Frau Lust, zurzeit will jeder ein guter Mensch sein. Wie selten zuvor sorgt man sich vor sexistischem, rassistischem oder anderweitig fragwürdigem Verhalten.

Nun, Rassismus und Sexismus sind in unserer Gesellschaft eben lange Zeit Konsens gewesen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn es Empörung gibt. Noch in den Fünfzigerjahren war rassistisches und sexistisches Verhalten ganz normal. Die Frau, die aufbegehrte, galt als hysterisch. Jetzt ändert sich das.

Sie selbst beschreiben in Ihrem Comic, wie Sie einmal versucht haben ein guter Mensch zu sein...

Nach den humanistischen Idealen ist das Ziel, ein guter Mensch zu sein, schon immer erstrebenswert gewesen. Deshalb finde ich es auch tragisch, wenn dieser Anspruch heute diffamiert wird. Zum Beispiel, wenn auf süffisante Weise vom sogenannten Gutmenschen die Rede ist.

War Ihr eigener Versuch, ein guter Mensch zu sein, erfolgreich?

Nein. Ich habe den Titel deshalb auch bewusst so formuliert, dass er dieses Scheitern schon in sich trägt: "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein."

Sie haben in diesem Versuch gleich mehrere Grenzen und Konventionen überwunden: die Monogamie, die Grenzen der Kulturen, die Grenzen des Rechts. Aus Überzeugung oder aus Schicksal?

Aus Überzeugung. In meinem ersten Buch beschreibe ich, wie ich als 17-jährige Punkerin nach Italien abhaue. Da geht es um das Streben nach Anarchie und einen freien Lebensentwurf. Das zweite Buch handelt nun von meiner Rückkehr in die Gesellschaft: davon, wie ich zwar an manchen Fronten weiterhin eigene Wege gehe, zugleich aber auch als guter Mensch von der Gesellschaft anerkannt sein möchte.

Hat sich dabei Ihr Blick auf diese klassischen Wertvorstellungen der Gesellschaft wie etwa die Monogamie verändert?

Die Monogamie ist eine schöne Sache, die das Leben zwar in mancher Hinsicht einfacher macht, aber nicht unserer Natur entspricht. Es handelt sich um eine rein gesellschaftliche Abmachung. Und weil sie unserer Natur so sehr widerspricht, halte ich diese Abmachung für gefährlich.

"Rassistisch wäre, wenn ich ihn von meiner Kritik absichtlich verschone", sagt Comic-Autorin Ulli Lust über ihren literarischen Umgang mit dem früheren Geliebten.
"Rassistisch wäre, wenn ich ihn von meiner Kritik absichtlich verschone", sagt Comic-Autorin Ulli Lust über ihren literarischen Umgang mit dem früheren Geliebten. | Bild: Ulli Lust

Sollte die Ehe polygamen Partnerschaften offenstehen?

Die Heirat wird ja nur deshalb für so wichtig angesehen, weil sie ein Langzeitmodell ist. Aber dass eine Partnerschaft ein ganzes Leben lang halten soll, setzt uns alle nur unter unnötigen Druck, ob monogam oder polygam.

Plädieren Sie also dafür, statt einer Öffnung der staatlichen Institution Ehe lieber diese Institution an sich infrage zu stellen?

Interessante Frage. Jedenfalls ist die Art, wie diese Institution in Deutschland staatlich gefördert wird, nicht ideal. Dabei denke ich vor allem an das Ehegattensplitting, das eine Geringschätzung von weiblicher Arbeit befördert. Grundsätzlich finde ich schon, dass für Kinder ein Gefühl von Sicherheit wichtig ist. Leider führt ein Ehevertrag aber nicht dazu, diese Sicherheit herzustellen. Die Leute heiraten doch nicht aus Gründen der Absicherung, sondern weil so eine Hochzeit einfach schön ist. Ich kann das auch gut verstehen: Genau genommen hat der Staat in meiner privaten Liebesbeziehung überhaupt nichts zu suchen!

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In Ihrem Comic beschreiben Sie sich als ständig nach Sex begierige junge Frau. An einer Stelle träumt sie von riesigen Penissen. Entspricht das einem feministischen Frauenbild?

