Herr Erdmann, als Sie das Drehbuch zu Ihrem neuen Film „Eine riskante Entscheidung“ (21. Februar, 20.15 Uhr, ZDF) zum ersten Mal gelesen haben, ist Ihnen die Geschichte da sehr nahe gegangen?

Ja, sehr nahe. Man liest solche Bücher anders, je älter man wird und je mehr Lebenserfahrung man hat. Ich habe zwei Kinder, und als Vater lese ich das Buch natürlich ganz anders als jemand, der keine Kinder hat. Gerade weil es darin ja ganz konkret um die Erkrankung eines Kindes geht, lese ich es beim ersten Mal nicht durch den Filter des Schauspielers. Ich versuche es stattdessen so zu lesen, als wäre ich der Zuschauer dieses Films. Und es hat mich sehr berührt, weil es um das Leben eines so jungen Menschen geht.

Und es ging für Sie von Anfang an um die Rolle von Michael Wagner, Vater der kranken Emily?

Ja. Man liest das Buch dann auch schon auf diese Rolle hin, weiß, auf welcher Seite man steht, und ist dann tatsächlich in vielen Szenen auch emotional angefasster.

Wollten Sie die Rolle denn unbedingt haben?

Ich bin niemand, der mit dem Ehrgeiz an ein Drehbuch herangeht, eine Rolle unbedingt haben zu wollen. Mir geht es eher darum: Was interessiert mich an der Rolle? Wäre es ein Gewinn für mich, mit dem Regisseur zu arbeiten und ein Teil dieser Geschichte zu sein? Könnte ich etwas zu dem Film beitragen?

Wie haben Sie sich denn speziell auf diese Rolle vorbereitet?

Es finden natürlich viele Gespräche statt, mit der Regie zum Beispiel – in diesem Fall war das der wunderbare Elmar Fischer. Wenn man merkt, dass man im Gegenüber einen Partner und keinen Gegner hat, an dem man sich negativ abarbeitet, ist das schon mal ein großer Gewinn. Ich persönlich lese zur Vorbereitung immer viel, ich denke mit und frage mich, wie ich mich in der entsprechenden Situation verhalten würde. Ein Schauspieler wird ja nicht besetzt, weil er gut sprechen kann oder weil er gut aussieht, sondern weil er nach Ansicht des Regisseurs glaubhaft die Geschichte transportieren kann. Man stellt sich dafür als Schauspieler im Grunde zur Verfügung, seine Gedanken und Gefühle. Das klingt einfach – und manchmal ist es das auch. Bei einem Casting geht es ja um nichts anderes als darum zu zeigen, wie man diese oder jene Szene spielen würde. In meinem Fall hat es dem Regisseur zugesagt.

Hatten Sie vorher eine Ahnung davon, wie die Pharma-Industrie funktioniert?

Nein, und das war interessant zu lernen, welche Strukturen dort zur Verfügung stehen und welche Chancen man da als Vater eines kranken Kindes überhaupt hat – oder eben nicht hat, wenn man vor so einem Gegner steht.

Emily hat Kinderdemenz, und ihr Vater tut alles, um ihr zu helfen – er versucht, ein Pharma-Unternehmen davon zu überzeugen, ihr ein noch nicht marktreifes Medikament zur Verfügung zu stellen. Diese Entscheidung ist natürlich nicht einfach und das Zögern des Unternehmens ebenso nachvollziehbar wie der Wunsch des Vaters. Wo würden Sie sich da positionieren?

Auf der einen Seite ist das persönliche Schicksal von Emily und ihrer Familie, da geht es um Leben und Tod. Ich glaube, ich persönlich würde mich eher auf der Seite dieser Figur sehen, weil ich ein persönliches Schicksal immer über die wirtschaftlichen Interessen eines Konzerns stellen würde. Nichtsdestotrotz verstehe ich, dass ein Unternehmen, das Millionen investiert hat in der Hoffnung, durch ein Medikament Tausende von Leben zu retten, nicht auf ein einzelnes Leben Rücksicht nehmen kann. Denn wer übernimmt die Verantwortung für einen fehlgeschlagenen Versuch? Mit der Herausgabe eines unfertigen Medikaments aus Mitleid geht so ein Unternehmen ja auch ein Risiko ein.

Szene aus „Eine riskante Entscheidung“: Emily (Jasmin Kraze, Mitte), die Kinderdemenz hat, verlässt mit ihren Eltern Michael ...
Szene aus „Eine riskante Entscheidung“: Emily (Jasmin Kraze, Mitte), die Kinderdemenz hat, verlässt mit ihren Eltern Michael (Christian Erdmann) und Nicole Wagner (Annika Blendl) die Klinik. | Bild: Volker Roloff/ZDF

Weil der Film beide Seiten nachvollziehbar macht, überlässt er letztendlich dem Zuschauer die Entscheidung, sich für eine davon zu entscheiden. Finden Sie es richtig, das offen zu lassen?

