Frau von Ow, Sie beraten Männer wie Frauen beim Kleidungseinkauf, was ihnen steht, und wovon sie besser Abstand nehmen sollten. Sind Männer oder Frauen die schwierigeren Kunden?

Die Männer sind einfacher. Beim Mann gibt es in der Regel Ja oder Nein, passt oder passt nicht. Ein Mann würde nie auf die Idee kommen, sich von hinten anzuschauen oder von der Seite. Frauen achten viel mehr auf ihre Figurproportionen. Da wird immer geschaut, ob irgendein Körperteil zu groß, zu klein, zu dick oder zu dünn erscheint. Männer machen das in der Regel nicht. Die meisten haben ein unverkrampftes Verhältnis zu ihrem Körper. Es ist so, wie es ist.

In den letzten Jahrzehnten hat sich ja beim Modestil der deutschen Männern viel getan. Früher war das alles oft sehr langweilig, jetzt sieht man auch mal etwas Farbe. Was ist Ihr Eindruck?

Da hat sich viel entwickelt. Viele machen sich mehr Gedanken über Alltagsstyling oder Styling fürs Büro, wie man Stücke kombiniert oder welche Farben sie tragen können. Bei Männern zwischen 30 und 70 passiert gerade viel. Es gibt nicht mehr nur Jeans und T-Shirt, sondern viele entwickeln ihren eigenen Stil.

Wobei wir bei den Modesünden wären...

Da gibt es die Wanderhosen und die Socken in den Sandalen – die üblichen Verdächtigen. Mein Chef sagte immer: Nur die Sonne sieht's. Auch Muskelshirts und Tanktops ohne Arm sind schwierig. Ich bin allgemein keine Freundin von Kurzarmhemden. Wenn die nicht schmal geschnitten sind, stehen die Ärmel ab wie Flügel, was ich sehr unkleidsam finde. Aber viele Männer sind da inzwischen Vorreiter. Sie tragen auch im Sommer lange Ärmel und krempeln sie dann einfach hoch. Das ist viel schicker. Man(n) hat inzwischen ja eine große Auswahl an Schnitten, von der weiten Form bis zum Slim Fit, dem schlanken Schnitt. Egal, welche Figurform ein Mann hat. Es ist wie bei den Frauen, die Auswahl ist inzwischen vielseitig und groß. Hemden gibt es in allen Variationen, Schnitten und Kragenlösungen.

Viele junge Männer heute sind ja oft sehr schmal und groß. Denen passen die Slim-Fit-Hemden natürlich gut und unterstreicht ihre Figurform.

Es werden häufig schmale Jeans mit Sakko getragen oder Chinos mit Sakko und zum Teil anstatt ein Hemd ein T-Shirt darunter. Die Entwicklung bei den Herren geht immer mehr zum Minimalismus wie bei den Damen. Lieber weniger Teile im Schrank, die aber immer gut untereinander kombinierbar sind.

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Beim Kombinieren haben Männer aber oft noch Schwierigkeiten.

Ja, sie sind oftmals nicht so mutig. Ein Mann befasst sich in der Regel nicht so viel mit Mode wie Frauen. Es gibt auch Modezeitschriften für Männer, aber viele schauen auch auf Pinterest. Da gibt es auch einen Herrenbereich mit neuen Modetrends. Da kann man zum Beispiel schauen, welche Kombinationen es gibt oder wie man mit Accessoires arbeitet. Dieses Jahr sind die einst verpönten Tennissocken ein Mega-Trend.

Oh nein, das ist ja schrecklich!