Das hat nichts mit Feminismus zu tun, sondern mit Weiblichkeit. Ich glaube, dass ich in meinen körperlichen Bedürfnissen ein recht durchschnittlicher Mensch bin. Nur: Die meisten geben diese Bedürfnisse nicht zu. Auch ich habe es lange Zeit nicht zugegeben. Erst als Comicautorin mit 50 Jahren hatte ich den Mut, das zu erwähnen. Ich glaube, dass es für andere Frauen und auch heute heranwachsende Mädchen gut ist, wenn sie wissen, dass wir alle von sexuellen Fantasien geplagt werden. Bislang können nur Männer darüber schreiben, nicht aber wir Frauen.

Ist das so? Angenommen, ein männlicher Comicautor hätte diese Szene einer fiktiven Frauenfigur angedichtet. Wäre der Sexismusvorwurf nicht naheliegend?

Da gibt es einen großen Unterschied. Männer können nur von ihren eigenen Vorstellungen ausgehen und nicht von der nüchternen Beobachtung einer Frau.

Hielten Sie es für genauso problematisch, wenn eine weibliche Autorin sich in männliche Bedürfnisse hineindenkt?

Natürlich ist das Grundprinzip jedes literarischen Arbeitens, sich in eine andere Person hineinzuversetzen. Allerdings ist ein Problem, dass es in unserer Literatur viel zu viele Männer waren, die dieses Prinzip für uns Frauen anwendeten. Dadurch ist der Eindruck entstanden, Frauen müssten sich so verhalten und fühlen, wie Männer sich das ausgedacht haben. Deshalb ist es in der Tat ein Unterschied, ob sich eine Autorin in einen Mann hineindenkt oder ein Autor in eine Frau.

Sie beschreiben auch, wie ihr schwarzer Freund aus Eifersucht gewalttätig wird. Hatten Sie keine Skrupel, damit ein rassistsiches Klischee zu bedienen?

Rassistisch wäre, wenn ich ihn von meiner Kritik absichtlich verschone. Welche Gründe auch immer ich angebe, über sein Verhalten nicht zu sprechen: Ich würde ihn dadurch herabsetzen.

Das ist verständlich, zeigt doch aber auch die Krux unserer Versuche, ein guter Mensch zu sein: Was auf den ersten Blick geboten scheint, erweist sich beim zweiten als verwerflich und umgekehrt!

Ja, das ist ein großes Problem unserer Kultur. Ich sage das, weil in meiner Heimat Österreich zurzeit eine massiv rassistische Grundstimmung herrscht. Ich habe deshalb tatsächlich überlegt, ob es richtig ist, in diesem Klima öffentlich einen Schwarzen zu kritisieren. Zwar habe ich ja auch viel Positives über ihn geschrieben. Aber das wird negiert, die Leute wollen ja ihre Klischees bestätigt sehen.

Fällt uns das Gutsein oft deshalb so schwer, weil das Gute gegenüber der einen Person oftmals das Schlechte gegenüber einer anderen ist? Die Konflikte Ihrer Beziehung mit zwei Männern gleichzeitig legen das nahe!

Ich wollte gut sein im Sinne von ehrlich. Mauscheleien mit einem heimlichen Geliebten mag ich einfach nicht. Mir sind diese Geschichten, die sich um Eifersucht drehen, schon immer auf die Nerven gegangen. Und genau diese Geschichte wollte der eine meiner beiden Partner bis zum Exzess durchexerzieren! Ich kann das noch heute nicht verstehen: Er hat doch von Anfang an gewusst, worauf er sich einlässt! Wie kam er nur dazu, das plötzlich für falsch zu halten?

Wie lautet Ihre Antwort?

Es gibt nun mal diese großen Romantiker. Ich gehöre nicht dazu.

Am Samstag, 30. März, tritt Ulli Lust im Rahmen des St. Galler Literaturfestivals "Wortlaut" auf. Um 17 Uhr liest sie im Palace, Zwinglistrasse 3, aus "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein".

Das Festival "Wortlaut" beginnt bereits am Donnerstag und endet am Sonntag. Mehr Informationen unter: http://www.wortlaut.ch