Großes Theater in Konstanz: Das ist nichts Ungewöhnliches. Schon gar nicht auf der Bühne des Hauses an der Konzilstraße, wo bisweilen Inszenierungen geboten werden, die den Vergleich mit großen Häusern in Zürich oder Stuttgart nicht zu scheuen brauchen. Aber auch nicht abseits der Bühne, wenn es wieder mal zwischen dem streitbaren Intendanten Christoph Nix und dem Gemeinderat kracht.

In diesen Tagen jedoch ist eine ganz neue Form des großen Theaters zu erleben: Es geht um nicht weniger als seine künftige Leitung. Wer wird Nachfolger des nach der Spielzeit 2019/20 scheidenden Christoph Nix? Nach Informationen des SÜDKURIER sollen sich Frank Behnke, Intendant des Theaters Münster, und Karin Becker, künstlerische Betriebsdirektorin am Thalia Theater Hamburg, Chancen ausrechnen können. Beiden eilt ein sehr guter Ruf voraus, wobei Becker bislang vor allem auf Organisation und Verwaltung spezialisiert war.

Strengste Geheimhaltung

Eine offizielle Bestätigung dafür steht aus, weil anders als beim letzten Findungsverfahren vor fast 13 Jahren strengste Geheimhaltung angeordnet ist. Für entsprechende Verärgerung hatte gesorgt, dass der SÜDKURIER bereits im Vorfeld einen höchst umstrittenen Namen öffentlich machte. Ein in der Theater-Szene sehr kritisch beurteilter Kandidat war in die nächste Runde gekommen. Die Aufregung hat sich zwar inzwischen gelegt, der Bewerber ist aus dem Verfahren ausgeschieden, ebenso wie ein Quartett aus der aktuellen Führungsmannschaft um Christoph Nix. In der Stadt bleibt jedoch die Sorge, weitere Kandidaten könnten sich von Indiskretionen brüskiert fühlen.

Namen über Namen

Dabei gehört das Handeln von Namen zu jeder Intendanten-Findung. In Zürich hatte zuletzt Schauspielhaus-Chefin Barbara Frey alle Mühe, Medienberichten entgegenzutreten, wonach sie im kommenden Jahr ans Theater Basel wechselt. So viel ist gewiss: Ans Theater Konstanz wird die Intendantin aus der Schweiz ebenfalls nicht gehen. Wie in Basel, so waren auch am Bodensee zuletzt viele prominente Namen der Theater-Szene im Gespräch. Die Bandbreite reichte vom Intendanten des Staatstheaters Kassel, Thomas Bockelmann, über dessen Kollegin Katharina Kreuzhage vom Theater Paderborn bis zur Schauspieldirektorin des Theaters Bonn, Nicola Bramkamp. Sie alle sind wohl nicht oder nicht mehr dabei. Auch wenn Bramkamp auf SÜDKURIER-Anfrage erklärt, sie fühle sich „sehr geehrt“, dass ihr Name überhaupt kursierte.

Allein diese Aussage bestätigt, was die Vorsitzende der Theaterfreunde, Barbara Gerking-Dönhardt, über die Sorge um den guten Ruf der Kandidaten sagt: Wer zu den letzten drei Kandidaten zählt, darf dies als Auszeichnung verstehen. Das Theater Konstanz genießt in der Szene einen beachtlichen Ruf. Von der „zweiten Bundesliga“ des deutschen Theaters ist die Rede.

Christoph Nix verlässt das Konstanzer Stadttheater nach der Saison 2019/2020.
Christoph Nix verlässt das Konstanzer Stadttheater nach der Saison 2019/2020. | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

Grund dafür ist weniger seine lange Geschichte. Der mit Stolz getragene Titel „Am längsten bespielte Bühne Europas“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die künstlerische Relevanz der seit 1607 gezeigten Vorstellungen lange Zeit in Grenzen hielt. Auch der bauliche Zustand des Hauses kann nicht als Argument gelten: Die Bühne im historischen Gebäude ist klein, die technischen Möglichkeiten sind überschaubar.

Die Gegebenheiten sind nie einfach gewesen. Dafür aber ist die Gesellschaft seit den 1980er-Jahren willens, mutiges, politisches Theater zu fördern. Der langjährige Intendant Ulrich Khuon führt das unter anderem auf die Universitätsgründung zurück, die eine „deutliche Niveauverbesserung des öffentlichen Diskurses“ bewirkt habe. Außerdem lobt er die kulturpolitischen Meinungsführer aus SPD und CDU, Jürgen Leipold und Wolfgang Müller-Fehrenbach, die ein „völlig anderes Bewusstsein im Hinblick auf die Bedeutung der kulturellen Strahlkraft einer Gemeinde“ durchgesetzt hätten.

Startpunkt großer Karrieren

Woran auch immer es gelegen haben mag: Ab den 1980er-Jahren konnten in Konstanz gleich mehrere Intendanten große Karrieren starten. Der bekannteste von ihnen ist wohl Ulrich Khuon selbst. Vom Theaterkritiker brachte er es am Bodensee ab 1980 über den Posten des Chefdramaturgen bis zum Intendanten. 1993 wechselte er in gleicher Funktion ans Schauspielhaus Hannover, von dort ans Hamburger Thalia Theater und schließlich ans Deutsche Theater in Berlin. Heute ist er Präsident des Deutschen Bühnenvereins: Mehr geht nicht.

Khuons Nachfolger, Rainer Mennicken (1993 bis 2001), gelangte von Konstanz aus ans Oldenburgische Staatstheater und ans Landestheater Linz. Dagmar Schlingmann (2001 bis 2006) übernahm später das Staatstheater Saarbrücken und ist heute Generalintendantin des Staatstheaters Braunschweig. Das Theater Konstanz: Es gilt als Karrieresprungbrett, und Christoph Nix hat mit zahlreichen weit über die Region hinaus beachteten Produktionen diesen guten Ruf nur gefestigt.

Wer also ist es nun, der in seine Fußstapfen treten darf? Am 19. Juli wissen wir mehr.