Vermutlich wird es sie bis an ihr Lebensende verfolgen: Als Carmen Thomas 1973 die Moderation des „Aktuellen Sportstudios“ im ZDF übernahm und somit als erste Frau im deutschen Fernsehen die bis dahin ausschließlich von Männern dominierte Sportdomäne eroberte, war das eine Sensation; aber in Erinnerung bleibt vor allem ihr Versprecher „Schalke 05“ (statt Schalke 04), der alle Vorurteile gegenüber Frauen im Fußballjournalismus zu bestätigen schien. Bis heute bewundernswert ist ihr Mut, die Praktiken des Boulevardblatts „Bild“ zu enthüllen: Zum Auftakt ihrer ersten „Sportstudio“-Moderation hielt sie eine druckfrische Ausgabe der „Bild am Sonntag“ mit einem Verriss der soeben begonnenen Sendung in die Kamera.

Morgen wird die gebürtige Düsseldorferin siebzig, fühlt sich aber noch viel zu fit, um an den Ruhestand zu denken. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit gilt schon seit vielen Jahren der Ausbildung von Moderatoren; zu diesem Zweck hat sie 2001 im Bergischen Land die 1. Moderations-Akademie für Medien + Wirtschaft gegründet. Dort kann sie aus einem Erfahrungsschatz schöpfen, über den nur wenige andere verfügen, immerhin hat sie vor gut vierzig Jahren für den Kölner WDR mit „Hallo Ü-Wagen“ die erste Mitmachsendung im deutschen Radio erfunden. Um ihre Verdienste wirklich würdigen zu können, muss man sich gedanklich kurz ins Jahr 1974 zurückversetzen, als die Komplettversorgung der Bevölkerung mit Computern, Tablets oder Smartphones buchstäblich noch Science-Fiction war. Während es heute selbstverständlich ist, dass sich die Menschen am Radioprogramm beteiligen, war der Radio­hörer vor vierzig Jahren ausschließlich Empfänger.

Carmen Thomas hat das geändert: Als erste deutsche Moderatorin überhaupt ließ sie die Menschen in ihrer Sendung mitreden. Radio, erinnert sie sich, sei vor allem „vorgelesene Zeitung“ gewesen. Bei den Sendern habe eine deutliche Abwehr gegen den direkten Kontakt zu den Hörern geherrscht. Aber Thomas setzte ihre Vision durch und befasste sich „mit Alltagsthemen, die vielen Menschen auf den Nägeln brannten, aber auf keiner Pressekonferenz vorkamen“. Der Hörfunk spielte damals eine deutlich größere Rolle im Leben der Menschen als das Fernsehen. Das Publikum, erinnert sie sich, sei „noch total ehrfürchtig“ gewesen: „Die meisten sahen bei uns zum ersten Mal mit eigenen Augen, wie Radio gemacht wird. Manche zogen ihre beste Kleidung an und gingen vorher zum Friseur, wenn sie zu ‚Hallo Ü-Wagen’ kamen.“

Hörfunkmoderatoren genossen ohnehin große Popularität, aber Carmen Thomas war ja auch TV-Journalistin. Vor dem „Sportstudio“ hatte sie das „Tagesmagazin“ moderiert, einen Vorläufer der „Tagesthemen“. Andere hätten die Rückkehr zum Radio als Rückschritt betrachtet, aber für die Rheinländerin entpuppte er sich als Fortschritt, und zwar für sie wie auch für den Journalismus: Thomas sah ihre Hauptaufgabe darin, als Dolmetscherin zu fungieren, weshalb sie ihre studierten Gäste immer wieder bat, den jeweiligen Sachverhalt so zu erklären, dass auch Laien ihn verstehen. Im Rückblick räumt sie allerdings ein, dass sie selbst erst das Zuhören lernen musste; ein Manko, das sie vielen heutigen Moderatorinnen und Moderatoren ankreidet, die ihrer Meinung nach abfragen, was sie hören wollen, anstatt auf Zwischentöne in den Antworten zu achten.

Kein Journalist gebe gern zu, sich bei bestimmten Aspekten eines komplexen Themas nicht auszukennen, aber genau darin liege womöglich die Kunst. Deshalb ermuntert sie junge Menschen in ihrer Akademie dazu, individuell zu bleiben, denn „nur unverwechselbare Köpfe können ein Profil prägen“. ARD und ZDF wirft sie vor, sie hätten viel zu spät erkannt, wie wichtig es sei, „sich mit möglichst vielen markanten Köpfen, die aus dem Rasen herausragen, von der Konkurrenz abzuheben, anstatt alle aufs gleiche Niveau zurechtzustutzen“. Carmen Thomas ist diesem Motto und sich selbst stets treu geblieben und beweist nach wie vor regelmäßig auf Veranstaltungen, dass sie ihr Metier immer noch beherrscht. Ihr Ü-Wagen steht mittlerweile im Bonner Haus der Geschichte.

 

Sportjournalistinnen

Jahrzehntelang war Sportjournalismus Männersache. Entsprechend unsachlich waren 1973 die Kommentare der ersten Auftritte von Carmen Thomas im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF. Im „Ersten“ blieb die „Sportschau“ sogar bis 1999 eine reine Männerdomäne; dann zeigte Anne Will, dass sie den Job mindestens genauso gut beherrschte wie ihre männlichen Kollegen. Während im ZDF zum Beispiel Anna Kraft die „Sportreportage“ am Sonntag präsentiert, sind Moderatorinnen reiner Fußballsendungen wie Katrin Müller-Hohenstein („Das aktuelle sportstudio“) oder Jessica Kastrop (Sky) nach wie vor die Ausnahme. Beide werden in den sozialen Netzwerken regelmäßig mit Häme überschüttet. Auch auf den Kommentatorenplätzen sitzen fast nur Männer. Zu den wenigen Ausnahmen gehört Claudia Neumann im ZDF, aber Live-Spiele darf sie meist nur im Frauenfußball kommentieren. (tpg)