Mittlerweile kann man tragen, was man möchte. Wenn Männer erst mal wissen, welche Farben ihnen stehen, tun sie sich leichter, die zu kombinieren, so wie es Frauen eben auch machen. Es kann auch mal eine andere Farbe für ein Hemd sein als Hellblau oder Weiß. Auch bei Männern gibt es diese Farbtypen. Schon 1920 fand Johannes Itten, lehrender Meister am Bauhaus in Weimar, dass jeder Mensch seine Farben in sich trägt. Er ließ seine damalige Klasse Farbakkorde malen, die er harmonisch fand. Dies gefiel vielen nicht und so überließ er jedem seiner Schüler, die ihm harmonischen Farben zu malen. Als er die Farbakkorde anschaute, konnte er an den Farben erkennen, wer welche Farbakkorde gemalt hatte. Diese Entdeckung wurde in den 1980er-Jahren von einer amerikanischen Firma in die Modewelt übernommen. Damals teilte man die Farbtypen nach den vier Jahreszeiten auf, weil die Farben in der jeweiligen Jahreszeit wieder zu finden sind. Es ist ein Irrglaube, dass es von der Farbe der Haare oder dem Bräunungsgrad der Haut abhängig ist, welcher Farbtyp man ist. Entscheidend ist immer der Hautton sowie die Augenfarbe. Der Farbtyp ändert sich nie, das heißt, er wird einem schon in die Wiege gelegt. Darum ist es umso wichtiger, die richtigen Farben zu tragen. Denn die richtigen Farben unterstreichen den Teint, die Ausstrahlung und Ihr komplettes Erscheinungsbild.

Dann ist die Farbberatung auch bei Männern bei Ihnen der erste Schritt?

Genau. Wenn der richtige Farbtyp analysiert wurde, geht man weiter zu den verschiedenen Stilen. Es gibt den klassischen Stil, den modernen, den extravaganten, den sportlichen. Da schaut man dann, welche Richtung der oder die Kundin einschlägt, wie man in diesem Stil Stücke kombiniert und für welchen Anlass sie gut aussehen. Manchmal geht es auch darum, zu schauen, wie man Stücke mit dem kombiniert, was ein Mann bereits zu Hause hat. Aber manche wollen auch von Null neu anfangen.

Was halten Sie von Pullundern? Ich finde die ganz furchtbar...

Nein, das kann man so nicht sagen. Es gibt modisch mutige Männer, denen das unverschämt gut steht. Aber dafür muss man der Typ sein. Wenn es nur eine Alternativlösung ist, weil sonst die Hemden sonst von vorn aufspringen, dann lieber nicht. Auch Motivkrawatten können bei einem ausgeflippten Typ ganz cool aussehen. Wichtig ist, seinen eigenen Stil zu finden. Bei einem klassischen Typ sieht so etwas verkleidet aus. Ich ermutige die Menschen schon, so aufzutreten, wie sie es sich vorstellen. Manchen fehlt dafür etwas der Mut oder sie haben Angst, was andere darüber denken. Vorrangig sollte aber sein, dass man sich selbst wohlfühlt. Und nicht verkleidet wirkt.

Was ist wichtig, wenn man einen neuen Stil entwickeln will?

Vor ein paar Jahren hatte ich einen Mann als Kunde, der hatte erst gar keine Lust auf die Beratung. Aber wir haben dann trotzdem einen Super-Tag verbracht. Nach dem Einkaufen war er mutig für eine andere Frisur, eine neue Brille, ein komplett neues Outfit, eine neue Arbeitstasche und sein Schnurrbart kam auf eigenen Wunsch auch noch weg. Er konnte sich durch das Stylecoaching einmal insgesamt anders sehen und war von seinem neuen Anblick begeistert. Bei einem neuen Stil genügt ein einzelnes Teil nicht. Wenn es stimmig sein soll, braucht es ein komplettes Outfit.

Man sagt ja: Kleider machen Leute. Warum ist das so?

Wenn man sich für einen Anlass oder für einen Geschäftstermin anzieht, gibt einem das ein Stück Sicherheit, das man dann auch ausstrahlt. Man tritt anders auf. Das muss auch gar nicht teuer sein. Letztlich muss das Gesamtbild stimmen. Also nicht nur die Kleidung, sondern auch die Frisur und die Hände, eben das gesamte Paket Mensch und sein Style.

Zur Person:
Barbara von Ow, Jahrgang 1966, arbeitet seit 30 Jahren beim Modegeschäft Andreas Keller in Waldshut. Weil Kunden sie immer auf Beratung auch in Sachen Schuhe oder Brille ansprachen, bot sie dies dann professionell an. Vor zehn Jahren machte sie ihren Abschluss als Dipl. Stylistin/Stylecoach bei einer Münchner Privatschule. Kontakt: http://www.barbara-von-ow.de