Herr Ceviz, warum wollten Sie einen Film über einen Pädophilen drehen?

Immer wieder habe ich über Fälle von Pädophilie in der Zeitung gelesen – und der Tenor war dabei stets der gleiche. Da ging es dann um den Kinderschänder, um das Monster, das wieder zugeschlagen hat. Ich habe mich gefragt: Weshalb tun diese Menschen das? Was steckt dahinter? Da waren ja auch prominente Fälle dabei, wie Sascha Lewandowski, der damalige Trainer von Bayer Leverkusen oder „Glee“-Star Mark Salling. Ich wollte verstehen, was dahinter steckt, weshalb diese Männer so etwas Schreckliches tun. Also fing ich an zu recherchieren. Schnell war klar, dass Pädophilie erstens eine Neigung ist, für die man nichts kann. Und zweitens: Es gibt gar nicht so wenige Betroffene – und die quält das sehr.

Für einen Film wie „Kopfplatzen“ das nötige Geld aufzutreiben, ist sicherlich kein Kinderspiel, oder?

Das war tatsächlich sehr schwer, denn mit diesem Thema rennt man keine offenen Türen ein. Wenn man bedenkt, dass ich die Idee zu „Kopfplatzen“ bereits 2006 hatte, sieht man, wie lange es dauern kann. Zum Skript wurde häufig gesagt: „Wirklich tolles Drehbuch, aber das können wir nicht machen.“ Dabei gibt es in der Branche seit vielen Jahren kaum eine öffentliche Rede, in der nicht zu „mehr mutigen Stoffen“ aufgerufen wird. Aber es war sehr, sehr schwer, jemanden zu finden, der mitmachen, finanzieren, einsteigen wollte, obwohl doch alle davon sprachen.

Wie gelang Ihnen die Umsetzung trotzdem?

Susan Schulte, die frühere Leiterin der Drehbuchförderung bei der Behörde von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, war angetan und fand, das sei mutig und endlich einmal etwas anderes. Sie hat mich dann mit Produzenten zusammengebracht, die es sich trauten, diesen Stoff mit mir umsetzen zu wollen. Aber auch gemeinsam blieben uns viele Türen verschlossen. Als allerdings die Affäre um den SPD-Politiker Edathy 2014 für Schlagzeilen sorgte (der sein Bundestagsmandat niederlegte, als gegen ihn wegen des Verdachts auf Besitz kinderpornografischen Materials ermittelt wurde, Anm. d. Redaktion), stieg doch noch der SWR mit ein. Trotzdem haben später auch noch einige Förderungen abgesagt, sodass wir insgesamt sehr wenig Geld zur Verfügung hatten.

Savas Ceviz, 55, war Producer und Redakteur bei RTL, ehe er 1998 beim Studio Babelsberg für Internationale Koproduktionen tätig war. „Kopfplatzen“ ist sein erster Spielfilm.
Savas Ceviz, 55, war Producer und Redakteur bei RTL, ehe er 1998 beim Studio Babelsberg für Internationale Koproduktionen tätig war. „Kopfplatzen“ ist sein erster Spielfilm. | Bild: Wenn

Wie sah Ihre Recherche aus?

Mir ging es von Anfang an darum, zu wissen, wie man mit dieser Neigung lebt. Wie sieht der Alltag eines solchen Menschen aus? Eine der Anlaufstellen war die Charité, wo damals das bis heute einzigartige Projekt begonnen wurde, Pädophilen therapeutisch zu helfen. Das ist ein sehr moderner, zivilisierter Ansatz, denn je mehr man über diese Neigung weiß, desto besser kann man ja auch mögliche Opfer schützen und potenzielle Täter von möglichen Taten abbringen. Bis dahin gab es praktisch null Anlaufstellen für solche Männer – und es sind ja fast ausschließlich Männer.

Das zeigen Sie in Ihrem Film auch...

Ja, Sie meinen diese Szene in „Kopfplatzen“, in der sich unser Protagonist seinem Hausarzt offenbart, der damit natürlich überfordert ist. In jedem Fall ist es natürlich wichtig, auch noch einmal zu betonen, dass wir keinen Dokumentarfilm gedreht haben, auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine fiktionale Geschichte. Hier geht es um einen einzelnen Pädophilen, und dessen, wenn auch sehr realitätsnahe, Geschichte trifft sicherlich nicht auf alle zu. Was kann es für jemanden bedeuten, solch eine Neigung zu haben? Das wollte ich zeigen.

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Warum ist es wichtig, sich mit dem Thema Pädophilie zu beschäftigen?

Nur zur Klarstellung: Es geht nicht darum, strafbare Taten eines Pädophilen zu entschuldigen, zu rechtfertigen oder sonst wie gutzuheißen. Jenseits des platten, pauschalisierenden „Schlagzeilen“–Massenurteils gilt es aber, den Blick auf diese, alle Gesellschaften betreffende Problematik zu erweitern und zu vertiefen. Zu sagen, dass wir mit dem Thema nichts zu tun haben wollen, weil es so schrecklich ist, hilft ja nicht weiter. Schließlich reden wir allein in Deutschland von über 350 000 Pädophilen, die Dunkelziffer wird auf das Drei- bis Vierfache geschätzt. Männer aus allen sozialen Schichten. Vom Müllmann über den Fußballer bis zum Richter und Bäcker.

Wegen geschlossener Kinos ist „Kopfplatzen„ zurzeit nur digital zu sehen auf der Homepage des Filmferleihs:http://www.salzgeber.de