Ich finde, das ist eine gute Entscheidung, weil den Zuschauern tatsächlich allzu oft der Denkprozess abgenommen wird. Es gibt ja auch Theaterstücke wie zum Beispiel „Terror“ von Ferdinand von Schirach, wo das Publikum entscheiden muss, wie die Geschichte zu Ende geht. Das ist meiner Meinung nach ein ganz fantastischer Eingriff in die Dramaturgie. Dem Publikum wird nicht einfach ein Ende präsentiert, mit dem es zufrieden sein kann oder eben auch nicht. Sondern die Zuschauer werden in die Verantwortung genommen. Das bietet, finde ich, die Plattform für ein Weiterdenken und Miteinanderreden, anders als eine abgeschlossene Geschichte, über die man sich aufregt oder mit der man zufrieden ist, die dann aber auch zu Ende erzählt ist. Dass die Geschichte von „Eine riskante Entscheidung“ im Kopf der Zuschauer noch weitergeht, empfinde ich als Gewinn.

Im Film arbeiten Sie nicht nur mit erwachsenen Kolleginnen und Kollegen, es gibt da auch noch Ihre Filmtochter, gespielt von Jasmin Kraze. Am Set mit Kindern zu arbeiten, ist sicher immer etwas Besonderes. Wie war es in diesem Fall?

Es war ganz fantastisch, mit Jasmin zu arbeiten. Ich hatte bis jetzt auch immer Glück, muss ich sagen. Die Kinder, mit denen ich gearbeitet habe, habe ich bisher wirklich immer als Geschenk empfunden. Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Der große Vorteil bei Kindern ist: Man sieht die Mittel nicht, die sie benutzen. Bei vielen erwachsenen Schauspielern, auch bei mir, sieht man einfach die Mittel, die wir benutzen, um zum Beispiel eine Bewegung zu erzeugen. Diese Professionalität haben Kinder nicht, sie geben sich im besten Fall einer Geschichte so hin, dass man sich als Spielpartner beschenkt und bereichert fühlt. Sie gehen mit großer Unschuld in eine Szene rein, das ist pure Emotion.

Annika Blendl, die Ihre Frau spielt, hat gesagt, dass es am Set „viel Freude und gute Stimmung“ gegeben habe. Wenn man vor der Kamera so ein schweres Thema spielt, wie schwer ist es da, in den Pausen abzuschalten und nicht mehr Michael Wagner, sondern wieder Christian Erdmann zu sein?

Es ist mir tatsächlich erstaunlich leichtgefallen. Am Set herrschte eine Atmosphäre, in der man sich einfach wahnsinnig wohl gefühlt hat, weil da viele Leute waren, die am gleichen Strang gezogen haben und sehr respektvoll der Arbeit, aber auch den Menschen gegenüber waren. Es war ein ganz toller Umgang untereinander, der es uns Schauspielern ermöglicht hat, völlig unverkrampft auch in eine emotionale Szene zu gehen, weil wir wussten, dass wir uns danach wieder aufgehoben und aufgefangen fühlen. Es war tatsächlich eine leichte und lockere Arbeitsatmosphäre. Und dazu kam die Zugewandtheit des Regisseurs, der einen eher beratschlagt als kritisiert hat.

Und das gelingt Ihnen immer?

Mir ist wichtig: Ich gehe in den Arbeitstag rein, spiele meine Rolle und gehe dann zurück ins Auto, nach Hause oder ins Hotel, und dann fällt die Rolle von mir ab. Aber es gibt in diesem Film eine Szene, in der ich im Fernsehstudio weinend zusammenbreche – am nächsten Tag hatte ich wirklich emotionalen Kater, weil der Körper nicht unterscheiden kann, ob das Weinen echt oder falsch war. Der Kopf weiß, dass die Tränen gespielt waren, aber der Körper hinkt hinterher.

Christian Erdmann und Anna Schudt spielten die Hauptrollen in „Aufbruch in die Freiheit“ – bei der Verleihung des ...
Christian Erdmann und Anna Schudt spielten die Hauptrollen in „Aufbruch in die Freiheit“ – bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreis 2019 freuten sie sich gemeinsam über die Auszeichnung in der Kategorie „Bester Fernsehfilm“. | Bild: Henning Kaiser/dpa

Was bei Ihren Filmen auffällt, ist, dass Sie meist ganz normale, nachvollziehbare Menschen spielen in Filmen, die nah am Leben sind. Keine Komödien, in denen die Figuren total über die Stränge schlagen. Ist das das, was Sie wollen, oder das, was Regisseure in Ihnen sehen? Oder würden Sie gern auch mal was völlig andere machen?

Ich würde sofort in einer Komödie oder in einem Action-Film mitspielen, wo man total über die Stränge schlagen kann. Ich muss aber ehrlich sagen, dass mich das, was ich gerade mache und was ich bisher gemacht habe, am meisten interessiert. Ambivalente Figuren zu spielen, die nah am Alltag sind. Am Theater habe ich öfter auch mal verrückte oder nicht auf den ersten Blick nachvollziehbare Geschichten und Charaktere gespielt. Bei „Eine riskante Entscheidung“ ist dagegen alles sehr nah bei mir.

Sie haben sich 2019 für die Freiberuflichkeit entschieden. Wenig später hat die Corona-Pandemie begonnen. Hat das dazu geführt, dass Sie die Entscheidung, Ihr festes Theater-Engagement fürs die Arbeit vor der Kamera aufzugeben, mal bereut haben?

