Frau Kessler, bei der ersten Mondlandung waren Sie, wenn ich richtig rechne, vier Jahre alt. Erinnern Sie sich noch an irgendetwas?

Ja, ich durfte aufbleiben und bis nachts im Fernsehen zuschauen, weil meine Mutter so mondbegeistert war. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Von da an war für mich klar, dass ich da auch hinwill. Ich selbst erinnere mich nicht daran, aber meine Mutter hat erzählt, dass ich vor dem Fernseher zu ihr sagte, sie solle keine Angst haben, wenn sie mich irgendwann im Fernsehen sieht, weil ich dann auf dem Mond stehen würde.

Claudia Kessler mit den beiden Kandidantinnen Suzanna Randall (li.) und Insa Thiele-Eich (re.)
Claudia Kessler mit den beiden Kandidantinnen Suzanna Randall (li.) und Insa Thiele-Eich (re.) | Bild: Die Astronautin

Was fasziniert Sie denn so an der Raumfahrt? Was ist da oben so Spannendes?

Zum einen ist es die Vorstellung vom Blick auf die Erde. Mich fasziniert es, unseren Planeten von außen zu sehen und wahrzunehmen, dass wir Teil des Universums sind, dass wir uns auf dem Raumschiff Erde um die Sonne bewegen. Dann aber auch die Weite des Universums. Weil da draußen alles so alt und groß ist, setzt es alles ein wenig in Relation im Vergleich zu dem, worüber wir uns hier den Kopf zerbrechen.

Ein Ziel Ihrer Initiative ist ja, mehr junge Frauen in technische Berufe zu bringen. In Deutschland ist die Lage beklagenswert schlecht, was Studentinnen in technischen Fächern anbelangt. Wie wollen Sie das erreichen?

Wir haben schon einiges erreicht, seit die Initiative gestartet wurde. Im März 2016 wurde die Stelle veröffentlicht, dass eine deutsche Astronautin gesucht wird. Wir wollten schauen, wie viele Frauen es gibt, die sich bewerben und qualifiziert sind. Da gab es auch Bewerberinnen vom Bodensee und aus Friedrichshafen. Das Ganze wurde auch öffentlich begleitet und wir konnten zeigen: Es gibt diese Frauen in Deutschland und es ist nicht so ungewöhnlich, Astronautin zu werden; das ist etwas, was Mädchen machen können. Wir wollen die Technik greifbarer machen und neue Rollenmodelle eröffnen.

Da müssen wir rein: Die Kandidatinnen Insa Thiele-Eich (li.) und Suzunna Randall mit dem Anzug, in dem unter Wasser geübt wird.
Da müssen wir rein: Die Kandidatinnen Insa Thiele-Eich (li.) und Suzunna Randall mit dem Anzug, in dem unter Wasser geübt wird. | Bild: Die Astronautin

Der Unterschied zu anderen Ländern ist ja schon sehr krass. Deutschland hinkt bei Technik-Studentinnen ganz besonders hinterher.

Ja, Deutschland ist ganz, ganz, ganz weit hinten. In den USA, Kanada, Indien, aber auch in Frankreich und Spanien studieren viel mehr Frauen Ingenieurberufe als in Deutschland. Irgendjemand hat mir das mal mit dem Wirtschaftswunder erklärt. Das hat die Emanzipation in Deutschland wieder zurückgeworfen, nachdem die Frauen in der Kriegszeit sehr viele Männerberufe ausübten. Danach hieß es dann für die Männer: Ich kann es mir leisten, dass meine Frau nicht arbeitet. Da war ein echter Rückschlag, weil es dann für die Frauen als schick galt, es sich leisten zu können, nur Hausfrau und Mutter zu sein.

Ganz schön sperrig: Insa Thiele-Eich im Raumanzug.
Ganz schön sperrig: Insa Thiele-Eich im Raumanzug. | Bild: Die Astronautin

Ich hatte im Gymnasium noch männliche Lehrer, die erklärten, dass Mädchen Mathe und Physik eh nicht verstehen. Das war nicht sehr motivierend...

Das ist auch noch heute so, und das ist ja das Schlimme. Das erzählen mir noch heute junge Frauen mit 20 Jahren, und das ist ganz fürchterlich. Es ist diese Henne-Ei-Geschichte. Wenn wir zeigen, dass wir Frauen in diesen Berufen haben, dann trauen sich auch mehr junge Frauen, diese Berufe zu ergreifen. In den USA waren am MIT (Massachusetts Institute of Technology, die Edel-Tech-Schmiede der USA, d. Red.) alle Flure voll mit Postern von Frauen auf Ingenieurposten, um ihnen zu zeigen: Es gibt ganz viele.

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Sie haben eine private Initiative gegründet, um Ihr Ziel zu erreichen, 2020 eine deutsche Frau ins Weltall zu bringen. Mal ganz blöd gefragt: Warum steht das nicht auf der Agenda des DLR? (Dt. Zentrum für Luft- und Raumfahrt, d. Red.)

Das müssen Sie das DLR fragen. Wir sind im Moment auch sehr viel in Berlin, um die Regierung zu überzeugen, dass neben Männern auch eine Frau mit Steuergeldern ins All fliegen sollte, und nicht nur mit Spendengeldern und Sponsoring. Aber das ist noch nicht angekommen.

Im Vergleich zu einem Tauchanzug äußerst unbequem – und dann noch kleine Dinge aufheben!
Im Vergleich zu einem Tauchanzug äußerst unbequem – und dann noch kleine Dinge aufheben! | Bild: Die Astronautin

Das sind ja auch immer gewaltige Beträge.

Naja. Im Vergleich zu einer Alexander-Gerst-Mission ist das vielleicht ein Zehntel oder so.

Sie wollten auch selbst gern Astronautin werden, haben aber nie das passende Zeitfenster erwischt. Ist das frustrierend?

Ein Ziel bleibt es für mich. Es ist auf Eis gelegt, das schon. Ich warte auf sehr viel Glück und Zufall. Im Augenblick tut sich sehr viel in der Raumfahrt. Die Kommerzialisierung geht richtig los, die NASA will die Raumstation sehr viel mehr für private Interessen öffnen, dann gibt es Space X und Boeing, die sich engagieren, Blue Origin und Virgin Galactics mit Suborbital-Launches, die nur in einer Parabel kurz aus der Atmosphäre fliegen, da kann für mich auch viel möglich sein.

Reden wir doch ein wenig über die beiden Kandidatinnen, die derzeit bei Ihnen im Rennen sind, über Insa Thiele-Eich und Suzanna Randall. Wie ist der aktuelle Stand?

Wir haben gerade das Tauchtraining, die Unterwasser-Simulation abgeschlossen, da waren wir in Marseille, am COMEX-Institut, um dort eine Mondmission zu simulieren. Wir werden mit den beiden nicht zum Mond fliegen, aber der ganze Ablauf und der Stress, der dabei entsteht, wenn man im Raumanzug unter Wasser Aufgaben erfüllen muss, die lassen sich sehr gut auf das Arbeiten in der Raumstation übertragen. Zuvor haben beide den Flugschein gemacht, und das muss natürlich regelmäßig geübt werden. Da geht es darum, die komplexen Abläufe strukturiert nach Prozeduren und Listen abzuarbeiten und sehr viele Dinge auf einmal im Blick zu haben. Da gibt es viele Situationen, die ähnlich sind wie später im Astronauten-Dasein.

Eine Astronautin übt im Tauchanzug unter Wasser. Die Situation unter Wasser ist der Schwerelosigkeit im Weltall ziemlich ähnlich.
Eine Astronautin übt im Tauchanzug unter Wasser. Die Situation unter Wasser ist der Schwerelosigkeit im Weltall ziemlich ähnlich. | Bild: Die Astronautin

Zur Zeit machen sich viele Menschen große Sorgen über den Zustand unseres Planeten. Würden mehr Frauen in hohen Positionen besser mit der Erde umgehen? Sind sie klüger, besser, verantwortungsbewusster?

Klüger sind sie nicht, es gibt auf beiden Seiten kluge Menschen. Ich glaube aber schon, dass Frauen insgesamt umweltbewusster handeln. Die Frauen sind seit der Steinzeit die, die sich um Haus und Hof gekümmert haben. Ich kümmere mich um mein Umfeld, das ist eher eine weibliche Überzeugung. Wir wollen ja in unserer Initiative über die Beschreibungen und Gefühle der Astronautinnen mehr Frauen erreichen.

Insa Thiele-Eich in einem Aerotrim-Rotationstrainer.
Insa Thiele-Eich in einem Aerotrim-Rotationstrainer. | Bild: Die Astronautin

Viele Menschen sagen: Warum sollten wir so viel Geld für die Raumfahrt ausgeben, wenn wir auf der Erde doch schon genug Probleme haben? Was sagen Sie denen?

Inzwischen sind wir so weit, dass wir den Weltraum brauchen, um Probleme auf der Erde zu lösen. Raumfahrt ist ja Teil unseres Alltags. Wetterbericht, Fernsehempfang, Telefon, das Navi im Auto, all das funktioniert ohne Satelliten nicht. Umwelt- und Klimaprobleme lassen sich nur von außen durch Satelliten überwachen und nur so lässt sich überhaupt etwas dagegen tun.

Was glauben Sie, wo werden wir in 20 Jahren sein und wo in 50 Jahren? Sind wir in 20 Jahren auf dem Mars angekommen?

Ich hoffe, dass wir in 20 Jahren auf dem Mars sind, mit Sicherheit sind wir in 20 Jahren auf dem Mond. Die Nasa will das schon 2024 erreichen, was ich sehr sportlich finde, und dann soll auch endlich die erste Frau auf dem Mond sein. In 50 Jahren werden wir Kolonien auf dem Mars haben, vielleicht auch die erste Generation, die dort auch geboren wurde. Wie werden wir dann unser Zusammenleben organisieren? Ich finde das so spannend! Auf der Erde ist ja jeder Fleck erforscht, der Drang nach draußen ist bei vielen ganz groß. Ohne Frauen wird es keine Kolonien geben. Auch das ist ein Grund, warum wir mehr medizinische Daten über das Verhalten des weiblichen Körpers im All benötigen. Von der Raumfahrt profitieren wir auch auf der Erde, etwa bei Materialforschung, Physik oder auch Medizin, etwa bei Osteoporose oder beim Herz-Kreislauf-System.

Stehen Sie manchmal noch am Abend da und schauen hoch zum Sternenhimmel?

Ja, klar! Ich stehe hier gerade am Fenster und hier steht ein Modell vom Mond. Die Faszination habe ich immer noch. Wenn ich auf dem Land oder im Urlaub bin, dann bin ich immer total geflasht davon, weil man wirklich viele Sterne sehen kann.

Haben Sie ein Lieblings-Sternbild?

Die Cassiopeia, das Himmels-W. Weil man sie fast das ganze Jahr sehen kann und sie schön anzuschauen ist. Den Orion mag ich auch gern, aber der ist so groß und mächtig.

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