Seifenblasen fliegen lassen, eine Wunderkerze anzünden, ein Stück Rosenquarz in der Hand halten – das alles sind keine typischen Trauerrituale. Aber: „Sie können als Werkzeuge der Trauer, zum Loslassen, Erinnern und Krafttanken genutzt werden“, davon ist die 24-jährige Produktdesignerin Lea Hofer überzeugt. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Zürcher Hochschule der Künste hat sie einen Trauerautomaten erfunden. Der Metallkasten mit Münzschlitz sieht aus wie ein Snackautomat. Enthalten sind aber keine Schokoriegel, sondern Produkte rund um das Thema Trauer.

Produktdesignerin Lea Hofer (24) hat den Trauerautomaten auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich erfunden. Bild: Sira Huwiler
Produktdesignerin Lea Hofer (24) hat den Trauerautomaten auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich erfunden. Bild: Sira Huwiler

„Das Wort Trauerautomat provoziert, wirkt auf den ersten Blick pietätlos“, sagt der Diplom-Psychologe Tobias Uhl (33) aus Rickenbach. Er begleitet im Landkreis Waldshut und der grenznahen Schweiz Menschen durch schwierige Lebenslagen. „Aber bei genauerem Hinsehen macht das Konzept aus psychologischer Sicht durchaus Sinn: Die enthaltenen Produkte sind durchdacht und können bei der Trauerbewältigung helfen.“

Auf den ersten Blick pietätlos

Anfangs war der Automat in der Hochschule zu betrachten. Seit Juli steht er auf dem Stadtfriedhof Sihlfeld. „Er ist Teil der Kunstausstellung ‚Die letzte Ordnung’ im Friedhofsforum“, sagt seine Erfinderin Lea Hofer. Aber wie ein Snack- oder Zigarettenautomat steht er draußen – jederzeit zur Produkt-
ausgabe bereit. „Es gibt für jedes Alltagsthema Automaten – mittlerweile sogar für warme Burger, Unterwäsche, Zahnbürsten, Veloflickzeug – warum also nicht auch für die Trauer?“

Rund 20 Produkte rund um das Thema Trauer gibt es in der Metallkiste mit Münzschlitz. Bild: Sira Huwiler
Rund 20 Produkte rund um das Thema Trauer gibt es in der Metallkiste mit Münzschlitz. Bild: Sira Huwiler

Auch sie hat schon einen sehr nahen Verwandten verloren. Aber welchen schmerzlichen Verlust sie erleiden musste, will sie nicht verraten. „Es soll nicht um mich gehen, ich möchte keinen persönlichen Verlust damit verarbeiten. Trauer betrifft alt und jung, Mann und Frau, einfach jeden einzelnen Menschen in unserer Gesellschaft“, sagt die gläubige Katholikin, „trotzdem wird das Thema totgeschwiegen. Trauernde müssen nach wenigen Tagen wieder funktionieren, sollen ihren Schmerz schlucken.“

Auch Psychologe Tobias Uhl bestätigt das: „Negative Gefühle werden in unserer leistungsorientierten Gesellschaft versteckt. Aber der Tod eines geliebten Menschen wirft uns aus der Bahn“, sagt der Experte, „für Trauer ist in unserem Alltag oft kein Platz. Schwächen zu zeigen, wird um jeden Preis vermieden.“ Das will Lea Hofer ändern. „Mein Automat ist eine sozialkritische Design-Dienstleistung – die Aufrütteln und an die Menschlichkeit appellieren soll.“

„Trauer findet zu oft heimlich statt“

Nach dutzenden Gesprächen mit Theologen, Psychologen, Trauerexperten und Trauernden standen für die Zürcherin mit St. Galler Wurzeln vier große Problemfelder fest: Kollektivität, Anonymität, Entschleunigen und Sichtbarkeit. „Trauer findet viel zu oft einsam und heimlich statt. Ich will Tod wieder sichtbar machen und zeigen: Wir dürfen offen trauern, uns Zeit nehmen, weinen, den geliebten Menschen zelebrieren und uns erinnern“, sagt Lea. Also entwickelte sie rund 20 Produkte, die genau das schaffen sollen und die es jetzt zum Preis von zwei bis neun Franken im Automat auf dem Sihlfeld zu kaufen gibt.