Ich habe die Entscheidung tatsächlich nicht eine Sekunde bereut. Das erste halbe Jahr war zugegeben schwer, weil mit dem ersten Lockdown drei, vier Monate gar nichts ging. Aber dann lief es auf einmal mit einer Wucht und einer Dynamik an, die mich überrascht, aber auch wahnsinnig gefreut hat. Deswegen kam ich gar nicht dazu, irgendetwas zu vermissen oder die Entscheidung zu bereuen. Ich habe 20 Jahre lang fast ausschließlich Theater gespielt, abgesehen von vielleicht fünf, sechs Drehtagen im Jahr. Deshalb bin ich wahnsinnig froh über die Möglichkeiten, die sich mir jetzt eröffnen, und koste das voller Freude aus.

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Das Theater Düsseldorf führt Sie noch als Ensemble-Mitglied, oder?

Im Moment stehe ich nicht auf der Bühne, aber ich habe mit dem Intendanten eine lose Verabredung, dass wir wieder zueinanderkommen, wenn Bedarf ist oder wenn es die Zeit und die Umstände zulassen. Etwas Konkretes gibt es da im Moment nicht. Ich bin dem Haus aber sehr verbunden, und es gibt keinen Grund für mich, das zu beenden.

Fernsehen ist für Sie im Moment aber klar die Nummer eins?

Im Augenblick ja. Das ist eine Liebe, die ich entdeckt habe und die ich nicht so leicht aufgeben will.

Wenn Sie an die Anfänge Ihrer Karriere zurückdenken, haben Sie sich damals träumen lassen, was Sie heute machen?

Ehrlich gesagt war Fernsehen damals überhaupt kein Thema. Meiningen war eine sehr gute Zeit für mich nach der Schauspielschule, die mich mit wenig Selbstbewusstsein in die Berufswelt entlassen hat. In Meiningen konnte ich mich freispielen. Ich habe dort Aufgaben bekommen und mich sehr wohl gefühlt. Das Fernsehen hatte ich nicht auf dem Schirm, auch wegen des mangelnden Selbstvertrauens. Ich dachte: Da kommst du nie hin, das ist ein Land, das du nie bereisen wirst. Als ich nach drei Jahren in Meiningen gemerkt habe, dass ich mal an ein anderes Haus muss, weil ich sonst in meiner Entwicklung stehen bleibe, dachte ich: Jetzt geht‘s nach Cottbus oder Leipzig, an ein kleines, provinzielles Haus, wo ich mich aufgehoben fühle. Provinziell ist für mich kein negativ besetztes Wort! Als dann aber ein Angebot aus Hannover kam, hatte ich das Gefühl, jetzt interessiert sich auf einmal die Bundesliga für mich und hält Dinge für möglich, die ich mir selbst nie zugetraut hätte. Dort wurde ich gefördert, mein Selbstvertrauen ist stetig gewachsen, bis ich dann vor drei Jahren eine neue Agentur gefunden habe, mit der ich die richtigen Entscheidungen treffen konnte. Zum Beispiel auch die, mit dem Theater aufzuhören und meinen Fokus auf die Arbeit für Film und Fernsehen zu verlegen. Ich bereue kein einziges Jahr, das ich am Theater verbracht habe. Aber es hat eben alles seine Zeit.

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In den Ostfriesland-Krimis im ZDF ist Christian Erdmann (rechts, mit Steffen Münster) seit 2017 als Kommissar Frank Weller zu sehen. Das Bild zeigt ihn bei Dreharbeiten zu dem Samstags-Krimi, von dem bisher fünf Filme gesendet wurden. Für 2022 sind zwei weitere angekündigt. | Bild: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Und wenn Sie jetzt an die Zukunft denken – haben Sie als Schauspieler Träume oder Wünsche?

Nein, tatsächlich nicht. Ich weiß um meine Qualitäten und warum ich für bestimmte Rollen besetzt werde und für andere nicht, aber ich bin auch ein großer Zweifler. Was ich allerdings, ohne arrogant klingen zu wollen, auch für eine Qualität halte. Alles andere wäre falsche Bescheidenheit. Aber wo ich mich in 20 Jahren sehe? Keine Ahnung. Das ist ein Denken, das mir schon immer fremd war. Ich bin jemand, der gern schaut, was als Nächstes kommt. Das ist eine der großen Herausforderungen der Freiberuflichkeit, dass man oft nicht weiß, ob und wann und was man arbeitet. Das wäre vielleicht ein Wunsch, dass ich in zwei, drei Jahren sagen kann: Nächstes Jahr mache ich diese zwei, drei Filme und darauf kann ich mich in Ruhe vorbereiten. Aber so weit ist es noch nicht.

Eine feste Rolle haben Sie aber schon …

Das stimmt. Seit 2017 spiele ich Kommissar Frank Weller in den Ostfriesland-Krimis. Aber bis es damit weitergeht, ist in meinem Kalender alles weiß. Das ist natürlich auch toll, aber man muss das eben aushalten können.