Herr Brönner, Ihre am 27. Oktober auf Facebook veröffentlichte Wutrede über die Situation der Kulturbranche in der Corona-Pandemie hat ein großes Echo hervorgerufen. Hat Sie das enorme Interesse überrascht?

Ja. Ich bin zwar in den sozialen Medien unterwegs, aber diese große Aufmerksamkeit ist bisher beispiellos. Mein Smartphone hat sich in den vergangenen Tagen in einen Ventilator verwandelt. Das ist für mich der Beweis, dass es da draußen wirklich brennt.

Zum Zeitpunkt Ihrer Rede, in der Sie von einem Berufsverbot für Ihre Branche seit Februar sprechen, war der November-Lockdown noch nicht beschlossen...

Der Lockdown war wegen der hohen Infektionszahlen abzusehen. Für die Kulturschaffenden ist er besonders hart, weil es in den Monaten zuvor wegen der strikten Hygienekonzepte keinen einzigen nachweisbaren Corona-Ausbruch bei einer kulturellen Veranstaltung gegeben hatte. Und weil die gesamte Szene seit Ende Februar fast ohne finanzielle Unterstützung dasteht. Nun werden den Künstlern Häppchen hingeworfen mit der Ankündigung, im November einen finanziellen Ausgleich zu gewähren. Was aber schon in der Zwischenzeit an Kahlschlag passiert ist, bleibt unerwähnt.

Die Bundesregierung argumentiert, man müsse die Anlässe, bei denen Menschen zusammenkommen, verhindern, weil sonst die Infektionszahlen nicht mehr nachverfolgt werden können. Leuchten Ihnen diese Maßnahmen ein?

Ich bin kein Virologe, deshalb kann ich die Wirksamkeit der Maßnahmen nicht beurteilen. Ich vermute aber, dass es auch andere Gründe gab, warum das gesamte Kulturleben geschlossen wird. Man musste Einschränkungen beschließen – und hat sich mit der Kulturbranche den Bereich herausgegriffen, der traditionsgemäß am leisesten ist, weil es keine Gewerkschaften gibt, die sofort Alarm schlagen. Kultur wird seitens der Regierung der sogenannten Freizeitwirtschaft zugerechnet. Eine verräterische Begrifflichkeit.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Mir persönlich geht es gut. Ich spreche für die vielen Kolleginnen und Kollegen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Wenn die Politik eine ganze Berufsgruppe dazu zwingt, auf ihre Arbeit zum Schutz der Allgemeinheit zu verzichten, dann erwarte ich einen angemessenen finanziellen Ausgleich dafür. Man lässt diesen riesigen Wirtschaftszweig doch ordentlich Steuern zahlen.

Sie kritisieren, die Kulturszene sei zu leise. Das Bündnis der Veranstaltungsbranche „AlarmstufeRot“ brachte bei der jüngsten Aktion #Sangundklanglos deutschlandweit Musikerinnen und Musiker schweigend auf die Bühne. Ist dieser leise Protest für Sie laut genug?

Der Protest ist eine weitere Ausdrucksform dessen, was aller Orten zu beklagen ist. Bei dieser gelungenen künstlerischen Aktion geht es um die Frage, wie man mit Musik, die man überall wie Wasser aus dem Wasserhahn genießen kann, in Zukunft umgeht. Musiker haben das Problem, dass ihre Kunst als etwas stets Zugängliches empfunden wird. Wenn Lokführer streiken, dann können sie ein ganzes Land lahmlegen. Wenn Musiker keine Musik mehr machen, dann läuft das Leben vermeintlich normal weiter.

Der Live-Bereich ist für Musiker in den letzten Jahren noch viel wichtiger geworden, weil sie mit CD-Verkäufen, Downloads und Streamingdiensten fast kein Geld mehr verdienen können.

Sie sagen es. Live-Konzerte sind für viele Musiker die einzige nennenswerte Einnahmequelle. Und wenn diese, staatlich verordnet, nicht mehr stattfinden können, dann geht es für viele wirklich um die Existenz.

Neu erschienen: „Till Brönner and Bob James: On Vacation“, Sony. 15,56 Euro.
Neu erschienen: „Till Brönner and Bob James: On Vacation“, Sony. 15,56 Euro. | Bild: Gregor Hohenberg / Sony Music

Die Gelder, die jetzt der Staat ausschüttet, müssen nach der Pandemie wieder erwirtschaftet und eingespart werden. Das wird im Kulturbereich, der im Haushalt der Städte als freiwillige Leistung aufgeführt ist, zu einem Verteilungskampf führen. Wie sehen Sie die langfristige Entwicklung der Kulturbranche?

Mit dem Begriff „freiwillige Leistung“ habe ich genauso meine Schwierigkeiten wie mit der Einordnung „systemrelevant“. Es ist erstaunlich, dass eine Kulturnation wie Deutschland unseren Bereich offensichtlich als systemirrelevant empfindet. Wenn man die Kultur-Branche finanziell unterstützt, dann ist das eine Investition in die Zukunft. Das Bedürfnis nach Live-Musik, nach kulturellen Erlebnissen wird nach der Pandemie sicherlich hoch sein. Viel Geld wird in Form von Steuern an den Staat zurückfließen. Vorausgesetzt es gibt sie dann noch – die freie Kultur- und Veranstaltungsbranche.

Herbert Grönemeyer hat gefordert, dass sich die Gesellschaft auch selbst um ihre Künstler kümmern müsste – die Wohlhabenden sollten finanzielle Unterstützung leisten. Fordern auch Sie mehr privates Engagement?

In Deutschland ist das private Engagement im Vergleich zu anderen Ländern wie den USA eher gering. Das liegt aber auch daran, dass dort nicht annähernd so viele öffentliche Gelder für Kultur vorhanden sind wie bei uns. Man könnte aber sicherlich in Deutschland durch steuerliche Erleichterungen Anreize geben, Kultur zu fördern und so einen wichtigen Dienst an der Gesellschaft leisten.

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Ihr neues Album „On Vacation“ wurde im September 2019 in Südfrankreich aufgenommen und klingt sehr entspannt. Auf dem Foto im Booklet sitzen Sie im Liegestuhl am Pool. Klingt das Album für Sie heute wie aus einer völlig anderen Zeit?

Wir haben uns vor der Veröffentlichung schon überlegt, ob wir mit dieser Message im Augenblick vielleicht ein wenig zynisch wirken. Aber wir sind ganz bewusst bei diesem Titel geblieben, weil Urlaub und Urlaub für die Seele im Augenblick immer unwahrscheinlicher werden. Täglich sind wir mit so vielen Horrormeldungen konfrontiert. Da kann so ein Album wohltuend sein.

Fragen: Georg Rudiger

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