„Neutrum“ wird Jessica (Ella Frey) gehässig von ihren Mitschülern genannt. Mit Topfhaarschnitt und Latzhose sieht die Zwölfjährige in der Tat burschikoser aus als die anderen Mädchen. Aber im Grunde hat Jessica wichtigere Probleme als das bisschen Mobbing in der Schule. Ihre Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Und jetzt leidet ihre geliebte ältere Schwester Sabrina (Emilia Bernsdorf) an einer schweren Lungenkrankheit.

Jessicas Vater taugt nur bedingt als elterliche Zuflucht. Stefan (Martin Wuttke) ist selbst vom Verlust seiner Frau und der Angst um die sterbenskranke Tochter gezeichnet. Er versucht, seine Gefühle offensiv zu kompensieren, indem er sich im Hospiz als wenig tauglicher Sterbebegleiter engagiert.

Zahlen bringen Unglück

Jessica muss mit sich und ihren Gefühlen allein klar kommen und hat dadurch eine Menge Zwangshandlungen herausgebildet. So ist sie der festen Überzeugung, dass bestimmte Zahlenkombinationen Unglück bringen und ihre Schwester gefährden könnten. Hausnummern und Autokennzeichen können da im Alltag zum echten Problem werden.

Manchmal hilft es auch, den Gummibund der Socken 30 oder 40 Mal hoch und runter zu ziehen. Als sie in einem Buch über die heilende Wirkung des Geschlechtsverkehrs liest, macht sie sich auf die Suche nach einem Liebhaber für ihre Schwester und gerät dabei selbst auf romantische Abwege.

Im Film eine Familie: die Schauspieler Martin Wuttke (von links), Ella Frey und Emilia Bernsdorf.
Im Film eine Familie: die Schauspieler Martin Wuttke (von links), Ella Frey und Emilia Bernsdorf. | Bild: Henning Kaiser / dpa

In ihrer zweiten Regiearbeit „Glück ist was für Weicheier“ wählt die Regisseurin Anca Miruna Lazarescu einen interessanten, eigenwilligen Erzählansatz. Sie zeigt den Schmerz ihrer vom Schicksal gebeutelten Figuren nicht durch dramatische Überhöhung.

Vielmehr widmet sie sich mit Genauigkeit und Einfühlungsvermögen den Kompensationsmechanismen, durch die die Betroffenen mit dem Unaushaltbaren umzugehen versuchen. Das hat über weite Strecken durchaus tragikomische Züge und überzeugt vor allem durch die Zentralperspektive einer Zwölfjährigen, die sich nicht unterkriegen lässt.

Hinreißende Ella Frey

Die junge Ella Frey ist hinreißend in der Rolle der jüngeren Schwester, die zwischen Niedergeschlagenheit und Rettungsengel-Elan hin und her geworfen wird. Auf der Suche nach neuen Wegen landet der Film jedoch auch gelegentlich in allzu grotesken Fahrwassern. Das gilt vor allem für die Vaterfigur, die als unbeholfener Don Quijote angelegt ist, von Martin Wuttke jedoch oft an der Grenze zur Hölzernheit gespielt wird.

Aber das sind nur kleine Mangelerscheinungen in einem Film, der sich sich dem Thema Trauer und Verlustangst auf mutige, sensible und erfrischende Weise nähert, ohne die komplexen Gefühlswelten seiner Figuren ins leicht verdauliche Mainstream-Format zu banalisieren.