Es ist alles falsch in dieser Ausstellung. Da ist das Baby, das wie ein mit Gas gefüllter Luftballon über eine Blumenwiese schwebt, da ist dieser alte Mann mit der mittelalterlich anmutenden Kopfbedeckung, der unentwegt dickflüssige Tränen weint, die sich ihm wie Gelatine um die Augen legen. Und dann ist da der Mann, der beim Check-In am Flughafen nicht nur seine Waffen zum Scannen in die dafür vorgesehenen Plastikschalen legt, sondern auch sich selbst in allen Einzelteilen: Nase, Augen, Ohren, Innereien, Blut. Das geht natürlich nicht.

Die Video-Arbeit "Safe Conduct" zeigt, wie ein Mann beim Flughafen-Check-In selbst seine Körperteile zum Scannen ablegt.
Die Video-Arbeit "Safe Conduct" zeigt, wie ein Mann beim Flughafen-Check-In selbst seine Körperteile zum Scannen ablegt. | Bild: Markus Tretter

Dazu erklingt Ravels bombastischer Boléro, die komponierte Endlosschleife mit eingebauter Spannungssteigerung, in die das Eincheck-Opfer mit erbärmlich dünner Stimme schließlich einstimmt. Schon sind wir emotional gefangen. Ein Effekt, so simpel und berechenbar wie genial.

Sie leiden ohne Anlass

Ed Atkins’ Videos wären komisch oder zumindest schwarzhumorig, wenn sie uns emotional nicht so geschickt korrumpieren würden. Aber genau um diese Irritation geht es in der Ausstellung im Kunsthaus Bregenz, wo seine Video-Klang-Installationen in aufwändig gestalteten Szenen über vier Etagen ausgebreitet werden. Man sieht auf den ersten Blick, dass die Figuren und Landschaften computergeneriert sind. Wie in einem Computerspiel, das Welten erschafft, die unserer eigenen zum Verwechseln ähnlich sind, sich in Details aber dennoch als unvollkommene Nachahmung entlarven. Der Unterschied liegt nur darin, dass Atkins gar nicht erst versucht, diese Unvollkommenheiten zu glätten. Im Gegenteil. Er spielt damit, dass wir die Machart durchschauen – die Tränen wie Gelatine, die Haut, die bereits einem Verwesungsprozess unterzogen zu sein scheint, die emotionale Manipulation durch die Musik –, wir ihrer Gefühlswelt aber dennoch erliegen.

Atkins Figuren sind stets alleine – wie dieser Mann in "Hisser".
Atkins Figuren sind stets alleine – wie dieser Mann in "Hisser". | Bild: Markus Tretter

Atkins’ Protagonisten seien emotionale Crashtest Dummies, heißt es auf einer der Wandtafeln im ersten Obergeschoss, die wie historische Schiefertafeln aussehen und deren Texte kaum zu lesen sind. Der Vergleich trifft es: So wie bei Crashtests Puppen oder andere tote Gegenstände möglichen Katastrophenszenarien ausgesetzt werden, um reale Folgen daran abzulesen, setzt Atkins seine computergenerierten Figuren emotionalen Katastrophen aus, um etwas über die Erschütterungen unserer Gefühlswelt herauszufinden. Wohl deswegen erfahren wir auch nicht, warum sie unablässig weinen. Sie leiden ohne Anlass, so wie mit den Crashtests auch keine wirklichen Unfälle einhergehen.

Die Ausstellung im Kunsthaus Bregenz ist wie ein Theater- oder Opernbesuch angelegt. Der Eintritt erfolgt im Erdgeschoss über die Mehrkanal-Videoarbeit „Safe Conduct“, der erwähnten Parodie auf die Sicherheitsschleuse eines Flughafens zu Ravels Boléro. Dem Mann, der sich hier restlos der Prüfung übergibt, werden wir weiter oben wiederbegegnen. Er ist so etwas wie Atkins’ Alter Ego. Die drei oberen Geschosse bilden jeweils einen eigenen Akt seines skurrilen Welttheaters.

Szenen aus "Frankensteins Braut"

Die Installation im ersten Obergeschoss setzt sich aus vielen Videoarbeiten zusammen, die sich wie ein Mosaik zu einer einzigen Erzählung (der Werkgruppe „Old Food“) zusammensetzen. Sie spielt mit der Ästhetik pseudohistorischer Fantasy-Filme. Unterstrichen wird das durch zahllose Theaterkostüme aus dem Fundus der Bregenzer Festspiele, die in langen Reihen zwischen die Videoarbeiten gezogen sind.

In dem Video „Good Bread“ blickt man in eine Blockhütte, in die gleich das Baby hineinschweben wird, das momentan noch auf einem anderen Video über die Blumenwiesen zieht.

Das schwebende Baby enstammt der Videoarbeit "Good Bread".
Das schwebende Baby enstammt der Videoarbeit "Good Bread". | Bild: Ed Atkins

Rechts in der Blockhütte steht ein altes Klavier, darauf ein kleiner Fernseher. Darin laufen Szenen aus „Frankensteins Braut“. Sie sind ein Schlüssel zu Atkins’ Bilderwelt. Wie Frankenstein, so hat auch er Figuren geschaffen, die keinen Anschluss finden an die reale Welt. Atkins inszeniert ihre Einsamkeit. Wie Frankensteins Monster erregen sie unser Mitleid und stoßen uns dennoch ab. Sie bleiben allein, nirgends treten sie mit irgendjemandem in Kontakt. Wenn sie weinen, öffnen und schließen sie den Mund lautlos wie ein Fisch im Wasser. So bleibt ihr Schmerz seltsam in die Ferne gerückt. Sie bleiben in ihrer Welt wie in einem Aquarium – unerreichbar für uns.

Einsamkeit ist auch das Thema von „Hisser“, der Installation im zweiten Stock. Mehrere Wände sind hier der Größe nach hintereinander gestaffelt. Alle zeigen dieselbe Szene. Wieder sehen wir den Mann von der Flughafenschleuse, wieder liegt eine schreckliche Einsamkeit über seinem Leben, das sich offenbar in einem kleinen Schlafzimmer abspielt. Er kommt aus dem Nichts und wird auch irgendwann wieder ins Nichts zurückgeholt: Ein Erdbeben erschüttert seinen Rückzugsort und zieht ihn in ein schwarzes Loch. Das Leben beginnt von vorne.

Man sollte sich Zeit nehmen für Atkins’ Videoarbeiten. Selbst wenn sich in ihnen auf den ersten Blick kleinteilige Sequenzen zu wiederholen scheinen, unterstützt etwa durch Wiederholungen immer gleicher Akkordfolgen auf dem Klavier, besitzen sie doch auch eine starke narrative Kraft. Sie erzählen von gefälschten Gefühlen mit realer Wirkung, von Einsamkeit und vom Kreislauf des Lebens.

Ed Atkins im Kunsthaus Bregenz, bis 31. März, Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag 10-20 Uhr. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm. Informationen auf http://www.kunsthaus-bregenz.at

.Ein Blick in die Ausstellung und Ed Atkins über „Safe Conduct“: http://www.sk.de/---