„Für mich ist das Urteil eine Katastrophe“, sagt Reinhard Pfurtscheller. „Ich hoffe nur, dass es noch zu meinen Gunsten geändert wird.“ Die Kuhherde des Pinnisalm–Bauern im Stubaital in Tirol hatten 2014 eine 45-jährige Deutsche tödlich verletzt.

Ganz Österreich diskutiert den Fall

Am 20. Februar 2019 hat ihn das Landesgericht Innsbruck zu hohen Schadensersatzzahlungen an die Hinterbliebenen verurteilt. Insgesamt fast eine halbe Million Euro stehen im Raum. Der Bauer hat Berufung eingelegt. Seitdem diskutiert ganz Österreich den Fall.

Sepp Mayr (links), Vertreter der Almbauern, hadert mit den Folgen des „Kuh-Urteils“: „Letztlich müssen wir durch Aufklärung dafür sorgen, dass der Gast und Wanderer sich anständig verhält“, so Mayr. Neben ihm steht Käser Johann Schönauer.
Sepp Mayr (links), Vertreter der Almbauern, hadert mit den Folgen des „Kuh-Urteils“: „Letztlich müssen wir durch Aufklärung dafür sorgen, dass der Gast und Wanderer sich anständig verhält“, so Mayr. Neben ihm steht Käser Johann Schönauer. | Bild: Mariel Schulze Berndt

Hofverkauf als Konsequenz

„Je nachdem, wie viel die Versicherung übernimmt, muss der Bauer seinen Hof verkaufen“, sagt Josef Lanzinger mitfühlend. Lanzinger leitet die Bezirksstelle der Landwirtschaftskammer Tirol in Wörgl und setzt sich für die Almbauern ein. Auch Lanzingers Familie hält Milchkühe und bewirtschaftet eine Alm. Wie es Pfurtscheller, dem Bauern von der Pinnislam geht, kann Lanzinger gut nachvollziehen.

Nach dem Urteil ging eine Welle der Empörung durch Österreich

Der Unfall liegt inzwischen fast fünf Jahre zurück. Am 28. Juli 2014 wurde Daniela Müller mit ihrem Kerry Blue Terrier an der Leine 30 Meter entfernt von einem großen Gasthaus mit vielen Gästen von neun Mutterkühen und ihren Kälbern von hinten angegriffen. Sie kreisten sie ein und brachen ihre Rippen. Müller starb an einer Lungenspießung und einer Herzbeuteltamponade.

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Nach dem Urteil ging eine Welle der Empörung durch Österreichs Bauern. Unüberhörbar drohten sie damit, ihre Almen für Touristen oder zumindest solche mit Hunden zu schließen.

„Je nachdem, wie viel die Versicherung übernimmt, muss Landwirt Reinhard Pfurtscheller seinen Hof verkaufen“Josef Lanzinger, Landwirtschaftskammer Tirol
„Je nachdem, wie viel die Versicherung übernimmt, muss Landwirt Reinhard Pfurtscheller seinen Hof verkaufen“Josef Lanzinger, Landwirtschaftskammer Tirol | Bild: mariel Schulze Berndt

Tirols Landeshauptmann Günther Platter, ÖVP, der in seiner schwarzgrünen Koalition sowohl für die Finanzen als auch für den Tourismus zuständig ist, erklärte die Frage flugs zur Chefsache. Für erstaunlich wenig Geld schloss er eine neue Versicherung ab. Sie soll künftig eintreten, wenn weder die Haftpflichtversicherung des Bauern noch die des Almwirtschaftsvereins für Schäden aufkommt. „Wie für die Mountainbike-Trails gibt es jetzt eine Versicherung für Almbauern. Bei Unfällen zahlt die Versicherung, sogar dann, wenn der Besitzer fahrlässig gehandelt hat“, lobt Lanzinger.

Besserer Schutz für Bauern

Auch die Regierung in Wien reagierte: Im April stellte Ministerin Elisabeth Köstinger öffentlichkeitswirksam ein Maßnahmenpaket für „Sichere Almen“ vor. Das neue Gesetz soll erstmals Wanderer selbst in die Pflicht nehmen und die Bauern entlasten.

Eine Lösung findet man nur zusammen

Auch Bauern sollen in Zukunft einige Regeln beachten. An Orten, wo viele Touristen unterwegs sind, sollen sie Zäune aufstellen. Sepp Mayr, Vertreter der Almbauern, ist skeptisch: „Die Bauern werden die Umleitungsschilder aufstellen, wo sie es für richtig halten“, sagt er. „Aber ob sich die Leute daran halten?“ Mayr findet das angekündigte Gesetz, das die Bauern aus der Haftung befreien soll, sehr gut. „Doch letztlich müssen wir das miteinander schaffen und durch Aufklärung dafür sorgen, dass der Gast und Wanderer sich anständig verhält“, hofft er.

Anwalt von Pfurtscheller zeigt sich optimistisch

Reinhard Pfurtscheller hilft das zunächst nichts. Er hat seit 2014 viele Elektrozäune aufgestellt. Doch er hofft auf die nächste Instanz. Sein Anwalt Ewald Jenewein , ist optimistisch: „Wenn es jetzt nicht vor dem Oberlandesgericht gelingt, dann gehen wir vor den Obersten Gerichtshof in Wien.“