<strong>„Trauer tragen“:</strong> Mit der Schleife will Lea Hofer dazu anregen, Gefühle offen zu zeigen und nicht zu verstecken. <em>Bild: Sira Huwiler</em>
„Trauer tragen“: Mit der Schleife will Lea Hofer dazu anregen, Gefühle offen zu zeigen und nicht zu verstecken. Bild: Sira Huwiler

„Jedes Produkt hat seinen Zweck“, sagt Lea. Und so sind die Teile auch beschriftet: Grabkerzen sollen als „Licht im Dunkeln“ dienen, Taschentücher zum „Tränen zulassen“ motivieren, schwarze Trauerschleifen dienen dem offensichtlichen „Trauer tragen“, Teebeutel sollen „Zeit schenken“ und Rosenkränze sind ein Zeichen von „Verbunden sein“.

Die Hochschule und die Katholische Pfarrkirchen-Stiftung Zürich unterstützten die Idee finanziell, bezahlten den Automaten und das Material für die erste Füllung. Lea Hofer faltet die Papierschiffchen, näht die Trauerschleifen und verpackt jedes einzelne Produkt selbst von Hand. Sobald ein Produkt ausverkauft ist, füllt sie den Automaten wieder auf. Am beliebtesten sind die Olivenzweige („Die Seele frei lassen“), die Vergissmeinnicht-Samen („Erinnerung säen“) und die Seifenblasen („hochfliegen und loslassen“).

„Die Reaktionen waren enorm“, sagt Lea Hofer. Sie bekommt E-Mails mit netten Worten und Karten mit Danksagungen. Aber auch böse Briefe, in denen ihr das Geschäft mit dem Tod vorgeworfen wird. Manche stören sich einfach nur an der Bezeichnung „Trauerautomat“, andere sagen: „Trauer muss anonym und in Stille stattfinden, für fröhliche Seifenblasen, Wunderkerzen und Papierschiffchen ist da kein Platz.“

Trauer verläuft in Phasen

Warum stößt der Automat manche Menschen so vor den Kopf? „Im Idealfall gibt es vier Phasen der Trauer: Zunächst wollen wir den Verlust nicht wahrhaben, dann brechen alle negativen Gefühle, wie Wut, hervor. Erst irgendwann suchen wir nach den Tod überdauernden Erinnerungen an den Verstorbenen, wodurch wir uns von der Vergangenheit trennen und das Geschehene akzeptieren können“, erklärt Tobias Uhl. „Steckt ein Mensch gerade in der zornigen Phase fest, kann er Papierschiffchen und Vergissmeinnicht-Samen nicht schön finden, er ist voller Wut und Schmerz und noch nicht bereit für solche Rituale.“ Dabei könnten Abschieds- und Erinnerungsrituale Trost spenden, weil sie einem das Gefühl geben, etwas tun zu können.

„Die Produkte im Automaten bringen auf Ideen“, sagt Uhl, „einen Abschiedsbrief zu schreiben, Seifenblasen steigen zu lassen oder in schönen Erinnerungen schwelgend Wunderkerzen anzuzünden – das sind Rituale, die schön sein und die Verarbeitung des Verlustes erleichtern können.“ Für viele sei Trauer geprägt von Leid und Andacht, und das meistens einsam im stillen Kämmerchen. „Aber blickt man in unsere Vergangenheit oder in andere Kulturen, kann der Abschied auch gemeinsam gefeiert werden“, sagt Uhl, „früher trafen sich Familien tagelang zum gemeinsamen Essen und Gedenken. Sie haben gemeinsam geweint, sich erzählerisch an den Toten erinnert.“ In Westafrika werde beispielsweise bunt und laut das schöne und erfolgreiche Leben des Verstorbenen gefeiert. „Jeder hat einen anderen Weg, mit der Trauer umzugehen“, sagt der Psychologe, „erlaubt ist, was gut tut – ganz individuell. Und: Trauern und das offen zu zeigen ist erlaubt und kann helfen, in dieser schweren Zeit nicht alleine da zu stehen.“

Eine ganz besondere Erfahrung

Der Automat funktioniert laut Lea kostenneutral: „Wenn ich wieder einen Tag produziere, abpacke und auffülle, kann ich mir einen üblichen Schweizer Stundenlohn auszahlen“, sagt sie. Reich werde sie damit nicht. „Aber reich an Erfahrung. Tod und Trauer machen auch mir Angst, waren auch für mich Themen, mit denen ich mich nicht wohlfühle. Aber ich habe meine Komfortzone verlassen, um zu einer gesünderen Einstellung der Gesellschaft zum Thema beizutragen. Das ist mir wichtig!“