Annett, nach welchen Kriterien haben Sie die Lieder für Ihr Cover-Album „Berlin, Kapstadt, Prag“ ausgesucht?

Ich habe Songs genommen, die ich mag und die mir etwas bedeuten. Das Auswählen hat echt Spaß gemacht, und dass jetzt so eine wilde Mischung dabei herausgekommen ist, finde ich toll. „Engel“ von Rammstein, „Das Model“ von Kraftwerk, „Durch den Monsun“ von Tokio Hotel oder auch „Merci Chérie“ von Udo Jürgens.

Ist es Zufall, dass die Songs im Original alle von Männern gesungen werden?

Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Geplant hatte ich das nicht. Ich müsste mal einen Psychologen fragen (lacht). Wichtig war mir, dass die Songs in meinen Versionen ganz anders klingen als im Original, vielleicht hat es mich deshalb unbewusst zu männlichen Stimmen hingezogen.

„OMG!“ von Marteria setzt sich ironisch bis kritisch mit Popkultur und mit Religionen auseinander. Ein ungewohnt brisanter Text für Annett Louisan, oder?

Total. Ich finde den Song extrem zeitgemäß. Jeder hat gerade ständig das Gefühl, dass irgendwas Schlimmes passiert, das Lebensgefühl momentan zwischen Anschlägen, Flüchtlingsdramen und Rechtspopulisten ist ja wirklich brisant. Mich ängstigt das auch. Umso wichtiger finde ich es, das Auseinanderdriften der Gesellschaft sowie die ganzen Vorurteile zu bekämpfen. Gerade solche Lieder sind für mich auch eine Chance.

Eine Chance wofür?

Mein Augenmerk nicht mehr nur auf die typischen zwischenmenschlichen Beziehungsgeschichten zu legen, wie es für mich ganz typisch ist.

Dabei stehen Sie doch quasi mit deinem Gesamtwerk für „Amore“. Singen Sie doch auch in Ihrer Fassung von „Bologna“ von Wanda.

(kichert): „Wenn jemand fragt wofür du stehst, sag für Amore!“ Das ist wahr. Eine großartige, wunderschöne Liedzeile. Besser kann man es gar nicht ausdrücken. Diesen Satz würde ich hundertprozentig unterschreiben.

Aber?

Für mich als Künstlerin ist es an der Zeit, ein paar Schritte nach links und rechts zu machen. Ich bin seit 13 Jahren dabei und immer sehr homogen vorgegangen. Auf sechs Studioalben bin ich im klassischen Chanson geblieben, habe weder Ausflüge in die elektronische Musik gemacht noch meine Stimme, die immer mein Markenzeichen war, an die Grenze geführt. Mir war es immer wichtig, als Sängerin wesenseigen und signifikant zu klingen. Ich wollte den Wiedererkennungswert. Das ändert sich jetzt gerade. Ich habe Lust auf Experimente.

Durch Ihre Teilnahme an der aktuellen Staffel von „Sing meinen Song“?

Ja. Auf der einen Seite ist es etwas Schönes, einen wirklich unverkennbaren Stil über die Jahre immer mehr auszufeilen, auf der anderen Seite wird man ein bisschen zum Fachidioten. Dadurch, wie die anderen bei „Sing meinen Song“ meine Lieder interpretiert haben und wie ich wiederum die Songs der anderen umsetzte, konnte ich mich selbst ein bisschen neu kennenlernen.

Hatten Sie die Idee für „Berlin, Kapstadt, Prag“ erst im März in Südafrika bei der Aufzeichnung?

Die Idee kam, als ich mich in Berlin auf „Sing meinen Song“ vorbereite. Aufgenommen haben wir es aber erst danach, die Aufnahmen gingen dann ziemlich schnell und liefen sehr spontan. Zehn Tage war ich in Prag, jeden Tag haben wir ein Lied aufgenommen und uns die ganze Zeit vom Bauchgefühl leiten lassen. Wir hatten sehr viel Spaß, keinen Druck, haben nicht nach Perfektion gesucht, uns keine Gedanken über Singles gemacht. So ist eine Platte entstanden, die nicht so viel will, aber in der viel von mir persönlich steckt.

Fragen: Steffen Rüth

Zur Person

Annet Louisan, 39, ist seit ihrem Hit „Das Spiel“ und dem ersten Album „Bohème“ (beides 2004) ein Felschen in der Brandung der deutschsprachigen Musiklandschaft. Nach sechs erfolgreichen Alben und dem aktuellen Abstecher zu „Sing meinen Song“ gönnt sich die Wahlhamburgerin nun ein Coveralbum. „Berlin, Kapstadt, Prag“ erscheint am 13. Mai.

.Hier können Sie in das neue Album von Annett Louisan reinhören:www.suedkurier.de/plus