum, zerlegen Wohnungen, wenn man sie einige Stunden allein lässt, beißen (als Hund) Spaziergängern in die Hand oder verrichten (als Katze) ihr Geschäft in Nachbars Garten. Sie tauchen auf in Ratgebersendungen im Fernsehen oder bei Experten wie Martin Rütter oder Birga Drexel. Oft, so sagen die Experten, rühren die Probleme daher, dass die Besitzer die Tiere zu sehr vermenschlichen, also Reaktionen erwarten, die für Menschen typisch sind, aber eben nicht für einen Hund oder eine Katze. Man kann nicht am Sonntag dem Hund bei Tisch eine Wurst geben, aber unter der Woche eben nicht.

Wir holen uns die Natur zurück

Warum halten wir überhaupt Tiere? „Letztlich weiß man es nicht so genau; es gibt verschiedene Erklärungsansätze“, sagt Rainer Wohlfarth. Er ist Psychologe und Experte für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden im Schwarzwald. Die Biophilie-Theorie besagt, dass die Menschen selbst, weil sie so lange in der Natur gelebt hätten, immer noch den Tieren nahe seien. „Wenn wir nicht in der Natur sind, fehlt uns irgendwas.“ Zudem seien die Gehirne von Hunden, Pferden und Katzen recht ähnlich aufgebaut wie unsere. „Wir können uns also etwa vorstellen, wie der andere tickt.“ Jeder Hunde- oder Katzenhalter weiß, dass sein Tier Angst, Freude und Übermut kennt und feine Antennen dafür hat, wenn es dem Dosenöffner schlecht geht. Dann wird getröstet – je nachdem mit Hunde- oder Katzenblick. 

Ein Deutscher Schäferhund liegt auf dem mit Buchenblättern bedeckten Waldboden.
Ein Deutscher Schäferhund liegt auf dem mit Buchenblättern bedeckten Waldboden. | Bild: Patrick Pleul (dpa-Zentralbild)

Oft hört man, der Mensch habe im Zuge der Sesshaft-Werdung Tiere ausgesondert und weitergezüchtet, die gewünschte Merkmale hatten. Wohlfarth findet, man könne eher von einer gemeinsamen Evolution sprechen. Das heißt: Hunde, Katzen und Pferde haben sich seit ihrer Domestizierung mit uns zusammen weiterentwickelt. Hunde und Katzen seien „kleine Sozialparasiten“ und wüssten sehr gut, wie sie uns manipulieren müssten.

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Tiere helfen gegen Einsamkeit in einer hochtechnisierten Welt

Ein weiterer Vorteil, den Haustiere aus Menschensicht haben: „Sie können nicht sprechen. Bei einem Tier kann ich alles reinprojizieren, was ich denke“, sagt Wohlfarth. Ein Tier sage nicht wie ein pubertierender Jugendlicher: Das will ich nicht. Oder: Das stimmt nicht. Viele Menschen seien einsam, unsere Welt hochtechnisiert. Da böten Haustiere, deren Zahl jedes Jahr um etwa zwei Prozent zunehme, einen lebendigen Ausgleich. „Konrad Lorenz hat gesagt: Wir haben die Natur verloren und deshalb holen wir uns ein Stück Natur zurück“, zitiert Wohlfarth den großen Naturforscher.

Das Verhältnis zwischen Mensch und Tier ist ein wechselvolles. Das Christentum trug mit der Schöpfungsgeschichte, die den Menschen aufträgt, sich die Erde untertan zu machen, zur Ausbeutung von Tieren bei. Aber in der Bibel hieß es eben auch: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs.“ Im Mittelalter mussten Tiere nach vermeintlichen Missetaten vor Gericht erscheinen und erhielten Verteidiger. Richtig schlimm wurde das Verhältnis zwischen Mensch und Tier während der Aufklärung. Man betrachtete Tiere als eine Art Maschine, die man nach Belieben quälen und ausbeuten konnte. Erst langsam finden moderne Philosophen wie Eugen Drewermann oder Richard David Precht einen anderen Blick auf die Vierbeiner, die unser Leben mit uns teilen, und kritisieren auch das erbarmungslose Verhalten gegenüber Nutztieren, die oft unter elenden Bedingungen leben und sterben müssen.

Wie man sich ins Tier hineinversetzt

Doch auch nicht allen Haustieren geht es gut. Rainer Wohlfarth antwortet auf die Frage, was ein Haustier brauche, um glücklich zu sein: „Dass seine tierischen Bedürfnisse erfüllt werden. Und es braucht einen Menschen der diese Bedürfnisse erkennt und die Welt auch mal aus der Perspektive des Tieres betrachten kann.“ Ein Hund schlafe 16 Stunden am Tag. Der brauche keine stundenlangen Spaziergänge und dann noch Agility-Training obenauf. Bei Katzen sei es ähnlich. „Eine Katze will schlafen, irgendwo oben liegen und ihren Rückzugsraum haben.“ Wohl-
farths Fazit: „Wir projizieren oft unsere menschlichen Bedürfnisse in die Tiere hinein, und denken zu wenig daran, was das Tier braucht.“

Nun gibt es ja auch Menschen, denen Tiere lieber sind als ihresgleichen. „Wenn die Menschen damit glücklich sind, warum nicht“, findet der Psychologe. Aus psychologischer Sicht sei es eher bedenklich, wenn Tiere wichtiger als Menschen seien. Es gebe Studien, die zeigen, dass positive gesundheitliche Wirkungen, die Haustiere auf Menschen haben, wegfallen, wenn man sich zu sehr auf das Tier fokussiere. Diese Menschen hätten weniger Sozialkontakte, seien oft niedergestimmt und hätten mehr gesundheitliche Probleme. Und dann gibt es noch das „animal hoarding“, bei denen Menschen viel zu viele Tiere halten. Diese vegetieren oft in Dreck und ohne gesundheitliche Versorgung vor sich hin. Da hat sich dann aus zunächst guten Absichten und echtem Mitgefühl eine falsch verstandene Tierliebe entwickelt.

