Man kann durchaus sagen, dass es zwei Seelen sind, die in Lars von Triers Brust wohnen. Da ist einerseits der geniale Regisseur von Filmen wie „Dogville“, der auf originelle Weise mit filmischen Ausdrucksformen experimentiert, damit Widersprüche erzeugt und verlässlich radikal vorgeht. Andererseits ist der 62-jährige Däne als Macher von Filmen wie „Nymphomaniac“ ein Enfant terrible, das eine unerschöpfliche Freude an der Provokation hat und sein Publikum – oder zumindest Teile davon – gern vor den Kopf stößt. Was das anbelangt, ist von Triers aktuelles Werk „The House That Jack Built“ keine Ausnahme und treibt das Spiel mit der Grenzüberschreitung noch ein bisschen weiter als sonst. Beim Filmfest in Cannes sorgte der Regisseur mit dem Film für ein erstes Beben. Nun kommt sein Porträt eines Serienmörders ins Kino.

Matt Dillon schlüpft darin furchtlos in die Rolle des Jack, der in seiner unterkühlten und fast schon bieder unheimlichen Art zu von Triers Version des verurteilten Mörders Jeffrey Dahmer wird. Fünf der sogenannten „Zwischenfälle“ von Jacks Serienmörder-Laufbahn werden gezeigt. Im Lauf des Films tötet er mehrere Dutzend Menschen, vorwiegend Frauen. Sein Plan: mit ihren Körpern ein Haus zu bauen. Sein erstes Opfer wird von Uma Thurman gespielt, die bei einer Autopanne auf Jack stößt und nach einem anstrengenden Auftritt das Zeitliche segnet. Die Episode beschert dem Film einen schwachen Auftakt.

Sieht aus wie ein Serienmörder und ist auch einer: Jack (Matt Dillon).
Sieht aus wie ein Serienmörder und ist auch einer: Jack (Matt Dillon). | Bild: Concorde Filmverleih GmbH

In den zunehmend kühneren Begegnungen danach sieht das anders aus. Der Humor ist oft grotesk und die Gewalt schmerzhaft explizit, während von Trier wie gewohnt eine sadomasochistische Selbsttherapie einbaut, in der er auch seine eigenen Dämonen adressiert. Seine Mittel dafür sind so drastisch wie eh und je. Dass einem Küken ein Beinchen abgeknipst wird, bevor es im Kreis weiterschwimmt, dürfte vielen Zuschauern schon arg zusetzen. Doch der Regisseur ist bereit, auch noch das letzte Tabu zu brechen – etwa, wenn Jack auf der Jagd zwei Kinder wie Freiwild abknallt. Abgesehen davon richtet sich die Gewalt erneut vor allem gegen Frauen, die als naiv bis nervtötend charakterisiert werden. Alle, die den Filmemacher für frauenfeindlich halten, werden sich damit erneut bestätigt fühlen.

Ein Film, zwei Seelen

Doch wie von Trier hat auch dieser Film zwei Seelen. Über die kalkulierte Provokation hinaus will der Däne den „The House That Jack Built“ Film mit unterschiedlichen Überlegungen vertiefen. Den Schrecken, den er lustvoll auf (mit-)gefühllose Weise verabreicht, versieht er mit einem philosophischen Überbau. Zwischen Jacks Morden und dessen perversem Hausbau werden Bezüge zu Kunst, Architektur und dem bei Jack fehlgeleiteten kreativen Streben hergestellt, etwas Größeres zu schaffen. Das geschieht über Filmschnipsel, Reflexionsfetzen und über Zwiegespräche zwischen Jack und Verge, dem Leibhaftigen, den Bruno Ganz verkörpert.

Nach zweieinhalb Stunden folgt der Killer Verge in die Abgründe der Hölle. Es ist das furiose Finale eines Films, der künstlerisch nicht zu von Triers besten Werken aufschließen kann. Auch die Provokationen sind meist stumpfer, als man es gewohnt ist. Und doch ist „The House That Jack Built“ eine unterhaltsame Zumutung: selbstherrlich und aufregend, hohl und klug, abstoßend brutal und auf finsterste Weise komisch.