Paul und Sigi lassen sich nicht stören. Tiefenentspannt liegen die beiden Perserkatzen, die eine dunkelgrau, die andere ganz weiß, auf zwei Korbstühlen um einen schlichten Tisch. „Was bist denn du für ein hübscher?“ Vorsichtig nähert sich eine Frau um die 40 und streckt dem grauen Kater die Hand hin. Der schnuppert kurz, lässt sich das Köpfchen streicheln – und schläft weiter. „Katzen sind immer so entspannt“, sagt die Frau lachend und setzt sich mit einem Cappuccino und einem Stück Kuchen an den Tisch.

Katzencafés sind ein großer Trend, der in Asien seinen Ursprung hat. In Japan sind die Cafés beliebt, weil die Wohnungen klein sind und Tierhaltung oft verboten ist. Also kommt der Mensch eben zur Katze. In Europa sind die Katzencafés meist in Großstädten wie Wien oder Berlin zu finden. Das Katzencafé von Heidrun Blüny, 59, im badischen Städtchen Kandern mit gerade mal 8000 Einwohnern ist da eine echte Ausnahme.

Viele Katzenfreunde reisen von weither an

Heidrun Blüny haben es Perserkatzen angetan. Jede hat einen individuellen Charakter. Bild: privat
Heidrun Blüny haben es Perserkatzen angetan. Jede hat einen individuellen Charakter. Bild: privat | Bild: privat

Vor acht Jahren hatte Heidrun Blüny die Idee dazu. Ihr geht es in erster Linie um Tierschutz und den Informationsaustausch für Tierfreunde. „Wenn die Leute sehen, dass die Katzen bei uns gern in der Sonne liegen, überlegen sie vielleicht auch, wie sie ihrer Katze zu Hause Sonne bieten können.“

Blünys plüschige Vierbeiner wohnen kommod mit Garten, Scheune und großer Terrasse und können rein und raus, wie es beliebt. Immer am Sonntagnachmittag ist geöffnet. Dann gibt es Kaffee und kleine Törtchen oder eine zünftige Obstwaie von den örtlichen Landfrauen.

Zu Besuch kommen – natürlich – Katzenfreunde, viele reisen von weither an. „Als Erstes wollen die Leute wissen: Wo sind die Katzen?“, erzählt Heidrun Blüny. „Zuerst sind sie oft skeptisch. Aber dann kommen die Katzen auf sie zu, legen sich hin und lassen sich streicheln“, berichtet sie. Meist gehe es sehr rücksichtsvoll zu. „Wenn eine Katze auf einem Stuhl liegt, suchen sich die Leute eben einen anderen.“

„In meinen Augen sind die Tiere Therapeuten“

Für sie selbst ist die Arbeit im Katzencafé ein Ausgleich zu ihrer anstrengenden Arbeit als Intensivpflegerin an einem Basler Krankenhaus. Sie ist diplomierte Pflegeexpertin und in Zusatzausbildung Bewegungspädagogin. Die Arbeit ist erfüllend, sie sieht aber auch viel Leid. Wenn sie müde nach Hause kommt, wollen die Katzen erst einmal Futter, Streicheleinheiten, Bespaßung. Das lenkt ab von traurigen Gedanken und lässt sie sich selbst wieder dem Leben zuwenden.

Heidrun Blüny mit Hund und Katz. Bild: privat
Heidrun Blüny mit Hund und Katz. Bild: privat | Bild: Heidrun Blüny

Die Tiere hat Heidrun Blüny aus dem Tierschutz, aber auch von einem Perserkatzenzüchter, der ihr einige Tiere überließ, die krank waren und von ihr gesund gepflegt wurden. Jede hat einen eigenen Charakter und geht anders mit den Gästen um. „Bubi ist die Höhlenkatze, von ihm sieht man oft nur die grünen Augen.“ Bibi ist die dreifarbige Mutterkatze. Und dann gibt es noch Katzenopa Paul, der eine besondere Ruhe ausstrahlt, und den scheuen Tom.

„In meinen Augen sind die Tiere Therapeuten“, sagt sie. Die Gäste entspannen sich, die Gesichter fangen an zu strahlen, Gespräche kommen in Gang. Manchmal gibt es bei Heidrun Blüny und ihren Perserkatzen Lesungen und Veranstaltungen. Das Thema natürlich meist: Katzen. „Ich hatte schon Gäste aus Konstanz und Freiburg“, erzählt die Katzenfreundin, denn Katzencafés sind in Baden-Württemberg rar. Das nächste ist erst in Karlsruhe. Für Heidrun Blüny ist das Katzencafé in erster Linie Hobby: „Davon leben könnte ich nicht.“

Was die Wissenschaft sagt

Hat sie keine Angst, dass die Gäste die Tiere mal grob anfassen? „Ich hatte noch nie eine Übertretung“, sagt sie. Jede Katze könne sich zurückziehen, das sei ganz wichtig. Warum aber finden Menschen Katzen so entspannend? „Katzen sind nie gestresst“, meint Heidrun Blüny. „Die sind entspannt und leben ihr Leben.“ Doch was sagt die Wissenschaft dazu? Zunächst einmal gibt es da nüchterne Fakten. Etwa: Der Blutdruck sinkt, wenn man eine Katze streichelt, der Herzschlag verlangsamt sich, kurzum: Katzen ermutigen uns, runterzukommen von unserem hektischen Alltagsleben.

Dr. Barbara Schneider ist Tierärztin in Freising bei München und Verhaltenstherapeutin für Vierbeiner. Sie hilft also, wenn es in der Mensch-Tier-Beziehung kriselt. Das häufigste Problem bei Katzen ist Unsauberkeit, danach folgen Ängste und Aggressionen, mit denen der Besitzer nicht klarkommt. „Als Beutegreifer haben Katzen nur wenige Aktivphasen; ansonsten ruhen und schlafen sie viel.“ Das ist das genaue Gegenteil von dem, was wir Menschen den ganzen Tag haben: Zeitdruck, Hektik, piepende Smartphones, Lärm in Bus oder Bahn oder Stress beim Autofahren bis zum Feierabend.

Echte Menschenversteher

Für Katzen ist Zeitdruck ein Fremdwort. Sie machen das, was sie wollen, und sonst nichts. Doofer Besuch? Die Katze ist nicht aufzufinden. Tierarzt? Sie weiß es schon, seit man es gedacht hat. Dieser eigene Kopf ist für Menschen, die vielen äußeren Zwängen unterliegen, Therapie pur. Dann ist da noch das beruhigende Schnurren, die Wärme und der weiche Pelz, den man beim Streicheln spürt. Zudem ist es ein ungeklärtes Rätsel, warum Katzen eigentlich fast bei allem, was sie tun, niedlich aussehen, angefangen vom Fressen übers Putzen bis zum Schlafen in äußerst sonderbaren Verrenkungen.

Gemütlich: Innen im Katzencafé. Bild: privat
Gemütlich: Innen im Katzencafé. Bild: privat | Bild: (privat)

Und dann sind sie auch noch echte Menschenversteher. Sie spüren genau, ob der Besitzer gerade mit der Grippe darniederliegt oder die Besitzerin dringend wegen ihres Liebeskummers getröstet werden muss. „Das können aber vor allem soziale Katzen“, betont Barbara Schneider. Eine Bauernhofkatze, die von den Menschen entfernt lebe, sei da weniger aufmerksam. „Katzen reagieren sehr gut auf Körpersprache.“

Freilich gehe diese Aufmerksamkeit bei Katzen nicht so weit wie bei Hunden, hat Barbara Schneider beobachtet. Katzen können ihren Dosenöffner auch mal schnöde links liegen lassen. „Katzen nehmen sich auch mal raus, sie sind ein bisschen egoistischer. Hunden ist es wichtiger, dass gut’ Wetter ist.“

Heidrun Blünys Katzencafé in Kandern ist am 21. Oktober zum letzten Mal geöffnet. Danach ist Winterpause. Ausnahme ist das Advents-Café vom 2. bis 7. Dezember.

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