Es soll Menschen, Singener, gegeben haben, die in Tränen ausbrachen, als sie die in der Nacht vom 17. November zerstörte Scheffelhalle sahen. Die 1925 als provisorischer Bau für ein Sängerfest errichtete Halle ist nicht Notre-Dame de Paris – auch die Kathedrale wurde Opfer eines Brandes, Menschen weinten. Aber für diese Menschen, Singener, war das Gebäude ein Wahrzeichen. Dass eine Initiative nur wenige Stunden nach dem Unglück eine Petition zum Wiederaufbau der Halle gestartet hat, ist als (nachgetragene) Liebeserklärung zu verstehen, wie die Blumen und Kerzen, die an der Ruine abgelegt worden sind.

Walser protestierte gegen den Vietnam-Krieg

Wer in diesen Stunden über die Scheffelhalle spricht, wird privat. Erinnerungen werden wach. Ich bin in Singen aufgewachsen. Ein Zugereister. Als Kind bin auf dem Weg ins geliebte Aachbad an dieser Halle vorbei. Als Gymnasiast habe ich erste Veranstaltungen in der Scheffelhalle besucht.

Ich erinnere eine Lesung mit Martin Walser Ende der 1960er-Jahre, er hielt eine engagierte Rede gegen den Vietnam-Krieg. Walser, der damals als Linker Schriftsteller galt, war der Einladung eines gewissen Günther Heiss gefolgt, der in der Hohentwielstadt ein „Friedenszentrum“ gegründet hatte – in der Scheffelstraße. Später betrieb er das „Kunsthäusle“. Der Mann war ein Unangepasster, gelegentlich ein Abenteurer, aber solche Leute braucht die Gesellschaft heute mehr denn je.

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Die Fastnacht in der Scheffelhalle war Pflicht und Kür. Die legendären Bälle, bei denen die „Raddows“, das „Hardy Bergen-Quartett“ oder die „Ghostriders“ auftraten mit dem smarten Michael Schwendeman. Allesamt Softrocker, mehr Beatles als Rolling Stones. Micha kanns nicht lassen. Von Zürich aus organisiert er, der als Manager reüssierte, seine Konzerte. Und immer mal wieder gastieren die „Ghostriders in Singen – jetzt nicht mehr in der Scheffelhalle.

Wer war Scheffel?

Ein Wort zu Joseph Viktor von Scheffel. Der Namensgeber der Halle war kein Schulstoff. Fast jeder kannte den 1854 erschienen Mittelalteroman „Ekkehard“, der auf dem Hohentwiel spielt, aber kaum einer hatte den Schinken gelesen. Und ja, nur wenige wussten, dass er damals gerne im Gasthaus Krone weilte und in der Gaststätte am Hohentwiel den Roman verfasste, den ein Thurgauer Verlag im Jahr 2000 mit Illustrationen von Johannes Grützke neu auflegte.

Aber auch die Kulturverwaltung der Stadt Singen sorgte für Nachhilfeunterricht und installierte vor etlichen Jahren den aus zehn Tafeln bestehenden Scheffelpfad. Die Tafel an der Scheffelhalle ist jetzt nachhaltig beschädigt.

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Als Mitarbeiter und später Redakteur dieser Zeitung hatte ich oft Gelegenheit Konzerte in der Scheffelhalle zu besuchen. Nach einem Abend mit den britischen Hardrockern von „Uriah Heep“ blieben meine Ohren drei Tage lang taub; darauf folgte der Tinitus, den ich nicht mehr losgeworden bin. In den 1980ern spielte die DDR-Band „Puhdys“ in Singen („Geh zu ihr“).

Ich wollte Backstage mit dem Sprecher der Band, Peter „Eingehängt“ Meyer, ein Interview machen. Das ging in die Hose, weil der Keyborder, der schon damals kaum Haare auf dem Kopf hatte, bei jeder Frage zuerst den strengen Tour-Manager anschaute, ob er auch antworten dürfe. Those were the days.

Weine nicht, mein Singen!

Wer in der Scheffelhalle Halt machte – wegen eines Konzerts, Vortrags, Boxkampfs, Theaterstücks, einer Messe oder der Fasnacht – machte sich kaum einen Gedanken über die Architektur, mäkelte eher über die fehlende zeitgemäße Infrastruktur.

Dass das Provisorium auf der Aachinsel ein Methusalem-Alter erreicht hat und zu recht unter Denkmalschutz gestellt wurde – vielleicht auch um der Abrissbirne zu entgehen –, als „ausgeprägter Vertreter der expressionistischen Architektur“ galt, gehört auch zu der noch ungeschriebenen Erzählung über das Wahrzeichen der Stadt am Fuße des Hohentwiel. Weine nicht, mein Singen.

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