In einer gar nicht so fernen Zukunft werden wir unsere Wohnungen über eine Flatrate mieten. Eine global organisierte Genossenschaft stellt uns dann für einen Pauschalbetrag jederzeit an jedem Ort der Welt eine passende Unterkunft zur Verfügung.

Das wird auch notwendig sein, weil wir bald nicht mehr an Nationen gebunden sind mit Geburtsurkunde und Personalausweis. Vielmehr organisieren sich Menschen nach dem Cloud-Prinzip des Internets: Wer mit seiner aktuellen Regierung, Rechtsordnung oder auch nur dem Wetter unzufrieden ist, geht einfach woanders hin. Gearbeitet, geliebt und gelebt wird deshalb mal hier, mal dort. Niemand wird uns aufhalten, niemand nach einem Pass fragen – weil wir im postnationalen und postlokalen Zeitalter leben.

Vision einer neuen Welt

Wer kommt denn auf so eine Idee? Die Antwort lautet: Christopher Kulendran Thomas. Der britische Künstler hat aus dem gescheiterten Staat seiner Eltern die Inspiration für ein Langzeitprojekt bezogen. 2009 wurde Tamil Eelam aufgelöst, ein marxistisch orientierter Separatisten-Staat im Nordosten von Sri Lanka. Bei Thomas feiert er in globalem Maßstab seine Wiederauferstehung. „New Eelam“ ist die Vision einer Welt, in der bereits heute sichtbare Auflösungstendenzen herkömmlicher Lebensmodelle abgeschlossen sind.

Ausstellung in Friedrichshafen

Näheres über diese Welt ist aktuell im Friedrichshafener Zeppelin-Museum zu erfahren. Dort nämlich reiht man sich mit einem eigenen Projekt in den anstehenden Ausstellungs-Reigen zum Thema „100 Jahre Bauhaus“ ein – Walter Gropius hatte die Kunstschule 1919 gegründet. Doch im Unterschied zu den allermeisten anderen Häusern interessiert den Friedrichshafener Kurator Dominik Busch nicht so sehr, was das Bauhaus war. Sondern vielmehr, was es heute wäre. Die Visionäre von damals – wie würden sie heute planen?

Geht es nach Erika Hock, so wäre ihre Ästhetik immer noch modern. Für die Friedrichshafener Schau hat die Künstlerin das legendäre Café „Samt und Seide“ von Mies van der Rohe und Lilly Reich nachempfunden. Filigrane Fadenvorhänge bilden im Saal geschlossene Separees, bieten Rückzugsmöglichkeiten im offenen Raum.

Die filigranen Fadenvorhänge von Erika Hock bieten Rückzugsmöglichkeiten im offenen Raum.
Die filigranen Fadenvorhänge von Erika Hock bieten Rückzugsmöglichkeiten im offenen Raum. | Bild: Markus Tretter

Anders als in den 20er-Jahren bieten heute spezielle Druckverfahren Farbverläufe, die das beständig Oszillierende unseres von digitalen Medien geprägten Alltags aufnehmen. Tatsächlich leben wir in einer Zeit der ständigen sozialen Interaktion und öffentlichen Transparenz. Schon heute sind Vorhänge wie diese in manchen Großraumbüros zu finden: Was innen ist und was außen, lässt sich oft nicht mehr sagen.

Utopien wie jene von Christopher Kulendran Thomas und Ästhetiken wie die von Erika Hock stehen für eine Zukunft des ständigen Kommens und Gehens, offen, fluktuierend, transparent. Es gibt gute Gründe, dieses Weltbild in Zweifel zu ziehen: Allerorten wird gegenwärtig eine Sehnsucht nach lokaler Verortung und Verlässlichkeit spürbar. Die Menschen sehnen sich nach einer kulturellen Identität, die sie von anderen abgrenzt, der Heimatbegriff erfährt unvermutet eine Renaissance.

Und die Frauen?

Auf einer anderen Ebene könnte Erika Hocks Modell schon eher zukunftsträchtig sein: Mit ihrem Verweis auf Lilly Reich thematisiert sie die Zurücksetzung von Frauen in der Bauhaus-Bewegung. Ihre Namen fanden oft keine öffentliche Erwähnung, Studentinnen fanden eigene Arbeiten unter dem Namen ihres Professors wieder. An der Gleichberechtigung dürfte ein angemessener Umgang künftig nicht mehr scheitern, vielleicht aber an der digitalen Realität. Denn das Urheberrecht steht längst insgesamt unter Druck, für Männer wie Frauen gleichermaßen.

Die schnöde Gegenwart

Was an spekulativen Überlegungen wie jener nach dem Bauhaus von heute problematisch ist: Statt spannender Zukunftsvisionen zeigen sie letztlich bloß die schnöde Gegenwart. So wurde die Idee einer globalen Wohnungsvermittlung im Internetportal Airbnb bereits in der denkbar unerfreulichsten Variante verwirklicht – mit touristisch überlaufenen Innenstädten, steigenden Mieten und dem Rückgang sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung im Hotelgewerbe. Ob bei einem so lohnenden Geschäft wie dem Immobilienmarkt ein Genossenschaftsmodell realistisch ist? Zweifel sind angebracht.

Und so erscheint in der Ausstellung noch jener Beitrag am überzeugendsten, der die brandaktuellen Fragen um Genforschung, künstliche Intelligenz und Digitalisierung 4.0 kritisch reflektiert. Das Künstlerkollektiv Pakui Hardware erschafft dafür skurrile Mischwesen aus Maschine, Pflanze und Tier. An Kabeln und Metallrohren wachsen große Blätter, wie man sie von tropischen Bäumen kennt. Aus deren Maserung wiederum rankt sich eine glitschig weißliche Masse empor. Werden hier Bakterien gezüchtet? Oder Superpflanzen designt?

Maschine? Pflanze? Tier? Das Künstlerkollektiv Pakui Hardware erschafft skurrile Mischwesen wie dieses.
Maschine? Pflanze? Tier? Das Künstlerkollektiv Pakui Hardware erschafft skurrile Mischwesen wie dieses. | Bild: Markus Tretter

Das Kollektiv überlässt die Antwort dem Betrachter. Und der ahnt, dass unsere immer weiter voranschreitende Optimierung menschlichen Lebens schon heute an einen kritischen Punkt gelangt: wenn das Design zum Selbstzweck wird und Sinnfragen gar nicht mehr gestellt werden.

Die Ausstellung „Idealstandard – Spekulationen über ein Bauhaus heute“ ist bis zum 28. April 2019 im Zeppelin-Museum Friedrichshafen zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier.