Wann wird ein Mensch zu einem Fremden? Was macht das Fremdsein aus? Sind es Hautfarbe, Sprache, Kleidung – oder ist es eine Einstellung, die mit der herrschenden Meinung nicht konform geht? In William Shakespeares Eifersuchtstragödie „Othello“ hat ein General die undankbare Position des Außenseiters. Obwohl er Bedeutendes für die Republik Venedig geleistet, Kriege geführt, Schlachten geschlagen und den türkischen Feind besiegt hat.

Doch der Verdienst zählt nicht, wenn sich ausgerechnet dieser „fremde Parasit“ die umschwärmte „noble Senatorentochter“ Desdemona heimlich zur Frau nimmt, einer feindlichen Übernahme gleich. Wenn er nach eigenem Gutdünken militärische Ränge vergibt, den einen befördert, den anderen übergeht. Dann wird aus dem geachteten General Othello die misstrauisch beäugte „Bestie, fremde Sau“, der „Schmarotzer, Parasit, elende Dreckskerl“.

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Voller Zorn und Enttäuschung geäußerte abschätzige Bewertungen, die so gar nicht zu der makellos weißen, mit Goldtressen besetzten Uniform passen wollen. Der israelische Schauspieler Itay Tiran stellt diesen erfahrenen Truppenführer in Shakespeares Drama dar, das Frank Günther in eine komfortable Sprache übersetzt hat und dessen Inszenierung von Burkhard C. Kosminski nun in Stuttgart Premiere feierte.

Im Zusammenspiel von Bildern und Musik (Hans Platzgumer) nähert sich Kosminski den Themen des Stücks und lässt sie wechselweise aufflammen: Eifersucht, Enttäuschung, verletzter Stolz und Fremdheit, für die es keines Dunkelhäutigen bedarf, um innerhalb einer Gruppe unterschiedlich uniformierter Militärs (Kostüme: Ute Lindenberg) das Anderssein zu demonstrieren. Die Willkür einer von der Gesellschaft definierten Fremdheit, einer Ausgrenzung gegenüber einem, der aus einem anderen Land stammt, wird umso deutlicher.

Keine Ahnung von der Liebe

Tiran spielt Othello als einen, der nichts kennt außer dem Kampf. Der in einer überwältigenden, über die Haupt- und Vorbühne flackernden Audiovision mit Gegenwartsbezug (Bühne: Florian Etti, Video: Sebastian Pircher) zum Dirigenten einer kolossalen Kriegsmaschinerie wird. Vom Leben und gar von der Liebe versteht Othello nichts und ist umso leichter zu manipulieren.

Hierin liegt die Schwierigkeit der Rolle, die verlangt, zwischen Dienst und Privatleben klar zu unterscheiden. Entspannt, zuweilen salopp geht Tiran die Rolle des Generals an, dessen Rang er damit in Frage stellt. Die Fallhöhe zum Privatmann ist nicht so hoch, wie sie sein müsste. Das Spiel bleibt, obwohl beeindruckend, auf ähnlichem Niveau und zeigt kaum emotionalen Wandel.

Jago nutzt jede Schwäche aus

Umso schärfer umrissen tritt Matthias Leja als Othellos Fähnrich Jago auf. Im Gegensatz zu seinem Dienstherrn ist er ein Kenner menschlicher Antriebe und Schwächen, die er sich eiskalt zunutze macht. In feuchtfröhlicher Runde spinnt er seine manipulativen Fäden von Cassio, den Michael Stiller vom ergebenen Leutnant zum Mörder wandelt, zu Othellos untadeliger Geliebten.

Gegenspieler: Jago (Matthias Leja, links) und Othello (Itay Tiran).
Gegenspieler: Jago (Matthias Leja, links) und Othello (Itay Tiran). | Bild: David Baltzer / Schauspiel Stuttgart

Katharina Hauter formt aus dem Liebchen einen Charakter mit Tiefgang. Ihre Ergebenheit gegenüber dem Geliebten ist echt. Der aber deutet ihren Einsatz für Cassio in rasender Eifersucht falsch. Und erkennt: „Und wenn ich dich nicht liebe, so ist das Chaos wieder da.“ Der intrigante Jago hat leichtes Spiel mit seinen Fake News.

Eine völlig schuldfreie Desdemona wird von ihrem Mann getötet. Othello stirbt von eigener Hand in Jagos Armen, der sein mitleidsloses Fazit zieht: „Ich hass‘ den Fremden.“ Kosminski lässt sich Zeit für das Auflösen der Verwicklungen, die Othello am Ende sehend machen. Das ist selten in einer Welt, in der eine Sensation die nächste jagt, zwingt zu Geduld und Ruhe. Und das lohnt sich.

Weitere Aufführungen von "Othello" am Schauspiel Stuttgart gibt es am 10., 21. und 24. Mai 2019, am 13. und 14. Juni sowie am 1., 7. und 20. Juli jeweils um 19.30 Uhr. Hier finden Sie alle Informationen dazu.

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