Wer auch immer für RTL den Slogan „Willkommen zuhause“ geprägt hat, darf sich seiner Weitsicht rühmen. Der Sender nutzt derzeit die Gunst der Stunde und tut sich als soziale Einrichtung hervor: „In dieser Zeit nehmen wir unseren Auftrag, sie zu informieren und zu unterhalten, so ernst wie nie und noch nie waren wir unserem Motto so verpflichtet wie jetzt“ – und dann wandelt sich das RTL-Motto „Willkommen zuhause“ in „Wir bleiben zuhause“.

Jauch, Gottschalk und Pocher laden zum Video-Gespräch

Der eigentliche Auftrag des Senders besteht natürlich darin, Marktführer bei Zuschauern unter sechzig zu bleiben und möglichst viele Werbegelder einzunehmen, aber die Antwort auf die Corona-Krise ist trotzdem ungewöhnlich: Allabendlich laden Günther Jauch, Thomas Gottschalk und Oliver Pocher in dieser Woche zum Video-Gespräch.

Das war zunächst etwas gewöhnungsbedürftig: Wie beim Computer-Chat mit verschiedenen Teilnehmern zeigt der Bildschirm mehrere Gesichter. Was zumindest der Auftaktausgabe fehlte, war die leitende Hand eines Regisseurs: Wenn zwei gleichzeitig reden, versteht man als Zuschauer gar nichts mehr; und wie bei der Skype-Plauderei hängt sich auch mal eine Verbindung auf.

Angeschlagener Pocher

Inhaltlich gibt es ebenfalls noch erheblichen Steigerungsbedarf. Jauch, der das Format mit seiner Firma i&u (Informaiton und Unterhaltung) auch produziert, kündigte zu Beginn an, es werde „ebenso spannend wie lustig“, aber von beidem konnte keine Rede sein.

Ausgerechnet der mit dem Corona-Virus infizierte Pocher, der von Fieber und Schüttelfrost berichtete und entsprechend angeschlagen aussah, riss die Sendung mehr und mehr an sich, was ihr nicht zum Vorteil gereichte. Zu den Gästen der ersten Ausgabe gehörte neben Sänger Max Giesinger und einer Essener Ärztin auch Laura Karasek.

Ernste Töne von Gottschalk

Als die Moderatorin etwas mädchenhaft in die Runde fragte „Was macht das mit euch?“, fuhr ihr der Kollege mit einem ziemlich brüsken Esoterikvorwurf über den Mund. Der gern als oberflächlich verschriene Gottschalk schlug dagegen als „Vertreter der Risikogruppe“ – er wird im Mai siebzig – ernste Töne an und fragte sich, ob Entertainer wie er in Zeiten wie diesen überhaupt noch gefragt seien.

Überraschenderweise entpuppte sich auch Karasek als gefährdet: Mit 38 war sie zwar die Jüngste in der Runde, doch sie hat Diabetes und gehört somit als chronische Kranke ebenfalls einer Risikogruppe an; „ein merkwürdiges Gefühl“, wie sie gestand. Jauch wiederum fühlte sich in ein Jahr zurückversetzt, als die Kollegin noch ein Kleinkind war: Ihn erinnert die derzeitige Atmosphäre einer allgemeinen Verunsicherung ans Frühjahr 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe.

„Gute Laune ist immer gut“

Prompt fand Gottschalk zu seiner gewohnten Rolle zurück und zählte auf, was sie beide schon alles überlebt hätten, vom Waldsterben über die Volkszählung bis zur Maul- und Klauenseuche. Die kurz drauf zugeschaltete Medizinerin aus Essen bestärkte ihn in dieser Haltung: „Gute Laune ist immer gut.“ Spätestens jetzt wusste man bei RTL, dass man genau die richtige Ärztin ausgewählt hat. Ihre fachlichen Aussagen waren zum Glück seriöser.

Später gab dann Giesinger sein neues Lied mit dem sinnigen Titel „Nie stärker als jetzt“ zum Besten; derweil hielt Karasek aus unerfindlichen Gründen ein Schild vor ihre Kamera, auf dem „Laura Karasek“ stand. Ganz kurz blitzte gegen Ende auch jener Humor auf, der die Begegnungen von Gottschalk und Jauch sonst so unterhaltsam macht: Gottschalk wollte von der Ärztin wissen, ob Pocher denn jetzt wie „Siegfried mit dem Eichenblatt“ immun gegen das Virus sei, und Jauch korrigierte: „Es war ein Lindenblatt.“ Mehr Frotzeleien dieser Art würden der Sendung sicher gut tut; wenn schon Unterhaltung, dann aber richtig.