So schön war das Barockzeitalter: Im Theater Basel ist die Guckkasten-Bühne mit goldenem Stoff ausgeschlagen (Bühne: Katharina Schlipf), ein rosettenförmiges Fenster gibt den Blick frei auf ein Paar an einem zierlichen Tisch. Es vertreibt sich die Zeit beim Schachspiel. Gepuderte Perücken, gepuderte Gesichter, cremefarbener Reifrock (Kostüme: Ursula Kudrna). Eine barocke Idylle wie aus Porzellan. So anmutig, so perfekt – aber auch so fragil und unwirklich. Es sind Anne Trulove (Hailey Clark) und Tom Rakewell (Matthew Newlin), denen wir hier bei ihrer süßen Zerstreuung zuschauen. Sie besingen den Frühling und ihre Liebe. Ein Leben voller Sonnenschein.

Das bleibt natürlich nicht so. Sonst wäre Igor Strawinskys Oper „The Rake’s Progress“ schnell auserzählt. Draußen vor der goldenen Wand wartet schon Nick Shadow (Seth Carico), schwarz gekleidet, süffisanter Gesichtsausdruck. Mit dem Versprechen, eine üppige Erbschaft warte auf ihn, lockt Shadow den arbeitsscheuen Tom Rakewell vom Land nach London und damit ins Verderben. Sein Ziel: die Seele Toms. Denn, nomen est omen: Shadow, der Schatten, steht auf der dunklen, teuflischen Seite. Anne Trulove („wahre Liebe“) repräsentiert das Gute und Wahrhafte, das am Schluss aber keine Chance hat.

Ein verführbarer Lebemann

Dazwischen steht Rakewell, eine Art Faust, vielleicht weniger gelehrt, dafür genauso verführbar. Das englische Worte „rake“ bedeutet Lebemann oder Wüstling. Erst mal bringt Shadow ihn ins Bordell, dann rät er ihm zur Heirat mit der vollbärtigen Türken-Baba, einer Zirkusattraktion. Denn nur so könne er, Tom, seine emotionale Freiheit bewahren, findet Shadow. Glücklich wird Tom mit all dem natürlich nicht. Am Schluss verfällt er dem Wahnsinn, hält sich für Adonis und begrüßt seine verzweifelte Anne als Venus. Ein trauriges Ende, das Regisseurin Lydia Steier passenderweise in eine Psychiatrie steckt. Hier behandeln die Ärzte Tom noch mit Elektroschocks. Dann stirbt er. Von der porzellanartigen Idylle ist nichts übrig.

Dass Regisseurin Lydia Steier für „The Rake’s Progress“ (etwa: Die Karriere eines Wüstlings) auf Perücken, Reifröcke und andere barocke Versatzstücke zurückgreift, hat einen Grund: Strawinsky ist in seiner Musik genauso verfahren. Das Stück, das 1951 in Venedig uraufgeführt wurde, verwendet nach Art des Neoklassizismus die Stilmittel älterer Musik. „Sagen wir, ich bin auf irgendwelche Art ein Vogel, und das 18. Jahrhundert ist ein Nest, das mir gemütlich schien, um die Eier dorthin zu legen“, zititert das Programmheft den Komponisten. Und das trifft die Sache gut. Denn was Strawinsky in das gemachte Nest der alten Musik legt, sind durchaus seine eigenen Klänge. Mancher punktierte Rhythmus erinnert zwar sofort an Händel, mancher Bass, manches Seufzer-Motiv an eine Bach-Passion und manche Melodie an eine Mozart-Arie, doch niemals handelt es sich um pure Stilkopien. In dem neuen Kontext wirken sie verfremdet und distanziert.

Toms Schicksal berührt

Dass Strawinsky die Musik auch emotional auf Distanz zu halten scheint, mag ein Grund sein, warum „The Rake’s Progress“ an unseren Opernhäusern vergleichsweise wenig gespielt wird. Hier schafft die Basler Produktion Abhilfe. Lydia Steier spielt in ihrer Inszenierung nicht nur optisch virtuos mit Versatzstücken des Barock, die sie ähnlich wie Strawinsky immer wieder bricht, sie nimmt auch die tragische Seite der Geschichte ernst. Trotz Distanz und Ironie ist uns das Schicksal des verlorenen Tom Rakewell nicht egal. Und wenn er sich schließlich als Psychiatrie-Patient für Adonis hält, ist das nicht nur komisch, sondern einfach auch sehr traurig – was die Regisseurin nicht daran hindert, noch eine überraschende Pointe hinten dran zu hängen.

Das Erfreuliche an der Basler Produktion liegt darin, dass musikalische und szenische Interpretation Hand in Hand gehen. Mit der Estin Kristiina Poska steht eine der seltenen Dirigentinnen am Pult des Kammerorchesters Basel, und ähnlich wie Lydia Steier weigert sie sich, Strawinskys Musik als blutleeren Ausdruck einer Auseinandersetzung mit traditionellen Opern-Klischees zu verstehen. Anstatt distanziert klingt die Musik plötzlich vor allem authentisch, egal ob sie gerade kammermusikalisch transparent, dramatisch, komisch oder tragisch daher kommt. Tatsächlich steckt alles darin – und spätestens im Zusammenspiel mit der Regie wird deutlich, welch sehnsuchtsvolles Lied Rakewell auf die Liebe singt („Love, How Frequently Betrayed“) oder wie innig Anne und Tom trotz dessen Heirat mit Baba noch immer sind („Could It Then“). Auch das Wiegenlied, das Anne am Schluss ihrem „Adonis“ singt, gehört zu den berührenden Momenten.

Die Hauptdarsteller überzeugen

Matthew Newlin singt und spielt diesen Tom als einen, der als leichtlebiger Hallodri startet und als Gebrochener endet. Das ist großartig. Hailey Clark ist als wahrhaft liebende Anne keineswegs bloß das Naivchen, sondern kennt in ihrem nuancierten Gesang viele Facetten der Liebe. Seth Carico überzeugt als schwarzbassiger Nick Shadow mit einem unvergleichlichen Minenspiel. Hervorragend auch Eve-Maud Hubeaux als temperamentvolle Türken-Baba.

Die amerikanische Regisseurin Lydia Steier hatte vor zwei Jahren am Theater Basel mit einer klugen Inszenierung von Karlheinz Stockhausens „Donnerstag“ auf sich aufmerksam gemacht. Nun hat sie für „The Rake’s Progress“ ebenfalls einprägsame und zugleich feinfühlige Bilder gefunden. Man darf gespannt sein auf den Sommer – dann debütiert Steier bei den Salzburger Festspielen mit der „Zauberflöte“.

Weitere Vorstellungen von "The Rake's Progress" gibt es am 24., 27. und 30. Mai 2018 sowie am 8., 10., 14., 18., 22. und 24. Juni. Informationen und Karten bekommen Sie hier.

Eindrücke aus der Inszenierung: