Dieser Mann lässt uns einfach nicht in Ruhe. Mit seiner Selbstvergötterung hatte Richard Wagner es schon zu Lebzeiten seinen Mitmenschen nicht leicht gemacht. Später wurde er – ob zu Recht oder zu Unrecht – zur Speerspitze der Nationalsozialisten. Als der Krieg vorbei war, das Land sich allmählich mit den Schrecken des Holocausts auseinandersetzte, da lastete tonnenschwer das antisemitische Erbe des Komponisten auf den Bayreuther Festspielen. Und heute, nach Narzissmus, Nationalismus und Antisemitismus, kommt das nächste Thema auf den Tisch: Sexismus.

Ein überholtes Frauenbild?

Das in Wagner-Opern gezeigte Frauenbild, sagte kürzlich die Sopranistin Anja Harteros, sei „völlig überholt“ und „aus dem Blickwinkel einer modernen Frau schwer zu ertragen“. Überrollt die MeToo-Debatte etwa jetzt auch die Bayreuther Festspiele?

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Fest steht, dass Wagners Opernheldinnen kaum zu feministischen Vorbildern nach heutigem Verständnis taugen. Anja Harteros zum Beispiel spielt im Bayreuther „Lohengrin“ die junge Elsa und betet in dieser Rolle demütig für das Erscheinen ihres heldenmütigen Retters. Als der endlich auftaucht, darf sie nicht einmal nach dem Namen fragen, sondern nur noch – nach vollbrachter Tat – dankbar in seine Arme sinken.

Kaum besser sieht es in der Oper „Tannhäuser“ aus: Dort bittet Elisabeth selbstlos um ihren Tod, nur damit der sündhafte Geliebte bei Gott Vergebung findet. Und im „Ring des Nibelungen“ lässt sich die Walküre Brünnhilde aus Liebe zu Siegfried zum gewöhnlichen Menschen degradieren. Wagners Frauen: Wohin man auch blickt, zeigen sie sich stets opferbereit, Männer anhimmelnd.

Feministische Deutungen

Man muss schon ein Wagner-Versteher wie der Opernsänger René Kollo sein, um darin auf Anhieb feministische Züge zu finden. Wagner, so lässt sich seinem Buch „...dem Vogel, der heut sang...“ entnehmen, habe Frauen als Erlösergestalten gesehen. Der Gedanke wurzele in einem christlichen Weltbild: Der Retter der Welt kann als solcher erst wirken, wenn ihn eine Frau zuvor geboren hat. So gesehen ist die Jungfrau Maria die wahre Erlöserin. Und indem Wagner Frauen grundsätzlich als selbstlose Wesen skizziert, setzt er ihrem Erlöserstatus auch noch ein Denkmal. Richard Wagner: Für Kollo ist er „einer der größten Humanisten, der sich eingesetzt hat für die Rechte der Frauen.“ Nun ja.

Schlüssiger erscheint eine in jüngster Zeit vermehrt vorgebrachte Deutung: Auch wenn Wagners Frauen stets damit beschäftigt sind, irgendwelche Männer zu erlösen, so sind sie darin doch wenigstens deren wichtigste Verbündete. Allein dass in Opern wie „Der fliegende Holländer“ Männer auf Frauen überhaupt angewiesen sind, sei doch gemessen an der Theaterliteratur des 19. Jahrhunderts ein Fortschritt. Überhaupt sind es in Wagners Opern bemerkenswert oft Frauen, die eine Handlung entscheidend voranbringen.

Wirken an einem modernen Bild der Frau

Und noch eine Theorie ist geeignet, den vermeintlichen Frauenverächter als Vorkämpfer der Emanzipation dastehen zu lassen. Die Musikwissenschaftlerin Kordula Knaus verweist auf den gesellschaftlichen Status einer Opernsängerin im 19. Jahrhundert: Als im darstellenden Gewerbe tätige Frau war sie skandalumwittert und stand jenseits der bürgerlichen Norm. Schon allein, indem Wagner seinen Interpretinnen darstellerische wie auch stimmliche Extreme abverlangte, wirkte er an einem modernen Frauenbild mit.

Ist Wagner nun also einer der „größten Humanisten, der sich eingesetzt hat für die Rechte der Frauen“, wie René Kollo meint? Oder hat Sopranistin Anja Harteros recht, wenn sie von einem „schwer zu ertragenden“ Weltbild spricht? Eine endgültige Antwort darauf kann es nicht geben. Zum Glück: Denn ohne offene Fragen hätten Regisseure nichts mehr zu tun.