„Lasst es bitte nicht zu sakral aussehen!“, ruft Gaby Hauptmann der Fotografin zu. „Dafür bin ich so gar nicht der Typ!“ Es ist Freitagnachmittag, seit wenigen Minuten ist bekannt, dass die Bestsellerautorin aus Allensbach bald im Fernsehprogramm des Südwestrundfunks (SWR) eine eigene Talkshow bekommen wird. „Talk am See mit Gaby Hauptmann“ heißt sie zurzeit, doch das ist vorerst nur ein Arbeitstitel.

Ehemalige Stiftskirche als Drehort

Bereits fest steht dafür etwas anderes: der Drehort. Es ist die ehemalige Stiftskirche St. Johann in Konstanz. Für den SÜDKURIER lässt sich Hauptmann dort schon mal fotografieren. Die Leser sollen sich vom Ambiente schon mal ein Bild machen können. Es ist der perfekte Ort für eine Talkshow: geräumig und doch intim, geschichtsträchtig, aber gleichwohl aktuell. Zu sakral? Nicht die Spur. Der Raum hat sich bereits in der Vergangenheit als Kulisse etwa für Kunstausstellungen bewährt.

Bild: Jörg-Peter Rau

Gaby Hauptmann ist ein Phänomen. Deutschlandweit bekannt geworden ist sie in den 90er-Jahren mit ihren Bestsellern „Suche impotenten Mann fürs Leben“ und „Nur ein toter Mann ist ein guter Mann“.

Bild: fvb

Es war die Zeit des sogenannten „Neuen deutschen Frauenromans“ und damit von Titeln wie „Beim nächsten Mann wird alles anders“ (Eva Heller) oder auch „Ein Mann für jede Tonart“ (Hera Lind). Doch während Hera Lind und Eva Heller schon bald von der Bildfläche verschwanden, blieb Hauptmann bis heute erfolgreich. Ihre Romane werden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, die Marke von zehn Millionen verkauften Büchern ist längst überschritten. Und jetzt: eigene Talkshow, Samstagabend, beste Sendezeit für dieses Format (22.15 Uhr).

Bild: Hella Wolff-Seybold

Der Sender selbst, sagt sie, sei mit der Anfrage auf sie zugekommen. „Bei mir stand eines Tages Werner Kimmig vor der Tür, der bekannte Fernsehproduzent.“ Was sie sich dachte, als er ihr den Vorschlag unterbreitete? „Erst mal gar nichts“, sagt sie. „Aber dann wurde mir doch bewusst, dass diese Aufgabe eigentlich genau dem entspricht, was ich am besten kann.“

Gespür für den Zeitgeist

Was viele Leser ihrer Bestsellerromane nicht wissen: Hauptmann ist gelernte Journalistin. Beim SÜDKURIER wurde sie einst zur Redakteurin ausgebildet, später arbeitete sie vor allem fürs Radio und Fernsehen, unter anderem produzierte sie unter dem Titel „Pp – Prominenz privat“ eine Serie von Fernsehinterviews im Hessischen Rundfunk. „Ich wollte schon immer gerne Leute kennenlernen“, sagt sie. „Das ist doch die Triebfeder eines jeden Journalisten!“ Die journalistische Erfahrung, die Bandbreite ihrer Tätigkeiten, ihre jede Diskussion belebende Art: Sie glaubt, dass es eine Mischung aus all diesen Faktoren sei, die Kimmig und den SWR auf die Idee brachten, Gaby Hauptmann anzufragen.

Bühnenbild kommt erst noch

„Sehen Sie die Galerie?“, fragt sie und zeigt auf das Geländer in etwa vier Metern Höhe. „Zurzeit planen wir, dass dort oben Publikum sitzen kann.“ Die Gäste sollen unten mittig platziert werden. Dass bereits heute hier eine kleine Sitzgruppe steht, ist aber Zufall. „Das Bühnenbild kommt erst noch!“

Bild: Rau, Jörg-Peter

Wer Gaby Hauptmann bei der Besichtigung ihrer künftigen Wirkungsstätte beobachtet, der spürt ihre Vorfreude, ihre Neugier auf dieses Projekt. Und doch: Talkshows gibt es bereits reichlich, es wird eine Herausforderung sein, gegenüber den etablierten Formaten ein Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln. Beim Gespräch in der Redaktion erläutert sie ihr Konzept.

Bild: Alexander Bernhardt

Demnach werden Menschen aus dem Südwesten – gemeint sind Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland – über die relevanten Themen der vergangenen Woche diskutieren. „Da kann der Lebensretter dabei sein, aber auch der Wissenschaftler. Und es kann um ernsthafte Fragen gehen aber auch um unterhaltsame.“ Der Auftritt von Rocklegende Sting in Salem etwa: ein mögliches Thema bei Gaby Hauptmann. Gleiches gilt aber für den CDU-Parteitag in Hamburg. Wichtig ist nicht, ob eine aktuelle Geschichte tatsächlich im Südwesten der Republik stattfindet. Sondern, ob sie die hier wohnenden Menschen bewegt.

Bild: Bernhardt, Alexander

Fehlt nur noch der Hebel, mit dem sich ein gutes Gespräch in Gang setzen lässt. Gaby Hauptmann sagt: „Im Endeffekt hilft immer das Gespür für den Zeitgeist.“ Sie hat dieses Gespür bereits 1995 unter Beweis gestellt, als sie mit „Suche impotenten Mann fürs Leben“ ihren ersten Bestseller landete. Was ist heute der Zeitgeist? „Er besteht im Abschirmen von der Überforderung, im Rückzug ins wohlige Zuhause. Denn mit vielem, was draußen passiert, können die Menschen nicht umgehen.“

Sendestart Ende April

Dieser Zeitgeist stellt für jede Talkshow eine Herausforderung dar. Auf den diversen Plattformen der digitalen Medien verdrängt ein Hang zum Selberreden die Bereitschaft zum Zuhören, an die Stelle des zivilisierten Dialogs tritt der aggressive Schlagabtausch. „Man weiß ja“, „jeder sagt“, „es ist ja allgemein bekannt, dass...“: Für Hauptmann zeigt sich in Formulierungen wie diesen meist schon der verbohrte, an einer wirklichen Diskussion nicht interessierte Gesprächsteilnehmer.

„Solche Gäste mit Tunnelblick möchte ich nicht“, sagt sie – und korrigiert sich gleich: „Jedenfalls nicht vier auf einen Schlag!“ Einen Verbohrten unter drei Aufgeschlossenen, das könne sie sich schon eher vorstellen. „Es kann ja auch Spaß machen, so eine Haltung aufzubrechen.“

Bild: Bernhardt, Alexander

Sie freue sich, dass für ihre neue Sendung ihre Heimatregion am Bodensee ausgewählt wurde, hieß es gestern in einer Pressemitteilung des SWR. Hand aufs Herz: Spielt der Ort wirklich eine Rolle? Oder könnte diese Talkshow nicht ebensogut in Baden-Baden oder Stuttgart stattfinden? Zwei Gründe, sagt Gaby Hauptmann, hätten für sie den Ausschlag gegeben, auf Konstanz als Standort zu drängen. „Erstens hätte es für mich tatsächlich eine große Belastung bedeutet, jede Woche etwa nach Karlsruhe fahren zu müssen. Und zweitens ist die Bodenseeregion bislang im Fernsehprogramm doch vernachlässigt worden.“ Höchste Zeit also, die Konzilstadt wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Vorerst muss sich das Publikum noch gedulden. Als Start wird der 27. April anvisiert. Bis dahin steht dann auch das Bühnenbild.