Hund und Kind können sehr gute Freunde werden. Damit das klappt, gilt es allerdings einiges vorzubereiten.
Hund und Kind können sehr gute Freunde werden. Damit das klappt, gilt es allerdings einiges vorzubereiten. | Bild: Christin Klose (dpa-tmn)

Kinder und Tiere – eine ganz besondere Beziehung

  • Warum Tiere Kindern guttun: Viele Kinder lieben Tiere, und es heißt, dass es Kindern guttut, mit Tieren aufzuwachsen. „Meist ist das eigene Haustier der beste Freund des Kindes“, erklärt Rainer Wohlfarth, Psychologe und Experte für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden. „Ein Tier ist stets präsent, genießt die angebotenen Kuscheleinheiten und ist ein stiller Zuhörer in allen Lebenslagen. Tiere sind auch wichtige Seelentröster bei Kummer und Sorgen. Sie hören sich die Probleme der Kinder an und strahlen durch ihre Anwesenheit und Wärme ein Gefühl der Zuwendung und Geborgenheit aus.“
  • Die letzte Verantwortung liegt bei den Eltern: Dass Kinder durch Tiere Verantwortung lernen, sei durch Studien nachgewiesen, sagt Wohlfarth. Aber viel hänge davon ab, wie das Tier in die Familie eingeführt wurde und dass das Kind nicht mit der Versorgung überfordert werde. „Ganz wichtig ist: Die Verantwortung liegt immer bei den Eltern. Alleine durch Tiere werden Kinder nicht selbstbewusster, empathischer oder verantwortungsbewusster“, betont Wohlfarth. „Erziehung kann man nicht auf Haustiere abwälzen“, stellt der Experte klar.
  • Aufgaben verteilen: Nun machen Haustiere ja nicht nur Freude, sie müssen auch versorgt werden. Oft ist es am Ende die Mutter, die das Katzenklo putzt oder den Hund ausführt. Wohl-farth rät: „Am besten sollte man mit den Kindern vor der Anschaffung eines Haustieres genau besprechen, wer welche Tätigkeiten übernimmt. Vielleicht sollte man auch zuerst mehrere Male mit einem Hund aus dem Tierheim spazieren gehen oder mal die Katze des Nachbarn versorgen, bevor man sich zur Anschaffung entschließt.“
  • Die Rechtslage: Ab wann können Kinder zum Beispiel einen Hund haben? „Die Gesetzeslage ist klar: Kinder dürfen ab einem Alter von elf Jahren einen Hund allein spazierenführen“, sagt Holger Schüler, Hundeerziehungsberater in Rheinland-Pfalz. Ein erster vorsichtiger Kontakt zwischen einem kleinen Kind und Hund sei aber schon mit vier Jahren möglich. Da hätten die Kinder schon genügend Verständnis für den Hund entwickelt und das Spielerische sei doch noch da.
  • Was Kinder durch Tiere lernen können: Zunächst einmal: Rücksicht. Kinder lernten, das Tier als Individuum wahrzunehmen, erklärt Schüler. Zudem gehe es um feste Tagesstrukturen, etwa darum, dass der Hund seinen Auslauf, sein Futter und seine Ruhe braucht. Und natürlich gehe es auch um Nähe, Zuwendung, Kontakt und um Vertrauen. „Kinder erzählen ihrem Hund Dinge, da können die Eltern nur staunen“, sagt der Experte.
  • Welche Rassen eignen sich für Familien? Im Prinzip lasse sich jeder Hund in eine Familie integrieren, betont Holger Schüler. Besonders gut geeignet seien aber Apportierhunde wie Labrador, Golden Retriever oder Berner Sennenhunde. Dobermänner seien zu hibbelig und Jack-Russell-Terrier setzten gern mal die Zähne ein. Auch Hütehunde wie Border Collies oder Australian Shephard seien nur bedingt geeignet.
  • Was für ein Typ ist das eigene Kind? Welches Tier am Ende das richtige ist, hängt nicht nur von Platz, Zeit und Geld ab, sondern auch vom Charakter des Kindes. Ein Hund kann schüchternen Kindern zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen. Mit Ratten lässt sich wunderbar spielen und schmusen, ein nachtaktiver Hamster braucht dagegen tagsüber seine Ruhe.
  • Artgerechte Haltung ist Voraussetzung: „Das Tier kann nur positive Effekte haben, wenn die Haltung artgerecht ist“, betont Kathrin Fichtel vom Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft. Auch Schüler rät: „Informieren Sie sich, bevor Sie sich ein Tier ins Haus holen.“ Einen Fehler dürfe man nie machen: „Vermenschlichen Sie das Tier nicht.“