Man möchte meinen, Länder wie Spanien, Italien oder Griechenland hätten genügend Festland zur Verfügung, damit sich die Millionen Urlaubsgäste halbwegs gleichmäßig verteilen. Doch wie zum Hohn stürmen die Massen alljährlich aufs Neue den immer selben Ort: einen schmalen Streifen Sand, öde, windig, salzig. Was zum Teufel ist an unseren Stränden nur so großartig, dass wir hier ganze Tage verbringen?

Der Strand war lange Zeit kein beliebter Ort

Bis vor 200 Jahren wäre noch niemand dem Gedanken verfallen, sich in dieser Wüste zwischen Wasser und Land länger aufzuhalten als unbedingt nötig. Erst recht hätte wohl niemand sich darin guten Gewissens völliger Untätigkeit hingegeben. Wie schlecht es noch im 20. Jahrhundert um den Ruf des Strands bestellt war, zeigt der große Bevölkerungsaustausch zwischen Griechenland und der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg. Auf beiden Seiten mussten die Neuankömmlinge sich in der Gesellschaft erst einmal hinten anstellen. Dazu gehörte auch, dass man sie mit den vermeintlich wertlosesten aller Grundstücke abspeiste: jene am unfruchtbaren Strand.

Der Tourismus sollte die Ramschware schon bald in eine Goldgrube verwandeln. Menschen aus Deutschland und England reisten an, um sich ausgerechnet an diesen sandigen, windigen Stellen in die Sonne zu legen. Weil sie sich dabei „erholen“, wie sie den verdutzten Einheimischen erklärten.

Erholungsfunktion von Urlaub bis heute nicht belegt

Tatsächlich handelt es sich bei der Vorstellung vom Urlaub als Erholungsprogramm um ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Es war die Zeit der sogenannten Neurasthenie, einer Zunahme psychischer Erkrankungen im Bürgertum, hervorgerufen durch den gestiegenen Konkurrenz- und Arbeitsdruck während der Industrialisierung. Vom bewussten Nichtstun versprach man sich heilende Wirkung: Wissenschaftlich belegt, sagt der Tourismushistoriker Hasso Spode, sei dieser Effekt allerdings bis heute nicht. Zwar fehle es nicht an entsprechenden Forschungsprojekten. Doch alles, was dabei herauskomme, sei der Nachweis eines flüchtigen Wohlbefindens: „Nach ein bis zwei Wochen Arbeit sind Sie wieder beim Status quo ante angelangt!“ 

Hat man Kinder, ist man nie mehr allein – erst recht nicht um Urlaub.
Spielen, baden, gucken: Eine Familie zieht an den Strand von Timmendorf. | Bild: Jens Büttner / dpa

Wer sich wochenlang untätig in die Einöde legt, muss dafür also andere Gründe haben als die Hoffnung auf gesundheitliche oder auch seelische Erneuerung. Auf der Suche nach ihnen hilft die Literatur weiter. In Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ bezahlt ein deutscher Tourist seine Liebe zum Strand gar mit dem Leben. Dabei war Gustav Aschenbach anfangs noch enttäuscht von dem weder sanften noch sandigen Landstrich. Doch dann lernt er bald, dass es auf Sand gar nicht ankommt. Im Liegestuhl sitzend, den Blick zum Meer gerichtet, lässt sich nämlich ganz ungeniert das Treiben des jungen Tadzio beobachten. Dessen reizvolle Erscheinung hat es dem einsamen Dichter ganz offenkundig angetan. Der Strand dient ihm als Bühne, der Liegestuhl als Theatersessel.

„Kunst des Sehens, ohne zu sehen“

Aus der irrigen Annahme, am Strand ließen sich seelische Erkrankungen kurieren, ist ein sommerliches Gesellschaftsspiel entstanden. Seine Teilnehmer folgen wahlweise voyeuristischen oder exhibitionistischen Trieben. Nirgends sonst kann man so unverfänglich seinen athletischen Oberkörper präsentieren. Und nirgends sonst darf man umgekehrt so unverhohlen durch verspiegelte Sonnenbrillen die Körper anderer Menschen begutachten. Von einer „Kunst des Sehens, ohne zu sehen“ spricht der Soziologe Jean-Claude Kaufmann.

Nicht umsonst baut die Werbung ganz auf den Drang zum perfekten Auftritt am Strand. Hersteller von Diätmitteln werben mit auf Sand joggenden Bikinischönheiten. Produzenten von Schokoladenriegeln versprechen Traumprinzen unter Kokospalmen. Sportliche Partylöwen stoßen mit Rum auf ihre Schönheit an.

Der Strand als Laufsteg: Man mag gegen diese These einwenden, dass unser Idealbild eines Traumurlaubs ganz anders aussieht. Wer von Strandidylle spricht, meint meist einsame Buchten unter Kokospalmen statt gemeinsames Massenliegen zwischen Pommesbude und Autoparkplatz. Doch dieses Ideal trügt. Studien zeigen, dass dieselben Besucher, die sich vor der Abreise noch nach Abgeschiedenheit und Naturerfahrung sehnten, am Urlaubsort plötzlich zielsicher auf den am dichtesten besiedelten Strandabschnitt zusteuern.

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Einsamkeit wirkt nur auf Werbeprospekten paradiesisch

Ganz offenkundig wirkt eine allzu abgeschiedene Lage besonders hemmend. „Je öffentlicher, fremder, anonymer der Strand ist, desto weniger geniert man sich“, sagt Kaufmann. Umgekehrt gilt: Je privater, familiärer ein Strand wirkt, desto mehr achten seine Besucher darauf, nicht zu viel von sich preiszugeben. So sind es paradoxerweise gerade die unberührten Traumstrände, an denen sich Touristen besonders zugeknöpft präsentieren. Einsamkeit wirkt eben nur auf Werbeprospekten paradiesisch. Wer sie wirklich erlebt, der mag sie schon bald als unheimlich empfinden.

Apropos paradiesisch: Es versteht sich von selbst, dass unser hüllenloses Theaterspiel am Strand auf die Geschichte von Adam und Eva Bezug nimmt. „Am Rande des Meeres öffnet sich die Tür zum Paradies“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Eva Kreitlhuber. Mit nacktem Körper gönnt man sich eine Auszeit von all den Reglementierungen unseres Alltags. Entsprechend kritisch haben Sittenwächter aller Couleur den weltweiten Siegeszug des Strandtourismus beäugt. Ihre Sorge galt dem möglichen Einbruch des Ausnahmezustandes in die Welt jenseits des Strands.

Es ist ja nicht nur das Spiel von Beobachten und Beobachtetwerden allein, das unsere moralischen Standards bedroht. Für zusätzliche Stimulanz sorgen Reize wie Sonne, Wind und Sand auf unserer Haut: Körpererfahrungen, die uns abseits des Strands kaum noch begegnen. Entsprechend lange mussten an deutschen Stränden Männer und Frauen voneinander getrennt baden gehen. „Oben ohne“ kann für weibliche Strandbesucher sogar noch heute an einigen Stränden der USA teuer werden. Und Touristen, die an den Stränden mancher islamischer Länder zu viel nackte Haut riskieren, landen unter Umständen sogar im Gefängnis.

Auf diese Weise kann sich der Strand vom Paradies ganz schnell zur Hölle wandeln. Das gilt sogar für jene, die ihn lediglich zur diskreten Beobachtung nutzen. Thomas Manns Protagonist Gustav Aschenbach jedenfalls ist vom venezianischen Strand derart gefangen genommen, dass er nicht einmal seine ernsthafte Erkrankung bemerkt. Der Tod kommt im Liegestuhl: Auch so kann ein Strandurlaub enden.